Zeitung Heute : "Jini" soll ein neues Computer-Zeitalter einläuten

LUDWIG SIEGELE

SAN FRANCISCO .Für die meisten Menschen sind Computer ein Graus - mit Recht: Schon das Anschalten ist oft ein kompliziertes Unterfangen.Was fehlt sind Rechner, die so einfach zu bedienen sind wie Haushaltsgeräte.Genau das ist das Ziel von "Jini", einer Software von Sun Microsystems, die der kalifornische Computerkonzern an diesem Montag in San Francisco mit großem Tamtam vorstellen wird.

Setzt sich die neue Technologie durch, dürfte sich in der Computerindustrie noch weit mehr ändern als die Bedienungsfreundlichkeit ihrer Produkte: "Jini" macht aus Datennetzen regelrechte Computer - und könnte damit traditionelle Betriebssysteme wie "Windows", die Basisprogramme eines jeden Computers, zur Nebensache degradieren.

"Windows" praktisch überflüssig zu machen, ist schon seit langem der große Wunsch von Bill Joy, Suns Cheftechnologe und der offizielle "Vater von Jini".Für ihn haben die heutigen Betriebssysteme keine Zukunft mehr: Sie seien viel zu aufgeblasen und komplex, meint Joy."Windows 2000" etwa habe über 35 Mill.Programmzeilen.Joy: "Da werden immer zig Fehler drin stecken."

Außerdem, so der Forscher, seien die Programme aufgebaut wie ein Zentralstaat.Und das sei nicht gerade die passende Struktur für die nächste Computerära, in der alle erdenklichen Dinge, sei es die Waschmaschine, die Brieftasche oder sogar die Kaffeetasse, mit Chips ausgerüstet sein würden und miteinander kommunizieren könnten."Dafür", versichert Bill Joy, "brauchen wir fehlertolerante und bedienungsfreundliche Software."

Das erste Element eines Alternativmodells war "Java", die Programmiersprache von Sun.Mit ihr lassen sich kleine Software-Elemente schreiben, sogenannte Objekte, die übers Netz geschickt werden können.Und jedes Betriebssystem kann sie abspielen, wenn es mit einer sogenannten Java Virtual Machine (JVM) ausgerüstet ist, eine Art Software-Übersetzer.

"Jini" ist der nächste Schritt.Die neue Technologie schafft eine gemeinsame Plattform für Elektrogeräte aller Art, um miteinander zu kommunizieren und ihre Dienste auszutauschen.Laut Sun bilden sie eine "Gemeinschaft", deren Verfassung "Jini" ist und die "Java" als Sprache hat.Alle Mitglieder müssen deswegen mit einer JVM ausgerüstet sein.

Das alles klingt recht kompliziert.Aber Verbraucher werden sich damit nicht herumschlagen müssen.Sie stecken ihren Drucker, ihren Fernseher oder ihren Kühlschrank einfach ins Netz.Sollten Haushalte einmal mit drahtlosen Datennetzen ausgerüstet sein, werden sich die verschiedenen Geräte sogar von alleine finden.

Mit "Jini" macht freilich auch einen anderen langgehegten Traum von Informatikern möglich: distributed computing.Alle an ein "Jini"-Netz angeschlossenen Geräte werden Teil eines Gesamtcomputers und können sich Aufgaben untereinander aufteilen, PCs etwa die Rechenkraft eines Supercomputers ausleihen.Die Software für solche Anwendungen muß allerdings erst noch geschrieben werden.Und das wird nicht einfach sein.Aber "Jinis" Erfolg hängt vor allem davon ab, inwieweit Sun die Elektronikbranche überzeugen kann, "Jini" in ihre Produkte einzubauen.

Bisher scheint Suns Überzeugungsarbeit recht erfolgreich.Über dreißig Unternehmen haben sich bereits eine Lizenz für die Software besorgt, darunter solche Branchengrößen wie Canon, Ericsson oder Toshiba.In San Francisco soll die Liste an diesem Montag noch länger werden.Kürzlich kündigte zudem ein Konsortium unter der Führung von Philips und Sony überraschend an, es werde seinen Standard für Datennetze im Haus mit "Jini" verkoppeln.

Kein Wunder, daß Microsoft bereits zum Gegenangriff bläst.Anfang Januar stellte es eine Konkurrenzlösung vor, "Universial Plug and Play" genannt, die vor allem von großen PC-Herstellern wie Compaq oder Dell unterstützt wird.Auch in Sachen distributed computing ist die Gates-Firma aktiv: Schon seit längerem arbeiten Microsoft-Forscher an einem Projekt namens "Millennium".

Eine größere Gefahr für "Jini" dürfte freilich sein, wenn Microsoft sich mit der gleichen Taktik gegen die neue Technologie zu wehren versucht wie schon gegen "Java": Um die Macht seines Betriebssystems zu erhalten, verfaßte das Unternehmen eine eigene Version der Sprache, die nur auf "Windows" vernünftig lief.Suns Ingenieure versichern freilich, daß "Jini" gegen solche Attacken immun ist.

Bill Joy stört das wenig.Er geht davon aus, daß Betriebssysteme auf Dauer an ihrer Komplexität zugrunde gehen werden - wie schon der Kommunismus an der Planwirtschaft.Er könnte recht haben: Kürzlich meldete Microsoft, daß die Veröffentlichung der letzten Testversion von "Windows 2000" erneut verschoben werden muß - weil noch zu viele Programmierfehler in ihr stecken.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben