Jugendgewalt : Hartnäckigkeit statt Härte

Sie kommen zusammen, geben sich Tiernamen, und dann spielen sie redend nach, was sie einst angerichtet haben. Das geschieht nicht freiwillig, sie müssen provoziert werden. Doch das Ergebnis der Berliner Anti-Aggressions-Kurse ist verblüffend.

Jugendgewalt
Kontrollierte Wut. Teilnehmer eines Anti-Gewalt-Trainings üben, Provokationen auszuhalten. -Foto: Imago

Da ist Marvin, die hyperaktive Schlange, der auf seinem Stuhl herumzappelt. Er war die ganze Nacht unterwegs, er macht viel mit seinen Kumpels, er hat kaum geschlafen. Da ist Onur, der bequeme Hase, der seine Fingerknöchel knacken lässt und auf den Boden starrt. Nichts kann ihn aus seiner Lethargie reißen. Markus, der grinsende Adler, betrachtet die Versammlung von oben herab, auf den Lippen ein spöttisches Lächeln, auf dem Kopf die Kappe verkehrt herum. Und da ist David der Drache, auf dem Bizeps Tätowierungen. Im Naturfreundehaus Steglitz-Lichterfelde, in einem Saal mit nackten Wänden, sitzen neun Berliner Jugendliche im Kreis. Sie alle haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: Schulversagen, Herumlungern, Kiffen, Saufen, Leute anmachen, kein Ausbildungsplatz, keine Arbeit, keine Perspektive. Manche rasten schnell aus. Sie schlagen gern zu, statt zu reden.

An diesem Nachmittag ist jeder in die Haut seines Lieblingstieres geschlüpft. Jeder hat das Adjektiv gesucht, das seinen Charakter am besten beschreibt. „Das ist, um die Atmosphäre zu entspannen und sich kennen zu lernen“, sagt Mark Zimmermann, der diese Sitzung des Anti-Aggressivitäts-Trainings zusammen mit Oliver Lück begleitet. Der hat vor vier Jahren das Anti-Gewalt-Zentrum Berlin-Brandenburg gegründet, eine Einrichtung, die Trainingskurse gegen Gewalt anbietet und Fortbildungen für Lehrer und Eltern organisiert. An diesem Nachmittag nun sitzen diese neun jungen Leute hier im Naturfreundehaus, vier Stunden lang. Geschickt wurden sie von der Arbeitsagentur. Ein halbes Jahr lang müssen sie herkommen.

David der Drache sitzt den anderen gegenüber. Diese Methode heißt der „Heiße Stuhl“. Die Arme vor der Brust verschränkt, eine ironische Grimasse im Gesicht, kaut David Kaugummi, um sich gelassen zu geben. Aber verlegen ist er doch. „Starrt mich nicht so an!“, wirft er den anderen zu, die ihn beobachten. „David, wir wollen hier keine Weicheier. Ein bisschen Mut gehört schon dazu!“, sagt Oliver Lück. Ein 41-Jähriger, groß und kräftig, sanft, aber streng. David beginnt stockend, sein Leben zu erzählen. Einer notiert die wichtigsten Etappen auf einer Tafel: 1985 in Steglitz geboren. Mutter: Karin, 48 Jahre alt. „Kennst du deinen Erzeuger? Weißt du seinen Namen?“, fragt Mark. „Peter, 44 Jahre. Meine Eltern sind noch ein Pärchen.“ Seine Mutter hat ein Alkoholproblem und sitzt zu Hause. Sein Vater, früher Kraftfahrer, ist seit 1994 arbeitslos. Das Geld ist knapp. Es gibt Spannungen.

David absolviert eine klassische Karriere: Er bleibt zwei Mal sitzen, schwänzt wochenlang die Schule, ohne dass die Eltern etwas merken. Schließlich schafft er doch den Hauptschulabschluss. „Anständig oder grottig?“ unterbricht Oliver Lück. „Naja …“, sagt David. Es folgt eine Serie abgebrochener Ausbildungen. Seit sechs Jahren steht David dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Er hat noch nie gearbeitet, außer schwarz. „Ich kann nicht die ganze Zeit zu Hause vor der Flimmerkiste sitzen. Ich krieg …“, und er würgt sich mit beiden Händen. Die anderen brechen in Gelächter aus. Oliver Lück lacht nicht. „Du badest jetzt die Dämlichkeit deiner Jugend aus. Wie viele Bewerbungen hast du geschrieben?“ – „Gar keine“, gibt David zu. „Hab ich mir schon gedacht! Und was machst du am Abend?“ – „Den brauche ich zum Entspannen“ antwortet David. „Dit is jetzt eine Scheißrechtfertigung! Lass es einfach weg!“, unterbricht Oliver Lück.

„Wie ist es mit dir gewesen, gewalttechnisch?“, fragt jetzt Mark Zimmermann. David verheddert sich, feixt, schaut zu Boden. Man fühlt, dass er in der Defensive ist. Ja, stimmt, am ersten Tag in der Gesamtschule, als er mit der Oberschule angefangen hat, hat er einem Lehrer eine reingehauen. Er wurde sofort wieder nach Hause geschickt. Der ersten Gewalttat folgen weitere, immer schwerere. Irgendwann ist David mit einem Kumpel unterwegs, der ist 14 Jahre alt und zieht ein Messer aus der Tasche. „Ich hab mich erschrocken. Ich bin kein Fan von Waffen“, sagt David. Trotzdem nehmen die beiden ihrem Opfer dessen 20 Euro ab.

