Jugendstrafrecht : Türen zu, Zukunft offen

Jugend und Gewalt II: Bayern hat seine geschlossenen Heime für junge Straftäter nie abgeschafft. Nun könnten sie Vorbild für Berlin werden.

Mirko Weber
Heime
Grenzensetzer. Hans-Georg Schenker und Roland Kopp (rechts). -Foto: Roggenthin

SchwarzenbruckVon Wand zu Wand sind es drei Schritte, von vorn nach hinten viereinhalb. Links hängt ein Poster des Elefanten Benjamin Blümchen, rechts der Rapper 50 Cent. Es riecht nach Staub, muffiger Wäsche und Schweiß. Das Fenster geht zum Hof. Man kann es kippen, aber ganz auf geht es nicht. „Nicht so toll, schon klar“, sagt der 51 Jahre alte Schreiner und Erzieher Roland Kopp, „aber besser als das, was die meisten Jungen von zu Hause kennen.“

In der kleinen mittelfränkischen Gemeinde Schwarzenbruck lernen jugendliche Straftäter kennen, worüber in Berlin derzeit diskutiert wird: ein geschlossenes Heim. Seit 1977 gibt es in den „Rummelsberger Anstalten“ einen „Pädagogisch-Therapeutischen Intensivbereich“, kurz: PTI. Roland Kopp arbeitet seit 17 Jahren in der geschlossenen Unterbringung. Er trägt eine Fred-Perry-Jacke und schulterlange Haare. Nach der Arbeit spielt er in einer Bluesband. Er hat viel erlebt. Zum Beispiel einen wie Markus.

„Markus“, sagt Kopp, „war ein Luxusverwahrloster“: Er hatte reiche Eltern, die sich nicht um ihn kümmerten, startete eine Drogenkarriere, klaute, schwänzte die Schule. Bei der ersten Weihnachtsfeier in Rummelsberg baute er sich auf, schaute in die Runde und sagte: „Über Silvester fahre ich in unser Haus in Kitzbühel. Da essen wird dann Raclette. Aber ihr wisst ja eh nicht, was das ist.“

Wer nach Rummelsberg kommt, bleibt längstens zwei Jahre. Ein Ausgehverbot gehört zum Konzept. Der Entzug von Freiheit soll „die Burschen aus ihren ehemaligen Zusammenhängen lösen“, wie der Leiter des PTI, Hans-Georg Schenker, in seinem Büro sagt. Nichts sei fataler als eine Rückkehr zu den ehemaligen Kumpels und den erlernten Ritualen. Nach sechs bis acht Wochen dürfen die Jugendlichen – die meisten zwischen zwölf und 16 Jahren alt – zunächst in Begleitung die Freiheit erproben: Elternbesuche, Einkaufstouren oder Kino. Wer dem vertrauten Milieu eine Zeit lang fern bleibe, könne fern davon von vorn anfangen – so die Idee.

Auch bei Markus schien das Konzept zunächst aufzugehen: Er machte in Rummelsberg einen Schulabschluss und wurde entlassen. Froh sei er draußen aber nicht geworden, sagt Roland Kopp. Schnell hatten Markus die Drogen wieder. Kein Einzelfall, aber auch nicht die Regel. „Markus haben wir verloren“, resümiert Kopp und zuckt mit den Achseln.

Andere Rummelsberger heißen Volker, Christoph, Kevin, Michael und Meikel. Das sind, wenn man so will, die typischeren Fälle: Kinder von frühzeitig getrennten Eltern, die, weil sie vernachlässigt wurden, sich bald selbst vernachlässigten, die ausrissen, schlugen, tranken, sich prostituierten. Die meisten sind Dauerdelinquenten.

Anfang der Neunziger haben die meisten Bundesländer die geschlossenen Einrichtungen abgeschafft. Seitdem gibt es auf dem Rummelsberg regelmäßig mehr Bewerber als freie Plätze. Die geschlossene Abteilung verkraftet aber nicht mehr als 20 Jugendliche, die in drei Gruppen aufgeteilt werden. Auf ein Kind kommt ein Betreuer. Fast 240 Euro kostet das pro Tag und jungen Mann – mehr als doppelt so viel wie eine offene Gruppe.

„Das Ziel ist“, sagt Hans-Georg Schenker, „der mündige Bürger.“ Weil sich das vielleicht paradox anhört, sagt er es gleich noch einmal anders: „Wir richten die Verkorksten, das heißt, wir versuchen es. Meistens klappt’s.“

Wenn es ein Geheimnis gibt in Rummelsberg, dann heißt es wohl Konsequenz. Das Einhalten von Regeln. Neben den Tafeln in den kleinen Schulräumen hängt jeweils ein rotes Blatt. Darauf steht: „Keine Beleidigungen. Keine Gewalt. Keine Bedrohungen.“ Das ist die Theorie.

Die Praxis ist, dass sich Roland Kopp trotzdem oft in übler Gossensprache anmachen lassen muss. Kopp sagt, er antworte eigentlich immer mit dem Satz: „Respektier mich. Ich bin hier nicht in einem schlechten Film.“ Das wirkt. Nicht immer, aber meistens. Falls nicht, ist der letzte Ausweg für die Pädagogen der „Time-Out-Raum“ – eine hellbraun gestrichene Zelle mit Klo und Pritsche, in der sich ausrasen oder stumm brüten muss, wer die Ordnung nachhaltig stört. Eine Nacht ist die Höchststrafe.

Nach einiger Zeit auf dem Rummelsberg tut sich hinter dem Großmannsgetue der Burschen oft etwas anderes auf. Aus Berlin, erzählt Kopp, hatten sie mal einen hier, „der war einsneunzig, bärenstark“. Der habe sich, immer wenn er auf dem Sofa lag, von einem Kleineren Wind zufächeln lassen. In einer stillen Minute dann habe der Junge Kopp gefragt , ob er mit ihm in den Werkraum gehen könne. Er wolle mit seinen Matchboxautos spielen. Bei den anderen schäme er sich dafür.

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