Joachim Gauck : Linken-Schelte des Bundespräsidenten ist unangemessen

Joachim Gauck findet es problematisch, dass die Linkspartei erstmals in Deutschland einen Ministerpräsidenten stellen will. Seinem Amt tut der Bundespräsident keinen Gefallen. Ein Kommentar.

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Joachim Gauck ist kein Freund der Linkspartei. In einem Interview hat der Bundespräsident das jetzt unmissverständlich deutlich gemacht.
Joachim Gauck ist kein Freund der Linkspartei. In einem Interview hat der Bundespräsident das jetzt unmissverständlich deutlich...Foto: dpa

Der Bundespräsident hat Zweifel an der Partei geäußert, die in Thüringen demnächst mit Hilfe der SPD und der Grünen den Ministerpräsidenten stellen will. Es geht um die Linkspartei. Man stelle sich die Frage, ob diese Partei tatsächlich schon so weit weg sei „von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können“. Und Joachim Gauck beantwortet diese Frage auch gleich selbst: Wie viele andere habe auch er Probleme, gegenüber Teilen dieser Partei Vertrauen zu entwickeln.

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Gauck ist damit vermutlich weit hinter seiner eigentlichen Meinung zurückgeblieben. Die Privatperson Gauck würde das wohl viel eindeutiger formuliert haben: Dieser SED-Nachfolgepartei ist auch 25 Jahre nach dem Mauerfall nicht zu trauen. Als Bundespräsident hat er sich offenbar befleißigt, sich in der Wortwahl zurückzunehmen. Aber es ist auch in dieser Form eine unmissverständliche Absage an die Linkspartei. Und das, halten zu Gnaden, steht einem zur Neutralität und Überparteilichkeit verpflichteten Staatsoberhaupt nicht zu.

Sein Lebensweg und die familiären Umstände hatten Joachim Gauck einst zum Kommunistenhasser werden lassen. Sein Vater, im Zuge der stalinistischen Säuberungen unter fadenscheinigen Beschuldigungen festgenommen, war nach mehr als vierjährigem Leiden in einem sowjetischen Gulag 1955 ausgezehrt nach Hause zurückgekehrt. Gauck selbst verweist darauf, dass er „mit einem gut begründeten Antikommunismus aufgewachsen“ sei. Diese Vita prägt ihn bis heute. Zu DDR-Zeiten überwinterte er als Pfarrer in dieser Haltung, vorsichtig-kritisch die eigenen Spielräume ausforschend, beobachtet und gleichsam umworben von den Schergen des Staatssicherheitsdienstes, ehe er sich in Rostock im Herbst 1989 an die Spitze der Demonstranten stellte.

Joachim Gauck verstand sich als Anwalt der Opfer

Als späterer Verwahrer der Akten jenes Bespitzelungsapparates brachte ihm die unversöhnliche, oft wortgewaltige Abrechnung mit der DDR-Diktatur manche Kritik, gar Feindschaft ein. Er aber verstand sich, vor allem in dieser Funktion, als Anwalt der Opfer. Für sie wurde er zur Ikone. Dieser Impuls mag ihn auch heute getrieben haben – nur: Gauck ist kein Beauftragter für die Stasiunterlagen mehr. Er ist inzwischen Beauftragter und Repräsentant Deutschlands, das dieses Amt aus gutem Grund mit Vorgaben ausgestattet hat, die es von tages- und parteipolitischer Einflussnahme „befreien“.

Eines verbindet Joachim Gauck und Bodo Ramelow, den Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten in Thüringen, in diesen Tagen: Ausgerechnet im Umfeld des 25. Jahrestags des Mauerfalls schickt sich ein Linker an, erster Regierungschef in Deutschland zu werden – in einer Zeit, die überladen ist mit Rückschauen, Dokumentationen, Lebenserinnerungen, Opfergeschichten, Alltagsbeberichten. Die SED und deren Adlaten kommen dabei nicht gut weg. Die Linke und ihr – zwar aus Westdeutschland stammender – Kandidat stehen somit unter verschärfter Beobachtung. Und der Bundespräsident, der sich zu diesem sensiblen Thema einlässt, folglich gleich mit.

Öffentliche Schelte hat Gauck noch nie viel ausgemacht. Manchmal scheint es, als wolle er eher, als dass das Amt ihn verbiege, das Amt verbiegen, ihm ein neues, weitergehendes Verständnis aufzwingen. Vielen mag das sympathisch, geradezu friedlich-revolutionär erscheinen. Doch das Amt ist zu groß für derlei gutgemeinte bürgerrechtliche Versuchung.

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