Jugendgewalt : Geschlagene Kinder

In der Debatte um Jugendgewalt wird im Moment vor allem über härtere Strafen und Erziehungscamps diskutiert. Was aber sind die Ursachen, die zu Gewalttätigkeit von Jugendlichen führen?

Caroline Fetscher

Statistisch ist es längst erwiesen: Wer mit Schlägen aufwächst, der wird als Erwachsener mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst zum Schläger und ist leichter bereit, Gewalt zu akzeptieren. Weltweit kommen wissenschaftliche Studien zur Gewaltprävention zu diesem Ergebnis. Kinder und Jugendliche, die körperliche und verbale Gewalt als Mittel der Erziehung im Elternhaus erfahren, lernen früh, Schläge, Tritte und das Anbrüllen anderer als zulässige Form der Durchsetzung von Interessen anzuerkennen. Sie stauen Wut, Hass, Ohnmacht und Angst in sich auf, Misstrauen statt Vertrauen wird für sie prägend.

Später mangelt es diesen Kindern oft an Ressourcen, Konflikte und Frustrationen anders als gewalttätig anzugehen. Gerade auch vor dem Hintergrund solcher Erkenntnisse gibt es in Deutschland seit November 2000 mit Paragraph 1631 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches ein „Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung“. Dort heißt es: „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ An Schulen in der alten Bundesrepublik galt das Züchtigungsverbot von Schülern durch Lehrer, je nach Bundesland, bereits in den frühen 70er Jahren, in der DDR ab 1949. Als erstes Land der Welt erließ Schweden 1979 ein Gesetz zur gewaltfreien Erziehung, das dort inzwischen so gut wie alle Eltern bejahen.

In den Herkunftsländern von 80 bis 90 Prozent der in Deutschland lebenden Migranten hingegen ist solch eine Gesetzgebung unbekannt – genauso wie die wissenschaftliche Einsicht und die pädagogische Haltung, auf der sie basiert. Häufig herrscht stattdessen die Einstellung vor, gerade mittels physischer Entwürdigung des Kindes könne erwünschtes Verhalten hergestellt werden. Traditionell autoritäre Erziehung soll „Respekt“ vor Autoritäten schaffen.

Je niedriger das Bildungsniveau, desto stärker ist diese Einstellung meist ausgeprägt. So geben fast 50 Prozent der türkischstämmigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland an, dass sie zu Hause durch Väter und/oder Mütter Gewalt erfahren, und/oder im Elternhaus zu Zeugen der Gewalt des Vaters gegen die Ehefrau werden. Zu diesem Ergebnis kam eine Repräsentativbefragung des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) unter der Federführung von Institutsleiter Christian Pfeiffer. Die KFN-Studie ist Teil der Datenbasis eines im August 2007 von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt veröffentlichten Berichts zur „ Gewalt von Jungen, männlichen Jugendlichen und jungen Männern mit Migrationshintergrund in Berlin“ (Bericht Nr. 28 des Berliner Forum Gewaltprävention).

Der Bericht wertete die kriminalpolizeiliche Statistik parallel zu häuslicher Gewaltpraxis und sozialer Situation aus. Dabei wird ein überdurchschnittlich hoher Gefährdungsfaktor für Rohheitsdelikte bei migrantischen Jugendlichen, insbesondere mit türkischem, arabischem, ex-jugoslawischen und osteuropäischen Hintergrund deutlich. Rund 80 Prozent der in Berlin registrierten Intensivtäter gehören diesen Gruppen an. Statistisch noch nicht miterfasst sind dabei Jugendliche, die einen deutschen Pass haben.

Für das multikulturelle Berliner Expertenteam, das die Analyse zusammenstellte, gilt unter anderem der Faktor „gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen“ als ausschlaggebend für diese Situation. Verbände und Vereine wie der Deutsche Kinderschutzbund, die Deutsche Liga für das Kind oder der Arbeitskreis Neue Erziehung fordern für die Präventions- und Interventionsarbeit vor allem das gezielte Stärken der Elternkompetenzen. Die Mehrzahl der Experten wünscht sich Investitionen in Bildung und Aufklärung, anstatt härtere Strafen für Jugendliche.

Zu den Forderungen der Fachleute zählen Ganztagsschulen zum besseren Spracherwerb und Elternabende auf Türkisch oder Arabisch. Es fällt aber allen Parteien schwer zu benennen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Kinder im privaten Raum und den Delikten Heranwachsender gibt, Bei der aktiven, offensiven Präventionsarbeit tut sich Deutschland aus falscher Rücksichtnahme schwer, räumen manche Experten ein. In Schweden etwa war die Regierung offensiv vorgegangen. Dort wurde zum Auftakt einer Kampagne für das Gesetz zur gewaltfreien Erziehung ein Rundschreiben an sämtliche Haushalte verschickt, auch in den Sprachen der dort lebenden Migranten. Zwei Monate lang wurde auf jede schwedische Milchtüte der Gesetzestext gedruckt.

Bereits1981 kannte 98 Prozent der Bevölkerung das Gesetz, heute schlagen auch Migranteneltern in Schweden inzwischen weitaus weniger zu. In Deutschland ist zurzeit bei der Debatte um Jugendgewalt wenig vom Gesetz zur gewaltfreien Erziehung die Rede.

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