Zeitung Heute : Jobsuche online

WILFRED LINDO

In Zeiten allgemeiner Internet-Euphorie sind neue Berufsfelder im Online-Umfeld nur die logische Folge.Eine der anscheinend lukrativsten Ideen ist der elektronische Personalberater.So tummeln sich bereits eine beachtliche Zahl von Online-Stellenvermittlungen auf den nationalen und internationalen Arbeitsmärkten.Die Vorgehensweise ist bei allen Anbietern gleich.Arbeitssuchende greifen kostenlos auf das Angebot zu, Unternehmen plazieren Ihre kostenpflichtigen Stellengesuche.

Doch ob die Jobvermittlung via Internet wirklich erfolgreich bei dem Zustandekommen von neuen Arbeitsverhältnissen ist, steht in den Sternen.Die Verantwortlichen hüllen sich wohlweislich in Schweigen.Sicher ist nur, daß die virtuellen Vermittler satte Umsätze mit Banner-Werbung und Anzeigenverkauf einfahren und die Unternehmen eine neue Form der günstigen Mitarbeitersuche für sich entdeckt haben.So prophezeien denn auch Marktforschungsinstitute mittelfristig der elektronischen Vermittlung von Arbeitsplätzen eine goldene Zukunft.Dabei steckt diese neue Branche noch in den Kinderschuhen.Ziel ist das sogenannte Electronic Recruiting.Eine vollautomatisierte Vermittlung von offenen Stellen und Bewerbern.Unternehmen greifen nur noch auf qualifizierte Bewerberdatenbanken zu.Wer Ausschau nach einer neuen Stelle hält, gibt die genauen Anforderungen seines zukünftigen Traumjobs direkt online ins Netz.Auf Wunsch kommen dann passende Stellenangebote per E-Mail ins Haus.

Wenn es nach den Unternehmen geht, dann gehören bald sogenannte Bewerbungs-Chats zum Alltag.Bewerber und Personalreferenten tauschen sich per Videokonferenz aus.Wer in den engeren Kreis der Bewerber kommt, erhält per Mail eine Einladung zum persönlichen Gespräch.Doch spielt hier nicht gerade die zwischenmenschliche Kommunikation eine wesentliche Rolle? In Anbetracht der enormen Arbeitslosigkeit in unserem Land ist jedes Mittel recht, wenn es um die Schaffung und Vermittlung neuer Arbeitsplätze geht.Doch das elektronische Sammelbecken für neue Arbeitsplätze hat einen Haken.In Deutschland gilt das Interesse hauptsächlich dem hochqualifizierten Mitarbeiter.Sachbearbeiter, Banker und Berater suchen verstärkt online nach neuen Herausforderungen oder werden von Firmen rekrutiert.Hingegen sucht man vergeblich nach einfachen Berufen im Netz.Wer heute im Internet surft, ist meist besser qualifiziert, hat eine gute Grundausbildung und verfügt über ein überdurchschnittliches Einkommen.Also ein Kreis von Personen, der auch ohne elektronisches Hilfsmittel einen neuen Job findet.

Insgesamt wird das Online-Geschäft die klassische Jobsuche nicht verdrängen.Entsprechend fahren viele Unternehmen bei Ihren Stellenanzeigen zweigleisig.Die Anzeigen erscheinen sowohl im Internet als auch in Zeitungen.Dafür wird bereits durch das Medium Internet eine Vorauswahl getroffen.Der vergleichsweise hohe Bildungsstand der Online-Zielgruppe spiegelt sich auch in den Anzeigen wieder, da ein großer Teil der Angebote sehr hohe Qualifikationen voraussetzt.

Grundsätzlich ist die Arbeitsplatzsuche im Internet eine interessante Alternative.Doch zur Zeit reiben sich nur die Unternehmen durch günstigere Anzeigenpreise und die Stellenvermittler durch steigende Umsätze die Hände.Solange dies nur hochqualifizierte Menschen betrifft, nutzt es dem kleinen Mann auf der Straße wenig.Wer schon seit längerer Zeit ohne Arbeit ist, muß den Gürtel ohnehin enger schnallen.Dann bleibt wohl kaum noch Geld für einen Internet-Anschluß.

Der Autor ist Unternehmensberater in Berlin und hat sich auf die Neuen Medien spezialisiert.

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