Zeitung Heute : Jetzt geht das Digital-Fernsehen in die Luft

Rainer Bücken

Am nächsten Mittwoch, den 13. Februar, unterzeichnen in Berlin Vertreter der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender sowie der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) eine Vereinbarung mit weitreichenden Folgen. Es geht um nichts weniger als den Abschied von der bisher gültigen analogen terrestrischen Fernsehversorgung. Doch die dazu nötigen Zimmer- oder Dachantennen werden nicht überflüssig - in vielen Fällen lassen sich mit ihnen sogar noch mehr Fernsehprogramme empfangen als bisher. Das Stichwort für diese wundersame Programmvermehrung heißt Digitalisierung, und die wird in Berlin vorangetrieben wie sonst nirgendwo in dieser Republik.

Die jetzt noch mit einer konventionellen Dach- oder Zimmerantenne empfangbaren 12 Programme reichen den meisten Fernseh-Interessierten offensichtlich nicht. Gerade mal 147000 Haushalte im Großraum Berlin lassen zumindest noch einen ihrer Fernsehapparate über die Luft versorgen, nutzen den sogenannten terrestrischen Empfang. Doch den Rundfunkanstalten wird das auf Dauer zu teuer. "Für weniger als zehn Prozent der Fernsehhaushalte müssen wir etwa das Zehnfache an Übertragungskosten zahlen, die wir für Kabel und Satellit zusammen aufbringen müssen", erklärt Albrecht Ziemer, Produktionsdirektor des ZDF, dem Tagesspiegel. So wurde seit nunmehr zehn Jahren eine digitale Technik entwickelt, mit der sich in einem Fernsehkanal vier Programme übertragen lassen. Mit "Digital Video Broadcasting - Terrestrial", abgekürzt DVB-T, ist das nun möglich. Zudem ist der Empfang dann überall gegeben, in der Wohnung, der Laube, beim Camping - und wenn es sein muss, auch während der Autofahrt.

Schon jetzt können TV-Enthusiasten in Berlin den digitalen terrestrischen Empfang erleben - im Testbetrieb mit 21 Programmen und einer Settop-Box, die es bereits zu kaufen gibt. So sind alle öffentlich-rechtlichen und die wichtigsten privaten TV-Programme zu empfangen, sofern eine der drei Sendeantennen nicht allzu entfernt ist, denn die Abstrahlleistung ist recht niedrig.

"Um aber wirklich das Überall-Fernsehen nutzen zu können, brauchen wir die leistungsstarken Sender, wie sie derzeit schon für das analoge Fernsehen genutzt werden", stellt Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) fest. "Die müssen wir dazu eben umschalten." So wurde in jahrelangen Verhandlungen ein Einführungsszenario für das digitale terrestrische Fernsehen aufgebaut, auf das sich nun alle Beteiligten der Berlin-Brandenburger Fernsehlandschaft geeinigt haben.

"Wir müssen die Vorteile der digitalen Sendetechnik aufzeigen, und das geht nur mit leistungsstarken Sendern", so Uwe Hense, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung der Rundfunkversorgung Garv. Doch neue, bislang ungenutzte Frequenzen sind nicht in Sicht. Also müssen die alten herhalten.

Daher beginnt das Abschiednehmen mit Pro7 im Oktober/November dieses Jahres. Der zum Kirch-Imperium gehörende Sender wird dann seine bisherige Frequenz (Kanal 44) aufgeben und dafür auf der etwas schwächer daherkommenden Frequenz von RTL2 (Kanal 47) noch einige Monate analog weitersenden.

Demonstration der Fähigkeiten

Dazu muss aber auch RTL2 seinen Sendebetrieb mit der alten Technik einstellen.Nach einer technischen Umbauphase von einigen Wochen wird dann Kanal 44 wieder aktiv genutzt - die Programme RTL, RTL2, Sat1 und Pro7 werden dann digital ausgestrahlt. "Zur Demonstration, damit der Handel Geräte verkaufen kann", weiß Ingrid Haas, Unternehmenssprecherin von RTL. Damit nun die digitale Technik keine weit entfernt liegenden analogen Sender mit der gleichen Frequenz stört, wurde bereits im Juli 1997 im Abkommen von Chester festgelegt, dass digitale Sender nur mit ein Fünftel bis ein Zehntel der analogen Leistung betrieben werden dürfen. Daher können in den nächsten Jahren selbst die leistungsstarken Frequenzen nur mit gebremster Power betrieben werden - die theoretisch und praktisch von Elektrosmog Gebeutelten können aufatmen. "Selbst mit der reduzierten Sendeleistung erreichen wir durch die Digitaltechnik mühelos den Großraum Berlin", ist Wolfram Klemmer, Chefingenieur des SFB, zuversichtlich. In einem Jahr sollen alle übrigen privaten Programme analog aus-, dafür aber digital eingeschaltet werden. Also heißt es dann nach dem erfolgten Revirement auch Sendeschluss für die analoge terrestrische Übertragung von TVB, Sat1, RTL, FAB, Vox und Pro7. Dafür sind die dann - und noch etliche mehr - digital zu empfangen.

