Jiri Grusa : Als die Sowjetpanzer kamen

Es gibt zwei Geräusche, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Eines ist das Dröhnen der deutschen Flieger bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg. Das andere sind die Ketten der russischen Panzer auf dem Pflaster von Prag.

Als die russische Armee im August 1968 in der Tschechoslowakei einrückte, um die Reformen des „Prager Frühlings“ zu stoppen, machte ich mit meinen Kindern Ferien in Nordböhmen. Fast das ganze Land war im Urlaub. Alle dachten, dass sich das Verhältnis zur Sowjetunion gerade wieder entspannen würde. Am 21. August, morgens um vier, weckte mich der Nachbar in unserem Ferienort: „Prag ist besetzt. Die Russen sind einmarschiert.“ Vor dem Rundfunkgebäude sei geschossen worden. Meine Frau war noch in der Hauptstadt. Ich musste sie finden und dann schnell in die Redaktion unserer Zeitschrift „Tvar“. Ich kümmerte mich um einen Babysitter für die Kinder und machte mich auf den Weg – per Anhalter. Die Straßen standen voller Panzer, alle paar Kilometer russische Soldaten. Als ich von der Anhöhe nach Prag hinunterfuhr, war die Wut größer als meine Angst: „Mein Gott“, dachte ich, „wir kapitulieren schon wieder.“ Die Panzer versperrten die Einfahrten in die Stadt und die klassischen Altstadtplätze. Es war fast eine Nachahmung der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg.

Meine Frau fand ich relativ schnell, obwohl kein Telefon ging, nichts. Weil unsere Redaktion besetzt worden war, richteten wir uns im Atelier eines Künstlers ein. Ich hatte anfangs darüber nachgedacht, ins Ausland zu fliehen, so wie es Zigtausende taten. Meine Freunde überzeugten mich aber: Irgendjemand muss darüber schreiben. Wir verfassten Flugblätter. Regelmäßig trafen wir uns heimlich in den neuen Redaktionsräumen. Wir kamen aus verschiedenen Richtungen dorthin und sind nie alle auf einmal gegangen. In den ersten Tagen der Okkupation hatten die Russen noch kein geheimpolizeiliches Netz. Nicht einmal die tschechischen Kommunisten waren damals so mutig, sich öffentlich zu zeigen.

Die Adresse unserer Druckerei kannten die Soldaten noch nicht, deshalb konnte alles gedruckt und verteilt werden. Blätter wie diese hingen überall in der Stadt. Mit einer einzigen Botschaft: Es gibt hier keinen Aufstand, keine Konterrevolution, die von den Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten niedergeschlagen werden muss.

Jeder redete auf die russischen Soldaten ein. Auf dem Wenzelsplatz habe ich sie gefragt: Was macht ihr hier? Fahrt zurück nach Russland! Sie haben sich weggedreht, verlegen gelächelt. In den Augen dieser Soldaten war kein Hass, keine Aggression. Die waren überrascht. Man hatte ihnen gesagt, in der Tschechoslowakei gebe es einen Aufstand gegen den Sozialismus. Nun merkten sie, dass die Tschechen und Slowaken ihnen nichts Böses wollten. Die Einzigen, die schossen, waren sie selbst. Dass es dabei über 200 Tote gegeben hatte, erfuhren wir erst 1989.

In Moskau hatte man ja ursprünglich gedacht, sie könnten einfach wichtige Schaltstellen besetzen und so ihre Propaganda unters Volk bringen. Es hat aber nicht mehr gereicht, wie unter dem Genossen Lenin noch, einfach das Postamt zu besetzen. Die russischen Soldaten stürmten zwar das Rundfunkgebäude. Trotzdem wurde aus Fabriken, aus Ateliers und später aus einer anderen Stadt gesendet. Und jeder hatte ein kleines Transistorradio. Die Rolle des österreichischen Fernsehens ist auch nicht zu unterschätzen. Im Südböhmischen und Südmährischen konnte man das empfangen. Es gab also eine Fülle konkurrierender Informationen.

In diesen warmen Sommertagen waren wir alle, besonders die Reformer, die an einen menschlichen Sozialismus glaubten, überrascht, dass die Sowjetunion handelte wie jedes andere Imperium: Ihr unmenschliches Antlitz war enttarnt.

Wir waren nicht wütend auf die Polen oder die Ungarn, auch wenn deren Soldaten mitmarschierten. Nicht einen Augenblick fragten wir uns, ob die NVA beteiligt war. Die Dederonen, so nannten wir die Leute aus der DDR (Dederon heißt „billiges Hemd“), waren ähnlich arme Schlucker wie wir, das war uns klar. Wie die Polen und Ungarn auch. Mit dem Einmarsch der Russen veränderte sich das Verhältnis zur Bundesrepublik. Bis dahin hatten uns alle erzählt, die Gefahr komme von dort. Jetzt wussten wir, woher sie wirklich kam: aus Moskau. Wir wussten auch: Ein Imperium, das so handelt, das hat keine lange Zukunft. Ich dachte damals, es dauert höchstens noch zehn Jahre. Aber auch wir waren zu zuversichtlich.

Helmut Dutschke, 69, ist einer von drei älteren Brüdern Rudi Dutschkes. Die Familie lebte in der DDR, Rudi war kurz vor dem Mauerbau nach West-Berlin gezogen, weil er in der DDR nicht studieren durfte. Helmut Dutschke arbeitete als Diplom-Ingenieur im GRW-Werk in Teltow.

Frederick Forsyth, 69, war Pilot bei der britischen Luftwaffe, bevor er Journalist wurde. Über seine Erfahrungen in Biafra schrieb er die „Biafra Story“, der Thriller „Der Schakal“, der zweimal verfilmt wurde, machte ihn zum Bestsellerautor. Zuletzt erschien von ihm „Der Afghane“.

Jiri Grusa, 69, arbeitete 1968 u. a. mit Vaclav Havel zusammen in der Prager Zeitschrift „Tvar“ (Gesicht). 1978 musste er das Land verlassen, erst 1989 konnte er zurückkehren. Er war tschechischer Botschafter in Deutschland und ist heute Präsident des internationalen Pen-Clubs.

Joachim Perels, 65, war 1968 Mitglied des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) und Mitbegründer der Zeitschrift „Kritische Justiz“. 1983 wurde er Politikprofessor an der Universität Hannover. Sein bislang letztes Buch „Entsorgung der NS-Herrschaft?“ erschien vor drei Jahren.



Peter Scholl-Latour
, 83, hat 1945/46 als französischer Soldat in Indochina gekämpft. Später reiste er als Journalist immer wieder nach Vietnam, so auch 1968 als ARD-Sonderkorrespondent. Über Vietnam schrieb er sein Buch „Der Tod im Reisfeld – 30 Jahre Krieg in Indochina“.

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