„Stell dir mal vor, das Messer wäre nötig gewesen. Es wäre dann Mord, und du wärst Mittäter“, sagt Mark Zimmermann. Die Gruppe verfällt in Schweigen. „Ich hatte mir keine Gedanken gemacht!“, sagt dann David. Er musste 41 Stunden Sozialdienst machen. Laub harken. Ein Jahr später holt sein Kumpel eine Schusswaffe heraus. 80 Stunden Sozialdienst. „So wenig“, empört sich Oliver Lück, „ich fass es nicht, wenn ich Richter gewesen wäre …“ David der Drache sinkt auf seinem Stuhl zusammen. Er ist plötzlich ganz klein. Zum ersten Mal findet er sich in der Rolle des Opfers.

„Einer muss mit seiner Tat konfrontiert werden“, sagt Oliver Lück. „Wir brechen hier keine Persönlichkeit, wir gehen gegen die verurteilungswürdige Tat vor. Wir sagen nicht: Ihr seid schlechte Menschen. Wir sagen nur: Eure Taten sind miserabel und mies. Das sagt denen kaum jemand. Wir hören uns die Ausreden, die Rechtfertigungen an, und wir lassen nicht los. Wir provozieren. Wo sind die Aggressivitätsauslöser? Welche Rechtfertigungsstrategien haben sie, um ihre Tat schön zu reden? Die Jugendlichen nehmen die Provokation an und probieren, nicht auszurasten.“ Zum ersten Mal hört ihnen jemand zu, zum ersten Mal zeigt jemand Interesse. Am wichtigsten ist es, dass die Trainer ihnen klare Grenzen setzen, die die jungen Leute nie erlebt haben. „Dadurch, dass wir sagen: Freunde, bis hierher und nicht weiter!, fühlen sie sich angenommen“, sagt Oliver Lück.

Eins ist besonders wichtig bei dieser Arbeit: Die Jugendlichen müssen erkennen können, dass ihre Trainer wissen, wovon sie sprechen. Dass es auch in deren Leben Fehlschläge gegeben hat und dass man sie überwinden kann. Wie bei Oliver Lück. Nichts hat einst darauf hingedeutet, dass dieses Grunewalder Kind, Sohn aus guter Familie, später einmal täglichen Umgang mit gefährdeten Jugendlichen haben würde. Er war ein von allen bewunderter, erfolgreicher Sonnyboy.

Aber dann geht der Kleinbetrieb, ein häuslicher Pflegedienst, den er gegründet hatte, pleite. Oliver Lück kann seine Angestellten nicht mehr bezahlen. Offen erzählt er von diesem Absturz: „Ich war total deprimiert, und keiner kam mehr an mich ran. Aber nach außen war ich immer der Strahlemann. Nach innen war ich allein.“ Seine Ehe geht in die Brüche. Doch mit Hilfe einer Therapie und dank „dieser Gewissheit, die irgendwo in mir weitergelebt hat: Es gibt immer einen Weg!“, taucht er wieder auf. Er beginnt ein Sozialpädagogikstudium, finanziert es mit kleinen Jobs und besteht die Diplomprüfung nach vier Jahren. „Diese Erfahrung ist die beste in meinem Leben, sage ich den Jugendlichen dann. Du kannst Angst haben und überfordert sein. Du kannst trotzdem ein ganzer Kerl sein.“ Genau das will er David und den anderen beibringen: „Ihr könnt euch rausboxen. Ja, das geht.“

Oliver Lück weiß, dass sein Programm die Probleme nicht sofort lösen wird, aber er kann auf eine Erfolgsquote von 63 Prozent verweisen. 63 Prozent der Teilnehmer werden nach dem Training nicht mehr auffällig. Und 37 Prozent werden zwar weiter auffällig, aber die Hälfte davon nur mit minder schweren Delikten.

Und Oliver Lück hat eine Vision. Er möchte eine Stiftung gründen, in die die öffentliche Hand und private Sponsoren wirklich bedeutende Summen einzahlen. Die großen Konzerne müssten sensibilisiert werden. Sie haben viel zu gewinnen, schließlich beklagen sie sich oft über ihre aggressiven und faulen Azubis. „Alle wollen das Problem vom Tisch haben“, sagt Lück, „aber keiner ist bereit, etwas zu zahlen. Jeder kleine Antrag auf 10 000 Euro kostet uns monatelange Arbeit. Irgendwann hat man keinen Bock mehr.“

Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass sich so etwas wie Müdigkeit über sein Gesicht legt. Lück hat genug davon, vergeblich an Türen zu klopfen, genug davon, seine Kontakte spielen zu lassen, Formulare auszufüllen, genug vor allem davon, zig Schulen und Institutionen abzusagen, die dringend seine Hilfe brauchen. Oliver Lück versteht nicht, dass das keiner begreift.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben