Zeitung Heute : Jung, schwarz, hungrig

Erstmals seit Jahren steigt die Armut in den USA – Suppenküchen haben Hochbetrieb

Anna Schwan[New York]

Eigentlich ist Michael Pianist. Doch heute sitzt er nicht auf einem Klavierstuhl, sondern auf einem dieser stapelbaren Plastikstühle, mit denen der Aufenthaltsraum der Suppenküche möbliert ist, und liest in der „Daily News“, dem Regenbogenblatt der Stadt. In seinen guten Zeiten trat der 46-Jährige in allen bekannten Jazz-Clubs auf und verdiente 600 Dollar pro Woche. Aber die guten Zeiten sind vorbei, seitdem er wegen Körperverletzung eineinhalb Jahre im Gefängnis saß – unschuldig, wie er sagt. Jetzt versucht er, in eines der wenigen Sozialhilfeprogramme der Stadt aufgenommen zu werden, um eine Wohnung zu finden. Momentan verdient sich der New Yorker ein paar Dollar als Organist in einer Baptistenkirche dazu.

Zu der Suppenküche, in der Michael sitzt, führt eine glitschige Kellertreppe, steil und bemoost. Doch wer essen will, muss sie hinunter. Dann links in den schmalen, unebenen Gang, vorbei an einem Haufen schwarzer Müllsäcke und zerbrochener Plastikstühle, die sich bis zur zweieinhalb Meter hohen Decke türmen. Vorbei an den Aushängen des New Yorker Gesundheitsamtes, auf die jemand „So what?“ gekritzelt hat, und an der elektronischen Sicherheitsschleuse, die unaufhörlich piept. Dann ist er angekommen, an der Essensausgabe der „Grand Central Neighborhood Social Services Corporation“.

Ausgerechnet mitten in Manhattan, einen Block von Chrysler Building und Grand Central Bahnhof entfernt, zwischen den Insignien des Reichtums von Corporate America liegt dieser Ort, eine der größten Suppenküchen New Yorks. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr gibt es hier eine warme Mahlzeit, Schutz und ein bisschen Ruhe für all jene, an denen der amerikanische Traum vorbeigezogen ist. Und das werden immer mehr. 100000 Obdachlose gibt es in New York. Gut ein Fünftel der Bevölkerung, eineinhalb Millionen Einwohner, ist auf Lebensmittelunterstützung angewiesen – sei es durch Suppenküchen, Essensmarken oder so genannte Pantrys, Lebensmittelausgaben für Bedürftige.

Etwa 300 Menschen kommen täglich in die Suppenküche in der 42. Straße. Fast alle sind jung, zwischen 20 und 40 Jahre alt, meistens – wie Michael – schwarz und männlich. Viele haben keinen Schulabschluss, einige können nicht einmal lesen. Das amerikanische Schulsystem macht es leicht, durch die Maschen des grob gestrickten Sozialnetzes zu fallen, vor allem in Zeiten der Rezession und der Verschärfungen im Wohlfahrtssystem. „Wir haben die höchste Arbeitslosenquote seit 1978. Damit ist auch die Zahl der hungernden New Yorker gestiegen“, sagt der Mitbegründer und Direktor der „Social Services Corporation“, Brady Crain. „Gleichzeitig spart die Stadt, wo immer sie kann. So etwas geht nicht lange gut – in der letzten Zeit kamen viel mehr Leute zu uns als im Jahr davor. “

Crains Worte decken sich mit den Daten der US-Behörde für Statistik, die kürzlich veröffentlicht worden sind. Danach hat die Zahl der in Armut lebenden Amerikaner zum ersten Mal seit acht Jahren zugenommen. Unabhängig von Rasse, sozialer Schicht und Staatsangehörigkeit bekommen große Teile der Bevölkerung die Krise zu spüren. 11,7 Prozent aller Amerikaner gelten als arm. Das sind insgesamt 1,3 Millionen Menschen mehr als im Vorjahr. Für New York sieht es noch schlechter aus: Seit dem Anschlag vom 11. September drängen gut 70 Prozent mehr Menschen in die 1200 Essensausgaben der Stadt.

„Momentan trägt die Stadt New York die Hälfte unserer Kosten, aber das kann sich schnell ändern. Wir sind zunehmend auf private Unterstützung durch Firmen und Stiftungen angewiesen“, sagt Reverend J. Barrington Bates von der „Church of the Ascension“ in Manhattans West Village. Seit 1982 hat seine Kirche eine Pantry. Zweimal in der Woche, dienstags und samstags um halb neun morgens, stehen Bates und seine freiwilligen Helfer vor der Tür des Pfarrhauses und verteilen Plastiktüten mit Grundnahrungsmitteln an Bedürftige: keinesfalls nur Obdachlose, sondern Familien, Arbeiter, Kleinverdiener. An diesem Samstagmorgen sind es gut 100 Menschen, die geduldig auf ihre Tüte warten.

Auch Carmen Martinez steht Schlange. Die Mexikanerin ist vor 20 Jahren nach New York gekommen, legal und mit allen Papieren. Seitdem ihre Ehe vor zwölf Jahren geschieden wurde, versucht sie alleine, für ihre Familie zu sorgen. Carmen sagt, dass sie immer ordentliche Jobs hatte – als Kosmetikerin, am Empfang und jetzt als Verkäuferin. Trotzdem wird es zunehmend schwerer für die Mutter von drei Kindern, von ihrem Lohn das tägliche Leben zu bezahlen. Allein ihre Vier-Zimmer-Wohnung in Brooklyn Heights kostet monatlich 1000 Dollar Miete. Seit vier Jahren kommt Carmen zweimal in der Woche zur „Church of the Ascension“. „Mein Gehalt reicht nicht, um meine Familie zu ernähren, das Leben hier wird immer teurer“, sagt sie. Da helfen auch die 200 Dollar Unterstützung nicht viel, die sie von der Stadt bekommt. „Jetzt haben sie auch noch meine Essensmarken gekürzt, mit denen ich im Supermarkt einkaufen kann. Marken für zehn Dollar habe ich in diesem Monat bekommen, das ist lächerlich.“

Steigende Preise, geringe Löhne, Einschnitte bei den Sozialleistungen: Das sind Gründe für die wachsenden sozialen Probleme in New York. Doch die Stadt hat kein Geld – seit der Rezession und dem 11. September fehlen dem Haushalt 4,8 Milliarden Dollar, das größte Defizit in der Geschichte New Yorks. Eine Verbesserung ist nicht in Sicht. „Noch sind die Randgruppen betroffen, aber wenn sich die wirtschaftliche Situation weiter verschlechtert, frisst sich das Problem in die Gesellschaft hinein“, sagt Brady Crain. „Das wird noch ein harter Winter.“

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