Zeitung Heute : Jung und aufstrebend

ROLAND KOCH

Er ist 29 Jahre alt, hat rund 70 Angestellte und sein Unternehmen machte im letzten Jahr einen Umsatz von 15 Millionen Mark.Aus seinem respektablen Büro im 13.Stock am Hardenbergplatz schweift der Blick weit über die Stadt.Nur das leise Summen einiger PCs ist zu hören.Robert Rothe ist Geschäftführer des Berliner Internet-Dienstleisters Interactive Networx.1994 brach er sein Physik- und Informatikstudium ab und gründete gemeinsam mit Jörn Lubkoll ein Unternehmen.Sein zweites übrigens, denn bereits in der Schule hatte er eine eigene Software-Firma.

"An den Computer bin ich eigentlich über das Spielen gekommen - wenn auch anders, als das zunächst klingt.Denn während meine Freunde spielten, wollte ich lieber wissen, wie die entsprechenden Programme geschrieben werden", sagt der PC-Profi.Bereits Ende der achtziger Jahre faszinierte ihn das Thema."Damals wußte noch kaum jemand, was das Internet eigentlich ist.Es wurde fast ausschließlich von Universitäten genutzt." Heute zählt snafu, einer von drei Geschäftsbereichen des Unternehmens Interactive Networx, zu den bekanntesten Internet-Anbietern in Berlin.

Die Multimediabranche lockt zur Jahrtausendwende nicht mehr nur Pioniere in aller Welt und scheint einer der großen Arbeitsmärkte der Zukunft zu sein.Schon seit einigen Jahren verkünden die Entwickler von CD-ROM- oder Internet-Anwendungen traumhafte Wachstumsraten.Und wer Arbeit sucht, setzt immer öfter seine Hoffnungen auf diese Branche, denn auch für Fachfremde bieten sich diverse Möglichkeiten für einen Quereinstieg.Aber kann die Branche erfüllen, was ihr an Optimismus entgegengebracht wird?

Einen positiven Trend für Screendesigner, Internetseiten-Gestalter, Multimedia-Konzeptioner und -Programmierer oder Online-Redakteure sieht Jürgen Netzel, Akademischer Arbeitsberater beim Hochschulteam des Arbeitsamtes Berlin Südwest.Allerdings teilt er nicht die allgemeine Euphorie, daß die Multimediabranche bis zur Jahrtausendwende über eine Million neue Arbeitsplätze bringen wird."Denn Multimedia schafft nicht nur Arbeitsplätze, es vernichtet auch solche." Ein Beispiel ist die Werbung."Was zuvor mit personalintensiven, aus heutiger Sicht natürlich veralteten Techniken produziert wurde, läßt sich heute besser, teils billiger und schneller mit neuen Wirkungen herstellen." Die Folge ist eine Umschichtung am Arbeitsmarkt.Fachkräfte mit neuen Qualifikationen werden gesucht, andere nicht mehr gebraucht.

Wer heute allerdings die richtigen Qualifikationen besitzt, ist auf dem Arbeitsmarkt heiß umworben.Der Deutsche Multimedia Verband (dmmv) geht davon aus, daß Einsteiger neben technischem Wissen auch medienwissenschaftliche Grundlagen sowie Anwenderwissen im Hard- und Softwarebereich und gestalterisches Know-how mitbringen sollten.Der Verband schätzt, daß allein zwischen 1996 und 1998 rund 50 000 Stellen mangels geeigneter Fachkräfte nicht besetzt wurden.

Fachwissen allein ist allerdings kein Freibrief für den Einstieg.Wer Fuß fassen will, muß neben den entsprechenden Qualifikationen die sogenannten soft skills, wie Teamfähigkeit oder Selbständigkeit und eine ordentliche Portion Engagement mitbringen."Eigeninitiative ist enorm wichtig", sagt Christian Simon.Er besucht an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) den EU-geförderten Weiterbildungskurs Medieninformatik."In den nächsten Semestern will ich mich noch um Praktika und Auslandserfahrung kümmern." Angebote für Praktika hat der 21jährige bereits in der Tasche.Er hofft auf einen schnellen Einstieg in einer Werbe- oder Online-Agentur, einem Verlag oder einer Druckerei.

"Rund 500 000 offene Stellen dürfte es zur Zeit in der Branche europaweit geben", schätzt Jürgen Siek, Professor an der FHTW."Tendenz steigend." Er hat in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, daß Fachleute aus dem Informatikbereich bereits an der Uni abgeworben werden."Der Personalaufwand für einen Internet-Auftritt beispielsweise darf nicht unterschätzt werden", bestätigt auch Doris Reisinger, Expertin für Internet-Marketing von der Universität Linz in Österreich, diese Prognose."Für einen professionellen Auftritt müssen 10 bis 15 Funktionsbereiche besetzt werden." Das sorgt für eine entsprechende Nachfrage an qualifizierten Arbeitskräften.

Bei diesen Aussichten suchen auch viele Fachfremde, die in ihrem herkömmlichen Berufsfeld schlechte Chancen haben, ihr Glück in der Branche.Passende Fortbildungen und Umschulungen schießen wie die Pilze aus dem Boden."Hiervon sollte man sich aber nicht zu viel versprechen", rät Alexander Münich, Geschäftsführer der Werbeagentur Litwin, Münich & Partner in Berlin."Der persönliche Einsatz eines Bewerbers ist für eine Einstellung ausschlaggebend.Man muß für das Thema brennen.Wer sich nur von den Marktchancen leiten läßt, wird auf die Nase fallen."

Darüber hinaus erfüllen nicht alle Weiterbildungsanbieter Qualitätsanforderungen wie sie etwa der dmmv fordert."Für diejenigen aber, die sich ernsthaft für die Branche interessieren und bereit sind, ständig dazuzulernen, wird der Multimediabereich in Zukunft offen stehen", glaubt Robert Rothe.

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