Zeitung Heute : Jubiläum ohne Anlaß zum Jubel

THOMAS RATHNOW

Und das bei einer Branche, die es sich über die Jahre angewöhnt hat, anläßlich ihres jährlichen Treffens im Herbst mit immer neuen Rekordzahlen zu prunken.Mochte das Jahr über noch so viel über den Niedergang der Buchkultur und die schwierige Situation der Verlage gestöhnt worden sein, im Oktober verlautete aus Frankfurt regelmäßig: Noch mehr Aussteller aus noch mehr Ländern zeigen auf der größten Buchmesse der Welt mehr Neuerscheinungen denn je.

Die Anfänge der Messe nach dem Krieg waren tatsächlich bescheiden.1948 beschloß der Hessische Buchhändlerverband, anläßlich des hundertsten Jahrestags der ersten Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche mit einer Ausstellung an die lange buchhändlerische Tradition der Stadt zu erinnern.Ein Jahr später, die Währungsreform hatte den Buchhandel in eine Krise gestürzt, versuchte man, mit einer Messe den Verkauf von Büchern wieder anzukurbeln.Etwa 200 deutsche Verlage aus allen vier Besatzungszonen und Berlin beteiligten sich und stellten etwa 10 000 Titel aus.Ein halbes Jahrhundert später präsentieren sich in Frankfurt rund 9500 Verlage aus über 100 Ländern mit mehr als 300 000 Titeln.

Diese gewaltigen Zahlen, 1998 allerdings ohne Steigerung gegenüber dem Vorjahr, sowie das Selbstbewußtsein, mit dem sich die Branche in den nächsten Tagen selbst feiern und auf allen Kanälen feiern lassen wird, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich Buchhandel und Verlage in einer heiklen Lage befinden.Die Branche steckt in einer Strukturkrise.Dem traditionsbewußten, vielfach liebenswürdig altmodischen, oft aber auch verschnarchten Buchhandel ist es insgesamt noch nicht gelungen, den Veränderungsdruck, dem er in einer Mediengesellschaft unterliegt, auch als Chance zu begreifen.Es überwiegen Angst und Larmoyanz.

Insbesondere die anhaltende Diskussion um die Buchpreisbindung lenkt von den tieferliegenden Problemen der Verlage und Buchhandlungen ab.Außer formalen ordnungspolitischen Bedenken, für die der Brüsseler Wettbewerbshüter Karel Van Miert zuständig ist, sind bisher von niemandem Argumente genannt worden, die dafür sprächen, daß eine vollständige Liberalisierung des Buchmarkts für Verlage oder den Handel, für Autoren oder Leser irgendwelche Vorteile brächte.Doch die Verunsicherung ist groß.Die rasant fortschreitende Verlagskonzentration sowie die Entstehung neuartiger Allianzen etwa zwischen herkömmlichen Buchverlagen und Firmen, die auf den Direktvertrieb von Büchern spezialisiert sind, zeigt, daß sich die Big Players längst für die Zeit nach dem Fall der Buchpreisbindung rüsten.

Die Crux der Branche besteht darin, daß die verkauften Auflagen immer kleiner, die Umschlagszeiten eines Titels im Handel immer kürzer und die Lizenzsummen für potentielle Bestseller, ohne die sich kein Verlag mehr halten kann, immer teurer werden.Ein Verlustgeschäft auf der ganzen Linie.Bei Wissenschafts- und Schulbuchverlagen kommt hinzu, daß durch die Ebbe in den öffentlichen Kassen Buchkäufe von Bibliotheken drastisch zurückgegangen sind.

Von dem Verdrängungswettbewerb, der im Buchmarkt derzeit tobt, wird in Frankfurt nach außen hin dennoch wenig zu spüren sein.Wichtige Deals werden kaum noch auf der Messe abgeschlossen.Wie vor 50 Jahren ist sie vor allem ein großes PR-Festival für das Buch.Von Mittwoch bis Sonntag finden 1750 Veranstaltungen statt (mit 30 Prozent Zuwachs gegenüber dem Vorjahr, das einzige Rekordergebnis dieses Jahres), darunter allein 1150 Veranstaltungen mit Autoren.Die kleine Schweiz, die unter dem Motto "Hoher Himmel, enges Tal" in diesem Jahr mit ihren vier Literaturen den Schwerpunkt bildet, ist mit einem gigantischen Rahmenprogramm vertreten.Ob ein solches Klotzen die gewünschte Wirkung entfalten kann, ist fraglich.Vielmehr scheint es symptomatisch für die Schwierigkeit, Marketingstrategien für ein Produkt zu entwickeln, das in den meisten Fällen nur still danach verlangt, von einem Menschen in Ruhe aufgeschlagen und gelesen zu werden.

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