Zeitung Heute : Jugend entwirft

„Start your Fashion Business“ ist der wichtigste Modepreis der Hauptstadt. Drei Berliner Designer stehen im Finale

HIEN LE



Hien Le hatte das lange nicht verstanden. Immer wieder sagten ihm Menschen, seine Kleidung sähe so asiatisch aus. „Bis zu dieser Saison habe ich meine Sachen nie mit Asien in Verbindung gebracht. Wenn ich an Laos denke, denke ich höchstens an meinen Opa, der allerdings Schneidermeister war.“ Aber weil ständig alle gefragt haben, begann es ihn zu interessieren. Für die am Brandenburger Tor präsentierte Kollektion hat er sich also das Fotoalbum seiner Großeltern vorgenommen und sich von dort aus durch die vietnamesische Alltagskleidung gestöbert. „Im Nachhinein verstehe ich, was die Leute meinen“, sagt er, „nämlich das Aufgeräumte und der Minimalismus aus Japan. Ich sehe meine Sachen grundsätzlich aber eher verbunden mit der Tradition des deutschen Bauhauses oder skandinavischen Designs.“

Le ist in Laos geboren und in Kreuzberg aufgewachsen. Und wenn man seine dritte Kollektion anschaut, denkt man an schönes Lego: Nüchtern gestaltet, bekommt die Kollektion über den Farbeinsatz etwas Spielerisches. Rot, Gelb und dunkles Blau, viel Weiß, nie Schwarz. Erst auf den zweiten Blick erkennt man Raffinessen wie halb verdeckte Knopfleisten oder den Einsatz von Alcantara, einem Textil, das vor allem für Autobezüge benutzt wird. Le lässt seine Kollektion komplett in Berlin produzieren, hier hat er auch an der HTW studiert. Er absolvierte eine Schneiderlehre, dann ging er nach Frankreich und Belgien, arbeitet für die Zeitschrift „Marie Claire” und für die Antwerpener Designerin Veronique Branquinho.

Der 31-Jährige ist eine große Hoffnung der Berliner Modewelt. In den geradlinigen Entwürfen zeigt sich der Stil einer neuen Generation Berliner Designer, die durch Schlichtheit, Subtilität und Glätte besticht. Neben Perret Schaad und Michael Sontag gelingt Le eine Formensprache, die Einfachheit, Stil und Qualität vor Schlabberlook, Exzentrik und roughe Clubkultur setzt. Weniger ist hier immer mehr, und Les Mode bekommt gerade durch das Auslassen ein Plus. Keine krakeelenden Referenzen, wenig starke Bilder, kaum ein Zitieren aus der Musik- oder Kunstgeschichte. „Nein, die direkt Übertragung gibt es nicht. Ich möchte tragbare, verkaufbare Sachen machen, mit einem großen Anspruch“, sagt er. „Mein Ziel ist Zeitlosigkeit.“ Coco Chanel habe einmal etwas Tolles gesagt: „Mode ist vergänglich und Stil bleibt.“ Le sieht das ähnlich. „Meine Sachen kauft du, und wenn dir die Farbe in einem Jahr nicht mehr gefällt, kannst du sie in den Schrank hängen“, sagt er. „Aber in fünf Jahren wieder herausholen und wieder tragen. Du sollst etwas von den Sachen haben.“

ISSEVER BAHRI

In der Mitte der riesigen Inspirationswand hängt ein kleines Kunstwerk. Eine süße Tuschezeichnung auf Holz, die das Fenster eines Landhauses inmitten von bunten Blumen zeigt. Derya Issever hat es vor vielen Jahren in ihrer Heimat Bodrum, in der Türkei gekauft. Heute hängt es in dem Atelier von Issever Bahri inmitten von zarten Blumenmustern und geschwungenen Keramikblüten. Eine Pinnwand voll Mädchenkram. Und genau das irritiert den, der die Mode von Issever Bahri kennt.

Denn diese zeichnet sich kaum durch romantisches Chi Chi aus, sondern durch monochrome bis schwarze Farben, gradlinige Schnitte und hochgeschlossene Kleider. Sie schafft es, eine herbe aber sehr elegante Weiblichkeit zu erzeugen, ohne je in trutschige Formen von Femininität zu kippen. „Wir wollen nicht niedlich, mädchenhaft und verspielt sein. Für diese Kollektion haben wir uns viel mit Blumen beschäftigt“, sagen die beiden Designerinnen. „Aber dieses Thema transportieren wir in unserem Stil um. Wir wollen es praktisch mit unserer Arbeit zum Verschwinden bringen.“

Unter den Berliner Jungdesignern sind es Cimen Bahri und Derya Issever, die sich am vielversprechendsten dem konzeptuellen Modedesign verschreiben.

