Jugendgewalt & Justiz : Das passt in kein Lager

Von Peter von Becker

Die Reaktionen nach den aktuellen Fällen von jugendlicher Gewalt in deutschen Städten sind erst mal ein Anstoß. Wir haben zu viele junge ausländische Straftäter, sagt Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Da hat er recht. Wir haben auch zu viele junge deutsche Straftäter, antworten Koch-Kritiker. Auch die haben recht. Aber es geht hier nicht um die allgemeine Kriminalitätsstatistik und schon gar nicht darum, brutale junge Türken oder Araber gegen ebenso brutale deutschstämmige Skinhead-Schläger aufzurechnen.

Tatsache ist nämlich, dass bei Gewaltdelikten, vor allem in Großstädten, junge Migranten überproportional häufig in Erscheinung treten. Das jedoch liegt als schichtenspezifisches Phänomen am allerwenigsten am deutschen (Jugend-)Strafrecht. Von dessen jetzt heftig debattierten Details dürften die meisten der einschlägigen Täter ohnehin keine Ahnung haben. Das Problem wurzelt viel tiefer, und darum wirkt die Debatte, die ein Denkanstoß sein könnte, zugleich so anstößig.

Ausgerechnet Roland Koch will sich im Endspurt des hessischen Landtagswahlkampfs bei diesem Thema einmal mehr zum Apostel der inneren Sicherheit stilisieren. Als hätte nicht gerade er maßgeblichen Anteil an der jahrzehntelangen politischen Lebenslüge, dass diese Bundesrepublik „kein Einwanderungsland“ sei. Die Gewaltkriminalität junger Migranten ist indes ein soziales Problem längst jenseits der klassischen justizpolitischen Fronten. Auch wer nun härtere Strafen gegen den vermeintlich weicheren Gedanken der Resozialisierung ins Feld führt, verkennt: Von „Re“ kann heute in vielen Fällen gar nicht erst die Rede sein. Es fehlt ja schon an der grundlegenden Sozialisation.

Alle Untersuchungen, alle Beobachtungen – vom Kindergarten bis zur Hauptschule – zeigen, dass kindliche und jugendliche Gewalt dort ihren Nährboden hat, wo schon in den Familien die Faust statt des Kopfs, die Härte oder die völlige Gleichgültigkeit statt des Herzens oder der sozialen Zuwendung und Ausbildung regieren. Massive körperliche Gewalt gedeiht in Verwahrlosung und Desintegration. Es ist das ein gesellschaftliches Phänomen: von Unterprivilegierten oder Unintegrierten. An diesem Punkt aber scheuen die linkspolitisch Korrekten die Wahrheit so sehr wie die rechtspolitischen Populisten.

Den einen ist es unangenehm, dass junge Migrantensöhne tatsächlich überdurchschnittlich häufig zu aggressiv-kriminellen Aktionen neigen und dass dies auch etwas mit der Machokultur südöstlicher und gar muslimischer Gesellschaften zu tun hat. Die konservativen Populisten dagegen schüren Ressentiments, um von ihrer Verleugnung der Integrationsnotwendigkeit abzulenken. Statt nun kopflos lauthals Erziehungslager für jugendliche Straftäter zu fordern, müsste die Erziehung zuallererst an der Basis beginnen. Bevor geschlagen, getreten, gestochen wird.

Das ist das eine – und nicht nur Aufgabe des Staats. Seine Angebote können die individuelle Selbstverantwortung von Eltern und Heranwachsenden nur fördern, nicht ersetzen. Die Justiz muss sie freilich auch fordern. Bestehende Gesetze reichen dabei zumeist aus, wenn denn mordlustige Rohlinge zwischen 18 und 21 Jahren nicht nur als voll wahlberechtigte, sondern in der Regel auch als voll strafmündige Erwachsene beurteilt würden. Egal ob In- oder Ausländer. Gegen die Gewalt auf Straßen und in U-Bahnen aber gibt es, außer null Toleranz und bedachter Zivilcourage, keine stramme Patentlösung. Weder durch massenhafte Abschiebung noch durch multikulturelle Verdrängung.

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