Zeitung Heute : Jugend wiederfinden

Lars von Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Den Schriftzug kenne ich gut. KEINE PANIK steht mit Edding auf dem Trommelfell des goldenen Schlagzeugs. So oder ähnlich hat er auch auf den Autogrammkarten unterschrieben, die ich vor mehr als 20 Jahren wie einen Schatz hütete und die heute in einem verbeulten Ordner hinter den Schallplatten in einem Kellerregal verstauben. „Udo“ steht auf dem Ordner, Zeugnis der Leidenschaft eines 14-Jährigen für sein Idol. Neben den Autogrammkarten steckt darin ein Dutzend handgeschriebener Briefe mehrerer Lindenberg-Fanclubs, die meist mit „Hallo Panik- Kumpel“ begannen und „mit panischen Grüßen“ endeten. Damals fand ich das cool.

Heute ist Lindenberg museal. Das Schlagzeug mit seinem Autogramm steht im Kronprinzenpalais in einer Ausstellung über Jugendkultur und Rockmusik in Deutschland. Beim Besuch habe ich mich gefühlt, als wanderte ich durch meine eigene Jugend. So wie man kurz vor seinem Tod nochmal sein Leben im Zeitraffer durchgeht. Am Ende des Ausstellungskapitels über die 1980er haben sie ein Jugendzimmer von damals nachgebaut. Lindenberg-Starschnitt, Poster von Kim Wilde und Duran Duran, Bravo-Aufkleber, Palästinensertuch, und auf dem Gitarrenkoffer eine Friedenstaube. Peinlich, peinlich: So sah das damals bei mir auch aus. „Der muss mehr essen“, sagte meine Oma immer, wenn sie bei ihren Besuchen die Lindenberg-Poster an der Kinderzimmerwand inspizierte und regelmäßig ihre Abneigung ausdrückte – was den Verehrten noch cooler erschienen ließ. Damals war er noch schlank und hatte volles Haar, trug weder Hut noch Sonnenbrille. Auf einem Videoterminal in der Ausstellung kann man ihn so „Alles klar auf der Andrea Doria“ singen sehen.

Mich als Veteranen bewegt das, aber auf heutige Jugendliche dürfte das reichlich verstaubt wirken. So fühlt es sich also an, wenn man alt wird.

„Rock. Jugend und Musik in Deutschland“, Ausstellung mit umfangreichem Katalog bis 4. März im Kronprinzenpalais Unter den Linden 3, Di-So 10 bis 19 Uhr, Eintritt frei

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