Zeitung Heute : Jürgen Trittin: Der Fremde im Zug

Robert Birnbaum,Robert von Rimscha

Abfahrt Göttingen Hauptbahnhof, 16 Uhr 02. Michael Buback, Professor für technische und makromolekulare Chemie, steigt in den Zug. Nach Berlin will er fahren, als Gast zu Sabine Christiansen in eine Sendung, in der es um den Deutschen Herbst, um seine Folgen und um Joschka Fischer geht. Michael Buback ist ein indirekter Zeitzeuge: Seinen Vater, den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, hat die RAF am 7. April 1977 in Karlsruhe erschossen.

Schon am Bahnsteig sieht Bubacks Frau, dass Jürgen Trittin in den gleichen Zug einsteigt, der grüne Umweltminister. Trittin war an dem Tag in einem Göttinger Café als Vorleser aufgetreten: Aus Shakespeares blutrünstigen Dramen hat er vorgetragen, Macbeth, Richard der Dritte. Dann ist er einen Zug früher gefahren als eigentlich geplant. "Völlig zufällig haben wir uns getroffen", sagt Buback. Es war eine kurze Begegnung. Aber eine mit Folgen. Es begann mit einem knappen Wortwechsel. "Ich bin hingegangen, habe mich vorgestellt und ihn gefragt", sagt Buback. Die Frage lautete: "Haben Sie sich inzwischen von diesem unsäglichen Buback Nachruf distanziert?" Der Professor berichtet, Trittin habe geantwortet: "Warum sollte ich?" Eine barsche Reaktion. Aber Trittin hat so seine Erfahrung mit Leuten, die ihn in Bus und Bahn von der Seite her anreden. Zumal, wenn er den Redner nicht kennt. Dann schob der Minister eine zweite Gegenfrage nach: "Haben Sie ihn überhaupt zu Ende gelesen?"

"Ihn" - das meint einen Text, der 1977 in der Göttinger Asta-Zeitschrift erschien. Mit "ein Göttinger Mescalero" war das Pamphlet unterschrieben. "Ausgewogenheit, stringente Argumentation, Dialektik und Widerspruch - das ist mir alles piep-egal", hat der Autor bekannt. Seine "Rülpser" wolle er zu Papier bringen, schrieb der Kämpfer in der selbstgewählten Tradition der Mescaleros vom freiheitsliebenden Volk der Apachen.

Gleich im zweiten Absatz folgt der Satz, der zu einem der umstrittensten der westdeutschen Geschichte wurde. "Mescalero" beschreibt seine Reaktion auf Bubacks Tod: "Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen." Beim längeren Nachdenken auf drei Seiten fällt dem Autor jedoch auf, die Freude sei vorschnell gewesen. Die RAF habe "unfreiwillige Amtshilfe für die Justiz" geleistet. Dies reiche, um "das innere Händereiben zu stoppen". Dann bezieht der "Mescalero" Position gegen den Mord an Prominenten: "Unser Weg zum Sozialismus (von mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden." Fröhliche Militanz sei nötig, "damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen".

Der Mann, der das schrieb, ist in Göttingens beschaulicher Linksaußen-Szene wohl bekannt. Offiziell wurde er nie ausfindig gemacht. In der lokalen Hochschulpolitik teilten sich damals zwei Organisationen die Macht. Im Asta saß die BUF, eine SpontiGruppe mit dem hübschen Namen "Bewegung undogmatischer Frühling", und, als Senior-Partner der Koalition, die "Sozialistische Bündnis-Liste". In dieser wiederum dominierten die Orthodoxen des KHB, des "Kommunistischen HochschulBundes". Der Autor des Mescalero-Appells war BUF-Mitglied. Ein Jahr später zog er sich aus der Hochschulpolitik und aus der Universität zurück, noch ein Jahr später verließ er Göttingen. Heute soll er im europäischen Ausland leben.

Sein folgenschwerer Aufruf erschien zunächst als BUF-Flugblatt und wurde dann, unter anderem vom Asta, nachgedruckt. Trittin engagierte sich damals im Fachschaftsrat der Sozialwissenschaftler, war zeitweise auch im KHB, aus dem er rausflog, als er wie andere Sympathien mit den 1980 gegründeten Grünen zeigte. Ein Frontkämpfer der Revolution war er nicht. Otto Knoke, Göttingens Ex-Polizeichef, meint: "Trittin ist nie durch Gewalttätigkeiten aufgefallen." Im Asta saß der heutige Umweltminister erst 1979.

