Jürgen Klinsmann : Ein Alpha-Schwabe für die Bayern

Jürgen Klinsmann und der FC Bayern - das passt auf den ersten Blick überhaupt nicht. Aber auf den zweiten umso besser. Weil beide radikal sind, wenn es darum geht, ihre Ideen durchzusetzen.

Jürgen Klinsmann
Radikal beim durchsetzen seiner Ideen, engagiert in seiner Arbeit: Jürgen Klinsmann. -Foto: dpa

Das letzte Bild, das Deutschland bis gestern von Jürgen Klinsmann hatte, ist 18 Monate alt. Am 9. Juli 2006, dem Tag des WM-Finales, das die Deutschen ein paar Tage zuvor verpasst haben, aber wen interessiert das schon am Brandenburger Tor, wo die deutschen Nationalspieler gerade Abschied nehmen von ihren Landsleuten und einem grandiosen Fußballsommer. Klinsmann lässt der Mannschaft den Vortritt und wuselt im Hintergrund mit einer Kamera über die Bühne. Hier ein Foto, da noch eins, wer soll ihm schon glauben, daheim in Kalifornien, dass sie in Deutschland so ein Bohei gemacht haben um ihn, wo er doch am Huntington Beach jederzeit sein Handtuch in den Sand legen kann, ohne dass es jemanden interessiert.

In Deutschland gibt es an diesem 9. Juli keinen Menschen, der auch nur annähernd so populär ist wie Jürgen Klinsmann. Ein ganzes Volk hat sich verliebt in den Mann, der ihm bei aller Wertschätzung zuvor immer ein wenig unheimlich war. Klinsmann steht für den sportlichen Erfolg, aber auch die neue Selbstachtung, welche die Deutschen auf einmal für sich empfinden. Am Brandenburger Tor kämpft die Masse um ihren Bundestrainer, sie lässt ihn hoch leben und singt ihm Lieder. Und weiß doch, dass alles vergeblich sein wird.

Jürgen Klinsmann verlässt die Bühne und ein paar Tage später auch Deutschland. Die Weltmeisterschaft war ein Projekt, er hat es erfolgreich zu Ende gebracht. Jetzt fehlt ihm die Kraft für eine permanente Revolution, und nichts anderes sind die vorangegangenen zwei Jahre für ihn gewesen. Er sagt, jetzt sei die Familie dran, er mag nicht mehr der öffentliche Klinsmann sein. Er will sein Handtuch wieder unerkannt in den Sand am Huntington Beach legen.

Niemand hat erwartet, dass er es allzu lange aushalten wird in der sonnigen Abgeschiedenheit des Nichtstuns. Wann immer ein prominenter Trainerjob zu besetzen war, galt Klinsmann als Anwärter Nummer eins. Vorzugsweise im englischsprachigen Raum. Als Vereinstrainer in Tottenham oder Chelsea, bei der amerikanischen Nationalmannschaft, zuletzt bei der englischen.
Wer aber wäre schon ernsthaft auf den FC Bayern München gekommen?

Mutter Klinsmann, die daheim in Stuttgart immer noch die alte Familienbäckerei betreibt, die während der WM unter Dauerbelagerung des Welt-Paparazzitums stand und zuletzt der einzige Grund für die gelegentlichen Deutschlandreisen ihres jetzt 43 Jahre alten Sohnes war, Mutter Klinsmann also soll in ihrer ersten Reaktion gesagt haben: „Ach du Scheiße!“

Nein, Jürgen Klinsmann und der FC Bayern, das passt auf den ersten Blick überhaupt nicht. Und auf den zweiten umso besser. Genau so, wie es schon einmal war.

Für den Schwaben Klinsmann waren die Bayern lange Zeit der natürliche Feind, seinem Vater soll er in jungen Tagen mal versprochen haben, nie nach München zu wechseln. Trotzdem hat er es im Herbst seiner Karriere getan. Nur beim FC Bayern ließ sich ein lang gehegter Traum erfüllen, nämlich einmal Deutscher Meister zu werden. Im Zweifelsfall hat bei Jürgen Klinsmann immer noch der Kopf über den Bauch gesiegt.

Das war auch so, als er im Spätsommer 2004 nach der missratenen Europameisterschaft in Portugal als Berufsanfänger den vakanten Job des Bundestrainers übernahm. Klinsmann ließ dem Deutschen Fußball-Bund via Interview ausrichten, erst einmal müsse man den ganzen Laden auseinandernehmen – und tat genau das. Kaum einer setzte ihm damals so schwer zu wie der Branchenführer aus München mit seinen drei Fußballweisen Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Sie haben mit ihm gestritten über die Degradierung ihres Torhüters Oliver Kahn, mit Groll die Abservierung des Torwarttrainers Sepp Maier ertragen und das Gerede von der neuen Philosophie kaum ausgehalten. Und insgeheim haben sie ihn genau dafür bewundert. Für die Konsequenz, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, für den Mut, sich mit dem Establishment anzulegen und vor allem für das Ergebnis: für den schönen Fußball, den die Deutschen unter Klinsmann auf einmal spielten.

