Zeitung Heute : JUROR HELLMUTH KARASEK

Hellmuth Karasek, Tagesspiegel-Mitherausgeber, gehört zur neunköpfigen Jury der Berlinale Ô99.Jury-Präsidentin ist die spanische Schauspielerin Angela Molina.Außerdem in dem Gremium, das über die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären entscheidet: die Filmregisseure Assi Dayan, Katja von Garnier und Jeroen Krabbé, die Schauspielerin Michelle Yeoh, Produzent Paolo Branco, Filmarchitekt Ken Adam und Festivalmacher Pierre-Henri Deleau.

TAGESSPIEGEL: Herr Karasek, Sie sind bestimmt nicht zum ersten Mal Juror.

KARASEK: Ich war beim Bachmann-Preis, bei der Gruppe 47, ich war auch schon bei Filmjurys, aber dies ist die erste wirklich ehrenvolle, große Aufgabe: bei einem der drei großen Festivals in der Jury zu sein.Ein Kritiker mag es zudem immer, wenn er mal etwas beurteilen kann, um ihm anschließend Gutes zu tun.

TAGESSPIEGEL: Davor aber haben die Götter den Schweiß gesetzt.

KARASEK: Es zeigt sich, daß Leute, sobald man das Scheinwerferlicht ausmacht, sehr ernsthaft arbeiten.Ich habe nur Jurys erlebt, wo sich Leute Mühe geben.Das ist oft enervierend, weil sie sich eine Mühe in eine Richtung geben, in die man nicht will und man sich selbst wieder eine andere Mühe gibt.Aber am Ende von solchen Sitzungen ist man traurig, daß die Jury wieder auseinanderfliegt.Man sieht sich auch nie wieder, aber währenddessen glaubt man, man gehört auf ewig zusammen.

TAGESSPIEGEL: Was muß ein Film haben, um ein guter Film zu sein?

KARASEK: Eine Geschichte, die sich nicht besser erzählen lassen kann als durch den Film.Eine Geschichte, die mit dem, was die Zeit bewegt, direkt oder indirekt sehr viel zu tun hat.Ein guter Film ist auch einer, aus dem man traurig rausgeht und sagt, das hättest du nie gekonnt.

TAGESSPIEGEL: Schöne Schauspielerinnen gehören nicht dazu?

KARASEK: Man geht auch ins Kino wegen Schauspielern.Vor kurzem habe ich einen entsetzlich schlechten Romy-Schneider-Film gesehen, elend, elend, elend.Aber als ich ihre Stimme hörte und sie sah, dachte ich, es lohnt sich doch.Auch männliche Schauspieler haben, finde ich, eine große erotische Ausstrahlung.Oskar Werner oder Cary Grant, von den jüngeren vielleicht Kevin Costner.

TAGESSPIEGEL: Als Juror sehen Sie die Filme zusammen mit dem Publikum.Wie beeinflußt Sie das?

KARASEK: Alle großen Filmemacher haben das mal so formuliert: Der einzelne mag dumm sein, als Publikum ist er immer der schlaueste.Ganz eindeutig teilt sich das bei Komödien mit.Lachen ist ein so kollektives Erlebnis, auch die Stille, wenn den Leuten auf einmal alles wegbleibt, wenn niemand mehr hustet.Man sollte Filme immer mit Publikum sehen.

TAGESSPIEGEL: Drei Filme am Tag: Wie wappnen Sie sich gegen die Müdigkeit?

KARASEK: Als Journalist habe ich in Venedig manchmal bis zu fünf Filme am Tag gesehen, der Härtefall.Aber im Kino bin ich selten eingeschlafen.Ich liebe es, im Theater zu schlafen.

TAGESSPIEGEL: Nach dem Kino-Marathon kommt irgendwann die Schlußsitzung.Welches Arbeitsgetränk wünschen Sie sich?

KARASEK: Kaffee.Und Champagner.

TAGESSPIEGEL: Champagner nicht erst nachher?

KARASEK: Der stimuliert mich.Ich habe mich daran gewöhnt, Champagner zu einem Getränk zu machen, das man nicht nur trinkt, wenn man 65 wird.

Das Gespräch mit Hellmuth Karasek führte Jan Schulz-Ojala

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben