Zeitung Heute : "Jetzt sind die Jungen gefordert"

ULRICH ZAWATKA-GERLACH

TIERGARTEN .Der Nachwuchs drängt nun mit Macht nach vorn."Mit dieser Wahl ist auch innerparteilich eine Ära zu Ende gegangen", sagte CDU-Landesgeschäftsführer Matthias Wambach beim Gläschen Bier."Jetzt sind die wirklich Jungen in der Union gefordert", fügte er mit Bedacht hinzu.Wambach gehört zu den Modernisierern in der Berliner Union; unauffällig, aber effektiv, ein kühler Analytiker.Wie anders doch die älteren Großkopfeten gestern abend auf der Wahlparty im neuen Konrad-Adenauer-Haus auf die Niederlage reagierten!

"Irrational" sei das Wahlergebnis, klagte CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky.Er verstand nicht, wie die Menschen im Osten Deutschlands so falsch ihre Kreuzchen haben setzen können."Das hätte ich nie gedacht, nach allem, was seit 1990 vorangebracht wurde." Kritik übte Landowsky ungeniert am altbackenen Wahlkampf der Bundes-CDU, und stand damit an diesem Abend nicht allein."Das einzig gute Wahlplakat war Keep Kohl." Auch Jörg Schönbohm, Vize-Chef der Landes-CDU, ahnte, "daß wir schlechter waren als der Herausforderer, daraus müßen wir Konsequenzen ziehen, und Wolfgang Schäuble ist der einzige, mit dem wir das machen können".

Und dann zündelte Schönbohm noch ein bißchen.Wenn Arbeitssenatorin Christine Bergmann in die Bundesregierung wechsle, dann könne man auch ganz auf das Senatsressort verzichten, meinte er.Aber Landowsky dementierte sogleich: Wie die SPD ihr Personal austausche, sei deren Sache, da mische man sich nicht ein.Währenddessen stand CDU-Landeschef Eberhard Diepgen, der im Konrad-Adenauer-Haus seine Parteifreunde inständig bat, "jetzt den Kopf nicht zu intensiv hängen zu lassen", wie so oft Rücken an Rücken zum Parteifreund Schönbohm und gab deutlich zu verstehen, daß er von einer großen Koalition im Bund nichts halte, solange Rot-Grün eine rechnerische Mehrheit habe.Sonst aber stehe die CDU bereit: "Staat geht vor Partei."

Den Galgenhumor und den Appetit ließen sich die Gäste der Wahlparty trotz alledem nicht verderben, das Büffet, Bier und Wein blieben nicht stehen, es herrschte drangvolle Enge und ein großes Kommunikationsbedürfnis.Nur Diepgen-Gattin Monika war überhaupt nicht generös gestimmt: "Die freuen sich jetzt, die anderen!" Ansonsten aber wurde das "Votum für den Wechsel" vom scheidenden Bundestags-Abgeordneten Heinrich Lummer über Wirtschaftssenator Elmar Pieroth bis zum CDU-Generalsekretär Volker Liepelt ohne Wenn und Aber anerkannt.Man wahrte die Fassung und blickte kampflustig nach vorn.Keinesfalls möchte die Parteispitze der Basis jetzt Gelegenheit geben, sich in ein tiefes Loch fallen zu lassen.Denn nach der Wahl ist vor der Wahl: In Berlin wird im Herbst 1999 ein neues Landesparlament gewählt.Im Herzogschen Sinne wünschte sich Diepgen "einen Ruck durch die Partei"; 1999 wolle die CDU wieder stärkste Partei werden.Rot-Grün im Bund, so hofft die Union nunmehr, bedeute bessere Chancen für die Wahlen 1999 in Berlin.

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