Zeitung Heute : Jewgenij allein zu Haus

MANUEL BRUG

Mechanik statt Musik: James Levine und die Berliner Philharmoniker vergaßen KissinVON MANUEL BRUGWann wird klassische Musik wichtig genommen? Wenn sie gut gespielt wird, oder wenn sie viel kostet? Wann findet sie außerhalb einer schwindenden Schicht an ihren Ansprüchen gereifter Menschen, die sie für lebensnotwendig erachten, die sie wieder und wieder hören wollen, um daraus Erfüllung und Erkenntnis zu ziehen, noch ohne Rechtfertigungsdruck statt in einer Welt in der sich das Karussell der Reize, Meinungen und Moden schneller und sinnleerer, aber dafür stetig bunter und lärmiger dreht? Fragen, die einem in den Sinn kamen, verfolgte man das unwürdige Spektakel, wie sich in München schlecht beratene, auf die schnelle, längst nicht mehr garantierte CD-Mark schielende Musiker und auf das Prestige eines für groß erachteten Namens setzende Politiker einen neuen Chefdirigenten für die Münchner Philharmoniker gekürt haben.Was heißt gekürt: aus dem Schmutz persönlicher Anschuldigungen, kleinkrämerischer Kungeleien und selbstherrlicher Oberbürgermeister-Beschlüsse mit einem fetten Portefeuille sich erkauft und vergoldet haben.Was nicht nur Folge einer oft gescholtenen rot-grünen Kulturpolitik ist.Ähnliches kann morgen, ist genug Geld da, auch anderswo passieren.Diesmal jedenfalls wurde James Levine, dessen allmächtiger Agent Ronald A.Wilford unbedingt wieder einen Fuß auf das für ihn verwaiste weißblauen Terrain bringen wollte, Nachfolger von ausgerechnet Sergiu Celibidache.Der schrille Kunst-Krimi als schmieriges Politik- und Geschäftsgeschiebe.Was bei den grellen Kämpfen um Millionen-Gagen, verschwindend geringen Anwesenheiten und schlappe 60 000 Mark netto pro Konzert auf der Strecke bliebt: die Musik. Die war in München letzte Woche beim habemus papam eiligst anberaumten Sonderkonzert mit vorausgegangener Vertragsunterzeichnung und anschließendem Empfang zwar durchaus in Form von Mozart, Lutoslawski, Brahms und Wagner auch noch vorhanden, spielte jedoch bei der hysterisch überbuchten, societyüberglänzten Veranstaltung höchsten als Pausenüberprückung eine vernichtend kritisierte Nebenrolle.Schon lange war ein Konzert, bei dem nicht mindestens drei Tenöre auftraten, dafür deren Dirigent, nicht mehr so sehr event.Auch Rudolf Moshammer soll um ein Philharmoniker-Abonnement ersucht haben. Lange Vorrede.Aber nötig, wenn man nun, ganz ohne Berliner Publikumsaufgeregtheit, bei einem normalen philharmonischen Auftritt (4.Konzert Serie A), den regelmäßig an diesem Pult erscheinenden, gerade mit stumm lächelnder Ergebenheit durch ein Fegefeuer der Eitelkeiten gestapften James Levine zu überprüfen die Gelegenheit hat.Was sich, lag es an der nicht spurenlos vorübergegangenen Anspannung der letzten Wochen (auch von einer Vergiftung war die Rede), als ziemlich desaströs herausstellte.Schon lange hat ein philharmonisches Konzert nicht mehr so bedenklich gestimmt, soviel Ratlosigkeit ausgelöst.Kaum ein Impuls schien vom Dirigenten auszugehen, ein lohnendes Programm wurde routiniert heruntergespielt.Mehr noch: fehlerhaft und schlampig exekutiert.Was am Orchester und seinem Anführer lag. Wer Anton Weberns aus dem Nukleus Streichquartett auf die große Saitenbesetzung ausgeweitete frühen fünf Sätze op.5 aufführt, sollte wissen, wie er Spannungen und warum Zäsuren setzt; der sollte diese zarten Gebilde messerscharf modellieren können; diesen einem gewesenen Schönklang nachhörenden, ihn aber schon verweigernden Musik-Miszellen in ihrer gebrochenen Verdichtung und architektonischen Strenge gerecht werden.Nichts davon in der Philharmonie.Ein lebendes Metronom rief bei mechanisch agierenden Streichern Melodiefloskeln, mal leises, mal lautes Geschrammel, dünne Tremoli und Geklacker sul ponticello hervor.Als zumindest programmatisch reizvoller All-Brass-Sound dagegengesetzt: "Et Expecto Resurrectionem Mortuorum".Doch auch Oliver Messiaen hat seinen einförmigen Unisono-Auferstehungesang eher als belebt atmendes, erstaunlich monochromes Gebilde zur Huld seines Herren verstanden und nicht als erratische Klangblöcke, aufgebrochen nur von zugegeben betörend flatterzüngigen Holzbläser-Vogelstimmen , in lärmiger Wucht endend; soweit nicht das Publikum mit aparten Rotzgeräuschen dazwischenfuhr. Eine Brahms-Verhinderung schließlich: dessen 1.Klavierkonzert d-moll.Selbst ein Weltklasse-Solist wie Jewgenij Kissin, und das ist er auf einzigartigem Gipfel, konnte nur in den Solo-Episoden Punkte machen, sein wundervolles Passagenspiel, seine zärtlich verhuschten Triller, und seine dann wieder zupackende Wucht vorführen.Interpretation war leider bei diesem Überlebenskampf nicht möglich.Denn in den Tutti-Stellen, und das sind viele in diesem Konzert, suppte hinter ihm eine sämige Soße aus Desinteresse und stillos bräsigem Geholze.Verpatzte Einsätze, falsche Bläser, grell klingende hohe Streicher.An diesem Berliner Abend lief einiges schief.Aber die Ära Levine in München beginnt ja erst 1999...

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