Der FC Bayern hat in den vergangenen Monaten eine ähnliche Entwicklung zu nehmen versucht. Er hat erst seinen Trainer Felix Magath fortgejagt, sich dann eine neue Mannschaft gekauft – und dann erkannt, dass es damit nicht getan ist. Der FC Bayern spielt mal so, mal so, und niemand würde ihn als FC Bayern erkennen, würde er in grünen Trikots in Timbuktu auftreten. Was fehlt, ist die eine Philosophie, die den größten deutschen Klub auch weltweit zu einer Marke macht. Es fehlte einer wie Jürgen Klinsmann.
Und welcher andere Verein als der FC Bayern hätte Klinsmanns Sinn für spektakuläre Herausforderungen schon gerecht werden können? Die Münchner wollen in absehbarer Zeit die Champions League gewinnen, was ziemlich exakt der Zielvorstellung des neuen Trainers entspricht. „Ich werde mich dieser Herausforderung stellen“, sagt Klinsmann bei seiner Vorstellung am Freitag in München gesagt und klingt dabei ähnlich souverän wie im September 2004, als der frisch ernannte Bundestrainer wie selbstverständlich den WM-Titel zum Ziel erklärte.

Jürgen Klinsmann hat noch nie als Vereinstrainer gearbeitet. Es gibt erfahrenere und wahrscheinlich bessere als ihn. Doch schon bei der deutschen Nationalmannschaft war er ja auch weniger Trainer, das war schon damals Joachim Löw. Klinsmann war der Motivator und Projektmanager. Er hat zuvor glück- und erfolglose Spieler geführt mit seinem Mut und seinen Ideen, mit seiner Energie. Er hat der Mannschaft einen fast übersinnlichen Glauben an die Stärke vermittelt. Die Nationalmannschaft verfügte nicht über große Qualitäten, aber mit jedem Sieg begannen die Spieler mehr an ihre Kraft zu glauben. „Jürgen Klinsmann war der Mannschaft schon immer weit voraus“, sagt der Nationalspieler Christoph Metzelder. „Er hat uns mit seinem Optimismus Dinge eingeimpft, die wir anfangs gar nicht greifen konnten.“ Auf diese Weise hat er jeden einzelnen ein bisschen stärker gemacht und das Ganze. So funktionierte das Prinzip Klinsmann in der Nationalmannschaft, und so soll es auch bei den Bayern funktionieren.

Schon der Spieler Klinsmann war von seinen Voraussetzungen her nicht dazu prädestiniert, ein Weltstar zu werden. Aber er hat es geschafft: mit Leidenschaft, mit einem Plan, mit einem größeren Willen als viele andere Fußballer und auch deshalb, weil er seine Schwächen immer bekämpft hat. Genau da machte er als Bundestrainer weiter. Gegen alle Widerstände. Seine Idee vom offensiven Fußball wurde in Zweifel gezogen, seine Methoden sowieso, sein Wohnsitz, seine Umgangsformen. Vor der WM hatte eine Schar von Hinterbänklern aus dem Bundestag den Bundestrainer vor den Sportausschuss befehlen wollen, die „Bild“-Zeitung noch drei Monate vor der WM getönt: „Klinsmann hat mit seinem unprofessionellen Verhalten inzwischen für so viel Unruhe gesorgt, dass eine erfolgreiche WM mit ihm als Bundestrainer kaum noch möglich sein dürfte.“

Es zählt zu den bemerkenswertesten Leistungen des Menschen Jürgen Klinsmann, dass er nach der erfolgreichen WM keine Rache nahm für die Demütigungen.

Bayerns Manager Uli Hoeneß hat ihn damals in einer Mischung aus Bewunderung und Ablehnung als „guten Schauspieler und guten Verkäufer seiner Person“ bezeichnet. Daraus sprach auch ein Stück Verzweiflung. Wie alle anderen Experten konnte Hoeneß den Bundestrainer in der Sache nicht beeinflussen. Und wie alle anderen hatte auch er Klinsmann damals dringend empfohlen, seinen Wohnsitz aus Kalifornien nach Deutschland zu verlegen. Vergebens.

Jetzt zieht Klinsmann nun doch mit der ganzen Familie nach Deutschland, besser noch: direkt nach München. Uli Hoeneß sitzt bei der Vorstellung am Freitag Schulter an Schulter neben dem neuen Trainer, und als er nach seiner Einschätzung gefragt wird, antwortet er: „Wir sind alles Alphatiere hier oben.“ Hoeneß nennt den Neuen in einem Atemzug mit sich selbst. Ein Zeichen größerer Wertschätzung lässt sich schwer vorstellen. Neben ihm wendet Klinsmann wendet den Blick zur Seite, er schaut Hoeneß an und lacht. Ruhig, gelöst und doch herausfordernd. Es ist das neueste Bild, das Deutschland sich von Jürgen Klinsmann zu machen hat.

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