Zeitung Heute : Jüdisches Museum: Leben hinter Glas

Anna Kemper

Berlin, Kärntner Straße 26, ein schäbiges Eckhaus in Schöneberg mit einer schmutzig-weiß gekachelten Fassade. Über der Eingangstür stehen Stromdrähte aus der Wand hervor, im Schaufenster hängen ein paar altmodische Lampen, letzte Reste eines geschlossenen Trödelladens. In den 40er Jahren hieß die Straße Maxstraße, und von der heutigen Trostlosigkeit war nichts zu spüren: In den Rundbogenfenstern lagen üppig die Wurstwaren der Fleischerei Arno Simon, die Kundschaft stand manchmal Schlange bis zur nächsten Ecke, um die kräftige Suppe zu kaufen, die es in der ersten koscheren Berliner Fleischerei der Nachkriegszeit zu kaufen gab.

Zum Thema Fototour: Das Jüdische Museum in Bildern "Das ist mein Vater Arno", Ilona Simon zeigt auf ein Foto. Ein gut gekleideter Herr steht stolz hinter einem Holzgestänge mit unzähligen Wurstringen. Aufgenommen 1947 in Berlin, hat das Foto einen weiten Weg hinter sich: Aus São Paulo hat die 54-Jährige es nach Berlin mitgebracht, "damit es in seine Heimat zurückfindet und dort einen festen Platz bekommt". Den hat es bekommen, in der ständigen Sammlung des neu eröffneten Jüdischen Museums in Berlin.

Neben dem Foto in der Vitrine liegt Arno Simons rosafarbener Gewerbeschein, Nr. 33423, ausgestellt vom Bezirksamt Schöneberg. 1946 hatte der Fleischer die Erlaubnis bekommen, einen eigenen Laden zu eröffnen. Das war der Beginn einer besseren Zukunft in jener Stadt, aus der Arno Simon und seine Frau Hildegard sechs Jahre zuvor vergeblich zu fliehen versucht hatten. Simons Bruder war schon 1936 nach Brasilien emigriert. 1940 konnte er noch Visa für seine Eltern organisieren, doch für das junge Ehepaar war es bereits zu spät. Es kam aus Deutschland nicht mehr raus; drei Jahre lang mussten sie Zwangsarbeit leisten, Hildegard Simon in einer Batteriefabrik und ihr Mann in einer Zehlendorfer Spinnstofffabrik. 1943 gelang es ihnen unterzutauchen, über die Charité kamen sie an falsche Mitarbeiterausweise. Die sind heute vergilbt, ein sepiafarbenes Foto zeigt Ilonas Vater als jungen Mann. "Arno Fischer" steht darunter, "Laborant". In der Schrebergartenlaube einer befreundeten Familie in Berlin-Hönow konnten sie bleiben und lebten dort in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Einmal in der Woche gingen sie zu ihren Freunden, klopften mit einem verabredeten Zeichen an die Tür und holten Essen ab, das diese von den knappen Rationen abgezweigt hatten. "Die Familie hatte selber nichts, und doch haben sie meine Eltern durchgebracht", sagt Ilona Simon, "ohne dafür jemals irgendeine Gegenleistung zu erwarten." Viele anderen Berliner Juden erfuhren jedoch keine Hilfe, etwa 50 000 wurden im Holocaust ermordet.

Nach dem Krieg ist Ilona Simon als kleines Mädchen dann oft mit ihrem Vater "nach drüben" gefahren, die Tüten voller Wurst- und Fleischwaren für die Freunde im Osten der Stadt. Denn das Geschäft in der koscheren Fleischerei lief gut, bald gab es eine Filiale in Prenzlauer Berg. Nur selten sprachen Hildegard und Arno Simon darüber, Berlin zu verlassen, um in Brasilien mit ihrer Familie zu leben. Anderen Überlebenden des Holocausts war der Gedanke unerträglich, nach den Gräueltaten der Nazis weiter in Deutschland zu bleiben. Doch bei den Simons gab es nicht nur bittere Gefühle: Stärker wog die Erfahrung selbstloser Hilfe von Menschen, die auch das Risiko nicht scheuten. Berlin war ihre Heimat, und hier wurde 1947 ihre Tochter Ilona geboren.

Erst sieben Jahre später war Arno Simons Sehnsucht nach der Familie in Südamerika doch so stark, dass er die Berliner Fleischerei schloss und mit Frau und Tochter ebenfalls nach Brasilien zog. "Mein Vater hatte seine Eltern seit 1940 nicht mehr gesehen, und auch sein Bruder wollte, dass wir endlich nach São Paulo kommen", sagt Ilona Simon. Dort angekommen, verkaufte Arno Simon zunächst Hot Dogs. 1955 machte er eine Wurstfabrik auf, die zweite in ganz Brasilien.

"Meine Eltern haben mir nicht beigebracht zu hassen", sagt Ilona Simon. Es ist ihr wichtig, dass die Geschichte ihrer Eltern weiter erzählt wird, deshalb hat sie die Fotos und Dokumente über deren Neuanfang nach dem Krieg dem Museum gestiftet: "Denn hier beweisen sie vielen Menschen, dass man etwas bewirken kann, wenn man keine Angst hat und sich einmischt."

Die Aufforderung zur Zivilcourage zieht sich wie ein Leitfaden durch das Leben der energischen Frau. In Brasilien arbeitet sie für Steven Spielbergs "Shoah Foundation": Sie interviewt Holocaust-Überlebende, die Gespräche werden mit der Kamera aufgezeichnet und in Spielbergs Archiv in Los Angeles gesammelt. Eine Arbeit, die bedrückend ist, und doch erlebt Ilona Simon oft schöne Momente. "Manchmal vertrauen fremde Menschen sich mir zum ersten Mal in ihrem Leben an, weil sie ihre engsten Verwandten nicht mit ihren schrecklichen Erlebnissen belasten möchten." Mit Materialien der Shoah Foundation unterrichtet sie an Schulen, denn "die kommende Generation soll der Hilflosigkeit anderer Menschen nicht gleichgültig gegenüberstehen".

Berlin ließ Ilona Simons Vater nie los. Jedes Jahr kehrte er für ein paar Tage zurück, zuhause in São Paulo wurde nur Deutsch gesprochen. "Doch schon ein paar Monate nach unserem Umzug antwortete ich auf Portugiesisch - mein Vater war richtig erschrocken." Und schickte sie umgehend auf eine deutsche Schule.

Seine Liebe zu Berlin hat er Ilona Simon vererbt. Auch sie kommt fast jedes Jahr her, zur Eröffnung des Museums ist sie mit ihrer 85-jährigen Mutter angereist. An die Zeit, als sie als kleines Mädchen in Berlin lebte, erinnert sie sich kaum, "außer an meine Schultüte zur Einschulung", lacht sie. Die Fleischerei in der Maxstraße kennt sie nur von den Fotos. Nein, Ilona Simon schüttelt ihren Kopf, es sei ihr nicht schwergefallen, diese Erinnerungsstücke zu stiften. "Ich weiß, dass Berlin und dieses Museum ihr richtiger und endgültiger Platz sind." Dann lächelt sie, und fügt hinzu: "Und außerdem habe ich noch ein paar Bilder in São Paulo in der Schublade."

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