Das ist die Vorgeschichte. Am Sonntagabend sitzt Michael Buback in Sabine Christiansens Talk. Die Begegnung mit Trittin hat ihn aufgewühlt. Und das macht er öffentlich. "Wenn so etwas passiert, wirklich schreckliche, schreckliche Dinge, dann wird hier eine Grenze überschritten. Die müssen wir achten", sagt der Professor in die Kamera. Es sei furchtbar, wenn "ein Minister mit einem Amtseid" keine Notwendigkeit sehe, sich vom Mescalero-Appell zu distanzieren. Es müsse "genau diskutiert werden", ob so jemand wie Trittin auf einen Ministersessel gehöre.

Peter Struck, der SPD-Fraktionschef, sitzt neben Buback. So etwas hat er nicht erwartet. Konsterniert pflichtet er bei. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass jemand diesen unsäglichen Mescalero-Nachruf in irgendeiner Weise verteidigt." Allerdings, so Struck, müsse man natürlich erst Trittin fragen, "ob es wirklich so war".

Das ist dann sehr schnell geschehen, weil die Spitzen der Koalition Ungemach witterten: erst der Streit um Fischers Vergangenheit, jetzt auch noch Trittin. Der Kanzler hat sich besorgt erkundigt, bevor er zur PR-Tour nach Rheinland-Pfalz aufbrach, SPD-Generalsekretär Franz Müntefering hat die Sache in Berlin in die Hand genommen. Im Grünen-Parteirat gab es Fragen. Und alle haben gesagt: Sofort reagieren.

Trittin hat draußen vor dem Parteirat eine eher dröge Erklärung verlesen, die wenig später Müntefering ebenfalls vortrug. Tenor: Der Mord an Buback gehöre "zu den schlimmsten Verbrechen" des 70er-Jahre-Terrorismus. Den Angehörigen gelte sein Mitgefühl. Wenn Buback bei dem Gespräch im Zug einen anderen Eindruck gewonnen haben sollte, "bedauere ich dies nachdrücklich". Dass er damals den "Mescalero" verteidigt hat dafür, dass er geschrieben hat, was er schrieb, bedauert Trittin nicht. 1977, im Jahr des Abdrucks, die Wogen gingen hoch, hat er als Fachschaftsvertreter auf dem Göttinger Campus gesprochen. 5000 Leute waren da. Eine aufgeheizte Zeit, von beiden Seiten. Er habe sich den MescaleroText nie zu Eigen gemacht, darauf besteht Trittin, und das hat er auch Buback versichert. Ihm sei es um anderes gegangen. Um eine "trotzige Verteidigung der Meinungsfreiheit". "Wir lassen uns die Diskussion über solche Themen nicht verbieten", hat er damals gesagt. Ob man das heute noch nachvollziehen könne, wie das sei, wenn 1500 RCDSler und Burschenschaftler auf dem Campus "Mörder, Mörder" brüllten?

Buback versteht das durchaus. Dass Trittin damals zu jenen gehörte, die den Nachdruck des Mescalero-Appells unterstützten, wirft er ihm nicht vor. "Darum geht es doch gar nicht", sagt er. Dass seine Motive hinterfragt werden, ist ihm auch klar. "Natürlich wird man sagen, der Junge hat seinen Vater verloren." Gerade darum will er nicht als einer verstanden werden, der Jagd auf Alt-68er macht. "Ich habe mich die vergangenen Wochen über ausführlich mit Fischer beschäftigt. Nach quälendem Nachdenken bin ich zu der Einsicht gekommen, dass das im Bereich dessen lag - der war jung und hat sich glaubhaft geändert." Und Trittin? "Das ist anders", findet Professor Buback. Die fehlende Änderung, die mangelnde Reife, die ausgebliebene Distanzierung - nur darum gehe es ihm. 1994, damals war er Minister in Niedersachsen, hat Trittin im Norddeutschen Rundfunk die "klammheimliche Freude" als "sehr unstaatsgemäße Einleitung" für eine "radikal-pazifistische Absage an den Terrorismus" gewertet.

Das Treffen im Zug von Göttingen nach Berlin dauerte zwei, vielleicht drei Minuten. Trittin wandte sich seinen Akten zu. Buback ging zurück an seinen Platz. Dann kam die Fernseh-Sendung, noch in der Nacht riefen Freunde bei Trittin an, der die Sendung nicht gesehen hatte. Der Umweltminister telefonierte sofort mit Michael Buback. In den nächsten Tagen wollen sich die beiden noch einmal treffen. "Um ausführlich miteinander zu sprechen", sagt Trittin. Buback aber erhofft sich mehr: "Ich habe auf ein erlösendes Wort gewartet, dass dieser Artikel nicht in Ordnung war, um es milde auszudrücken. Diese Chance wollte ich ihm geben."

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