Zeitung Heute : Jüdisches Leben im Netz: Wo Milch und Honig fließen

Kurt Sagatz

Das Land, wo Milch und Honig fließen, hat im Internet eine neue Heimat gefunden. Unter der Web-Adresse www.milch-und-honig.com präsentiert sich eine neue Facette des jüdischen Lebens in Berlin - mit Blick auf das übrige Deutschland.

Der Online-Dienst "Milch und Honig", der erst Anfang des Jahres startete, ist in erster Linie ein innerjüdisches Angebot rund um die Themenbereiche Speisen, Kunst und Sprache, wie Gabriele Nora Lerner als eine von drei Gründerinnen des Dienstes erläutert. Während es zum Beispiel für die jüdische Gemeinde in London oder New York seit langem ganz selbstverständlich ist, sich über das Internet darüber zu informieren, wo man beispielsweise koscheren Wein beziehen oder sich über individuelle jüdische Heiratsverträge informieren kann, fehlte ein solches Angebot bislang für Berlin und die Bundesrepublik. Zusammen mit Angelika Dufft und Adriana Marin Grez keimte Anfang letzten Jahres der Gedanke, wie ein solcher Service hierzulande auf tragfähige Beine gestellt werden könnte.

Im Mittelpunkt des Online-Dienstes steht die Vermittlung von Dienstleistungen rund ums jüdische Leben. Im Bereich "Essen und Trinken" präsentieren Restaurants und Lebensmittelgeschäfte ihr Angebot an koscherer Versorgung. Derzeit wird so zum Beispiel bei Weinen und Spirituosen über koschere Weine aus Frankreich informiert. Oder wird für eine jüdische Feier eine Klezmer-Kapelle gesucht? Auch hier will "Milch und Honig" weiterhelfen, in dem Kontakt zu darauf spezialisierten Künstlern hergestellt wird. Wer will, kann sich beispielsweise die gesamte Bar-Mitzwah-Feier ausrichten lassen. Zugleich stellt die Vermittlung von Informationen die wichtigste Erlösquelle dar. Wird über die Site zum Beispiel Wein verkauft oder ein Künstler vermittelt, erhält "Milch und Honig" eine Provision. Anfangs wird sich der Dienst vorrangig auf Berlin konzentrieren. Stück für Stück sollen die anderen deutschen Städte hinzukommen und langfristig auch die Angebote für das flache Land ausgebaut werden.

Neben den Informationen über koschere Lebensmittel und jüdische Feiern wird derzeit in "Milch und Honig" noch ein ganz besonderes Angebot aufgebaut: Der Touristenservice. Zum einen werden für jüdische Touristengruppe vor allem aus den USA traditionelle Führungen zu Orten organisiert, an denen früher jüdisches Leben stattfand oder die das Wiederaufleben in der heutigen Zeit darstellen. Auch individuelle Touren können gebucht werden, wenn es beispielsweise darum geht, das Haus zu besuchen, in dem die Großeltern einmal lebten. Das Spektrum reicht somit von der zweistündigen Stadtführung bis zur fünftägigen Erinnerungstour mit persönlichem Reisebegleiter. Auch die entsprechenden Recherchen in den Archiven können über "Milch und Honig" bei Historikern gebucht werden.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist der intellektuelle Austausch in der Rubrik "Studium & Lehre". Neben der Möglichkeit, sich mit dem Berliner Rabbiner Walter Rothschild per E-Mail über religöse Fragen zu unterhalten, wird derzeit ein Online-Sprachkurs Hebräisch aufgebaut. Derzeit werden Kompaktkurse unter anderem in den Grundlagen der modernen hebräischen Sprache angeboten - allerdings offline jenseits des Computers. Zudem werden Referenten für den schulischen Unterricht, aber auch für Seminare und Workshops sowie themenbezogenes Theater angeboten, wie auf der Homepage mitgeteilt wird.

So umfangreich das Angebot von "Milch und Honig" zwar ist, als Instrument zum Abbau von Ressentiments zwischen Juden und Nichtjuden sieht Gabriele Lerner das Angebot nicht. Es sei zwar sinnvoll, in diese Richtung zu denken, aber gleichwohl sei dies nicht Aufgabe von "Milch und Honig". Auch will ihre Website nicht in Konkurrenz zu bestehenden jüdischen Angeboten wie zum Beispiel Hagalil treten. Zu tun gibt es dennoch genug, denn die offiziellen Angebote der einzelnen jüdischen Gemeinden in Deutschland seien alles andere als aktuell, kritisiert die Kreuzberger Firmenchefin.

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