Für die aktuelle Herbst/Winter-Kollektion ließen die Kinder türkischer und griechischer Einwanderer sich etwa von der ersten Generation türkischer Gastarbeiter inspirieren, die in den 60er Jahren nach Deutschland kamen. „Die Männer bemühten sich gut gekleidet zu sein, trotz häufig fehlender finanzieller Mittel. Oft sah es aus, als ob sie im besten Anzug arbeiteten“, sagt Bahri. „Dieser typische Look wurde, angekommen in den deutschen Fabriken, von Arbeitsoveralls abgelöst.“ So ist ihre Kollektion beeinflusst durch maskuline Schnitte und Details, etwa hochgeschlossene Hemdkrägen und oversized-geschnittene Jacken und Mänteln mit breiten Schultern.

Issever Bahri waren mit dem Finalisten Hien Le in einem Jahrgang auf der Modeschule HTW. Erst 2010 gegründet, ging es für das Designer-Duo nach dem Gewinn des Premium Young Designers Award schnell bergauf. Wie Les Mode sind auch ihre Teile bald im Online-Shop des Berliner Superkaufhaus The Corner erhältlich.

Immer wieder lassen sich Issever Bahri von ihrer eigenen Geschichte inspirieren: Osmanische Keramikkunst, islamische Architektur und Alchemie werden wie die im mittleren Osten traditionell tief verankerten Handarbeitstechniken aufgegriffen und modern interpretiert.

Issever Bahri können so als die deutschen Rodarte gelten. Wie die beiden kalifornischen Schwestern machen sie die Geschichten ihrer Kindheit produktiv und kombinieren sie mit großer Handwerkskunst. Für die Häkelarbeiten sowie oder auch die Technik des Ledernähens ziehen sie dann auch immer wieder die Mama von Cimen Bahri heran.

AUGUSTIN TEBOUL

Mode ist stets Ausdruck ihrer Zeit und so ist es kein Zufall, dass alle drei Jungsdesign(duos) ihre Ateliers im Raum Kreuzberg/Neukölln gefunden haben. Wohnungen in der Gegend sind schließlich gerade ziemlich beliebt.

In der räumlichen Triangel, die die drei Finalisten bilden, besetzen Augustin Teboul tief in Neukölln das südliche Ende. Auf einem weitläufigen Dachboden, in dem neben Nippes auch ein riesiger Pferdekopf befestigt ist, wohnen und arbeiten Annelie Augustin und Odély Teboul. Beide haben im selben Jahrgang an der Esmod Paris studiert und bereits 2006 dort ihren Abschluss gemacht. Doch sie mussten sich erst in London wiedertreffen, um sich zu finden. Während Odély Teboul bis 2009 für Jean Paul Gaultier in Paris arbeitete, entwarf Annelie Augustin für zwei Jahre im Designteam des Labels Y- 3. 2010 entschlossen sie sich, ihr Label zu gründen. Und zogen nach Berlin.

Hier haben sie innerhalb dreier Kollektionen eine Sprache gefunden, die sich an der Schnittstelle von Haute-Couture und Pret-à-Porter artikuliert. Sinnliche Transparenz trifft auf gestrickte und gehäkelte Details, Leder auf filigrane Muster, die teils verdecken, teils enthüllen. In den zerfetzten, kleinen schwarzen Kleidern findet man viel Luxus, einen dunklen Schuss Femme Fatale und viel Sinnlichkeit. Das hatte Berlin noch gefehlt.

Wenn es ein Kleidungsstück gäbe, das am klarsten beschreibt, worum es ihnen geht, dann wäre es, so Teboul, die Kombination eines langen dramatischen Kleides mit einer Rock`n Roll-Lederjacke. Warum denn all ihre Sachen so miesmuschelschwarz seien? „Schwarz ist eine eigene Farbe, die alle anderen in sich vereint“, sagt Augustin. „Es gibt nichts, was so auf sein Essentielles reduziert und trotzdem so stark ist wie Schwarz.“ Augustin und Teboul brachten viel Paris mit nach Berlin. Sie sind schön, reden prätentiöses Zeug und machen verführerische Frauenmode, die, „tief, emotional, elegant, mysteriös, poetisch und verrückt“ ist, wie sie sagen.

Bereits ihr erster Auftritt in Berlin war viel beklatscht. Während der zurückliegenden Fashion Week präsentierte das deutsch-französische Label eine einprägsame Show-Installation: Zehn Models saßen wie versteinert vor einem schweren schwarzen Samtvorhang auf ebenso schweren Plüschsofas, trugen schwarze Kleider und hatten rote große Perücken auf. Hin und wieder stand ein Mannequin auf und bewegte sich grazil in eine Ecke. Die Präsentationsform erinnerte an die kühlen Performances von Vanessa Beecroft ebenso wie an ein schummriges Theater im surrealistischen Paris.

An diesem Mittwoch legten sie mit einer rätselhaft-anmutigen Präsentation nach. Ein ehemaliger Pferdestall der Bötzow-Brauerei in Berlin Mitte war der Schauplatz der Inszenierung. Auch ihre dritte Kollektion „Dreams are my reality“ zeigt, dass Nostalgie nicht nur Rückläufiges hervorbringt.

Aber mehr noch erweitert die laszive Spitzenmode das Inventar Berliner Mode um eine verstörende Erotik, aggressive und gleichzeitig seltsam erstarrte Weiblichkeit – und einen hauchzarten Feinsinn.

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