Nur die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF waren bislang zögerlich in puncto Abschalten - nutzen sie doch etwa 80 Prozent aller Frequenzen in Deutschland und hätten entsprechend viel zu verlieren. Zudem haben ARD und ZDF eine Pflicht zur Grundversorgung der Bevölkerung mit Rundfunk. Damit die nicht länger das terrestrische analoge Fernsehen betrifft, haben sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer auf eine "Normative Regelung" verständigt. Dazu heißt es im 6. Rundfunkänderungsstaatsvertrag zur Digitalisierung des Rundfunks, der voraussichtlich im Sommer 2002 in Kraft tritt: "Die in der ARD zusammengeschlossenen Rundfunkanstalten, das ZDF und das Deutschlandradio, können ihre Verpflichtung zur Versorgung der Bevölkerung mit Rundfunk durch Nutzung aller Übertragungswege nachkommen. Sie sind berechtigt, zu angemessenen Bedingungen die analoge terrestrische Versorgung schrittweise einzustellen, um Zug um Zug den Ausbau und die Zuweisung digitaler terrestrischer Übertragungskapazitäten zu ermöglichen." Soweit Paragraph 52a, Absatz 2.

Der Rechtsanspruch entfällt

Damit soll dann kein Fernsehzuschauer mehr einen Rechtsanspruch auf analoge terrestrische TV-Programme haben. Der dürfte auch kaum einzulösen sein, wenn eben nicht "nur" zwölf, sondern 24 Programme in der Luft sind. Außerdem sind noch Multimedia-Dienste für den mobilen Empfang vorgesehen, teilweise mit Rückkanal über die Mobilfunknetze. Jedenfalls will auch die ARD "sich aktiv am Einstieg in den Regelbetrieb des digitalen terrestrischen Fernsehens beteiligen" - so heißt es zumindest in einer vor wenigen Tagen herausgegeben Presseerklärung. Kunststück, können doch allein die ARD für den Zeitraum von 2001 bis 2004 auf rund 70 Millionen Euro und das ZDF auf rund 36 Millionen Euro zurückgreifen. Diese Summen wurden bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) angemeldet und wurden auch aus dem Gebührentopf bereitgestellt. Aber auch die Privaten werden daraus bedient. "Die Landesmedienanstalten bekamen im vergangenen Jahr insgesamt 259,3 Millionen DM - und daraus kann auch die DVB-T-Umstellung finanziert werden", meint KEF-Geschäftsführer Horst Wegner. Im Herbst nächsten Jahres ist auch für die Öffentlich-Rechtlichen Schluss mit der analogen Terrestrik - es wird eben alles digital.

Die terrestrische Rundfunkübertragung und damit auch DVB-T ist für ARD und ZDF auch deswegen so wichtig, da sie eine von Dritten unabhängige Übertragung von Radio und Fernsehen ermöglicht. Bei Satellit und Kabel ist das anders, da haben die jeweiligen Betreiber noch mitzureden.

Nun ist das Thema Kabel aber recht umstritten. Die Zukunft der Goldadern liegt im Dunkeln. Was da glänzen soll, sind einzig die immer höher geschraubten Kabelpreise. Dazu Jürgen Sewczyk, Vorsitzender der Deutschen TV-Plattform: "Wer hier eine Alternative will, kann sie mit DVB-T haben: Ab Herbst will die Industrie Decoder für 199 Euro anbieten. Und die dürften sich nach etwa anderthalb Jahren schon amortisiert haben." So lange jedenfalls will man den "Terrestriern" keine Zeit geben, sich umzustellen. "Wir stellen uns einen Übergangszeitraum von maximal sechs Monaten vor. Zur Internationalen Funkausstellung 2003 wollen wir keine Frequenzen mehr analog nutzen müssen", ist Hans Hege zuversichtlich.

Das hat einen einfachen Grund: Während der Übergangsphase, in der die Sender ihre Programme sowohl analog als auch digital ausstrahlen, erhalten die privaten Anbieter von der Medienanstalt einige Millionen Euro als Anschubfinanzierung. Ob das aber ausreicht, um die neue Technik "zum Fliegen" zu bringen, hängt von den Berlinern und Brandenburgern ab. "Wir müssen die terrestrische Reichweite wieder erhöhen. Wenn das klappt und Berlin abhebt, dürfte DVB-T auch bundesweit ein Erfolg werden", hofft Jürgen Sewczyk. "Aber es müssen sich genügend Zuschauer dafür finden.

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