Justiz : Ein Leben für die Gerechtigkeit

Die Berliner Anwältin Pamela Pabst wäre gerne Richterin. Das darf sie aber nicht - weil sie blind ist.

Verena Mayer
Pabst
Selbstbewusste Juristin: Pamela Pabst, blinde Rechtanwältin, fotografiert vor dem Sitzungssaal im Amtsgericht Moabit. -Foto: Thilo Rückeis

Pamela Pabst war elf Jahre alt, als ihre Eltern, einfache Leute, von einem Versandhaus eine Rechnung bekamen. 300 Mark, die sie nie ausgegeben hatten. Doch weder das Inkassobüro noch der Gerichtsvollzieher ließen mit sich reden, die Familie musste zum Anwalt. Es war der Tag, an dem sich Pamela Pabst entschloss, Jura zu studieren. Wie es in dem Büro des Anwalts aussah, weiß Pamela Pabst nicht. Sie ist blind. Was sie aber hörte, fand sie „großartig“, wie sie sagt: „Diese gewählte Sprache, schon allein das Wort ‚Mandant’“.

17 Jahre später. Pamela Pabst, inzwischen 28, betritt in schwarzer Robe das Berliner Amtsgericht. Sie ist jetzt selbst Rechtsanwältin, die erste in Deutschland, die von Geburt an blind ist.

Es geht um räuberischen Diebstahl an diesem Morgen in Saal B 237. Vor Pamela Pabst lümmelt ein dunkelhaariger Junge mit riesigen Turnschuhen und mürrischem Blick. Er hat bei Rossmann Kosmetika für seine Schwester geklaut und dann den Kaufhausdetektiv weggeschubst. Pamela Pabst sitzt sehr aufrecht auf ihrem Stuhl, den Kopf geradeaus gerichtet. Nur ihre Finger sind ständig in Bewegung. Ihr Mutter hat die langen Nägel rosarot lackiert. Die Finger laufen über ein kleines Kästchen, das vor Pamela Pabst steht, ihr Blindennotizgerät.

Pamela Pabst ist eine mädchenhafte Erscheinung, klein und sehr zart. Das lange Haar hat sie zu einem Zopf geflochten, der bei jeder Bewegung hin und her schwingt wie ein Pendel – alles an ihr ist von jener quirligen Bestimmtheit, die man sich aneignen muss, wenn man einen Weg geht, der einem nicht vorgegeben ist. Sie kam 1978 als Frühgeburt auf die Welt. Ihr Leben konnten die Ärzte retten, die Sehkraft nicht. Als Kind wuchs sie dennoch gemeinsam mit Sehenden auf, besuchte einen Kindergarten und eine normale Grundschule.

Im Gerichtssaal sitzt eine junge Frau neben ihr, Pabsts Assistentin. Sie ist ebenfalls Juristin und macht die Dinge, für die man Augen braucht: liest Akten vor, stempelt sie, begleitet Pabst in die Bibliothek, um etwas nachzuschlagen. Wenn Pamela Pabst wissen will, wie spät es ist, kündigt sie an, dass sie jetzt auf die Uhr schauen wird. Dann drückt sie auf einen Knopf an ihrer Uhr und eine Ansage ertönt.

Pamela Pabst ist auf dem rechten Auge blind, mit dem linken kann sie noch Hell und Dunkel unterscheiden. Aber wie beurteilt man vor Gericht Dinge, ohne sie zu sehen, das Benehmen der Angeklagten, die Glaubwürdigkeit von Zeugen? Anhand der Worte, sagt Pamela Pabst. „Ein Prozess lebt von der Sprache.“ Sie höre, wie jemand atme oder ob ihm die Stimme zittert. Und ob etwas inhaltlich schlüssig sei – dafür brauche es keine Sehkraft.

Pamela Pabst hat eine nüchterne, zurückgenommene Art zu reden, es geht um Paragrafen und Sachverhalte, wie in einem Mandantengespräch. Aber sobald sich das Gespräch um Recht und Gerechtigkeit dreht, bekommt ihre Stimme etwas Schwärmerisches. Dann spricht sie über die „allumfassenden Einblicke in die Gesellschaft“, die man vor Gericht bekomme, und über das „Gesamtkunstwerk einer Hauptverhandlung“. Oder sie sagt: „Wenn die Justiz ein Verein wäre, würde ich eintreten.“

Wann immer sie nach der Schule Zeit hatte, ging sie ins Kriminalgericht Moabit. Sie lernte einen Richter kennen, dann auch andere, die sie zu ihren Verhandlungen einluden und im Gerichtssaal alles anfassen ließen, die schweren Richterbänke, die dunklen Täfelungen an den Wänden. Ihr gefiel der Geruch nach Sandstein und Papier. Das blinde Mädchen, das immer eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock trug, erlebte den Kaufhauserpresser Dagobert, und als Egon Krenz der Prozess gemacht wurde, schüttelte der ihr auf dem Flur die Hand, weil er glaubte, sie gehöre zur Staatsanwaltschaft. Die Welt des Verbrechens und Strafens wurde für Pamela Pabst zur Parallelwelt, in die sie abtauchen konnte wie andere Jugendliche in Musik oder Computerspiele. Sie machte Hospitanzen und führte Schulklassen durchs Gebäude. „Das Gericht wurde mein zweites Zuhause“, sagt Pamela Pabst.

Nach dem Abitur schrieb sie sich für Jura ein. Sie beschäftigte einen Mitstudenten als Vorlesekraft, im Hörsaal tippte sie auf ihrem Computer mit. Zum Lernen hat sie sich die Bücher auf Kassette lesen lassen. Die Klausuren schrieb sie auf dem Computer. „Weil ich sehr fleißig bin, bin ich nie langsamer als die anderen gewesen“, sagt Pamela Pabst. Sie lernte verbissen. Zeit blieb ihr höchstens, um ein bisschen fernzusehen. Pamela Pabst sagt immer, sie „sehe“ fern oder „gucke“ sich etwas an. Es hört sich ganz normal an. Als habe sie eben ihre eigene Art zu sehen.

In fünf Semestern hatte sie alle Scheine beisammen, nach acht trat sie zum ersten Staatsexamen an. Dabei durfte sie schließlich, um nicht zu schummeln, keinen Jurastudenten als Vorlesekraft haben. Bis Pamela Pabst der Nichtjuristin an ihrer Seite erklärt hatte, wo sie was im Kommentar nachschauen soll, war wertvolle Zeit verstrichen. Sie schaffte trotzdem ein „vollbefriedigend“, eine der besten Noten in Jura.

Ihre Bücher und Aktenordner sind im Einfamilienhaus der Eltern fein säuberlich aufgereiht, Pamela Pabst wohnt zu Hause. In den Regalen liegen auch ein paar Barbiepuppen von früher. Sie tragen allesamt Roben.

Ihr Traum war es, Richterin zu werden, Urteile zu sprechen. Neben der Tür ihres Zimmers hat sie eine Figur von Justitia aufgestellt, der Göttin der Gerechtigkeit. Justitia ist blind, Strafrichter dürfen es nicht sein. Der Bundesgerichtshof hat 1987 festgelegt, dass ein Richter den Angeklagten und die anderen Prozessbeteiligten sehen muss, um sich einen Eindruck zu verschaffen. „Dabei kann ich als Blinde manches besser“, sagt Pamela Pabst. „Ich habe ein Gespür für Leute. Ob sie die Wahrheit sagen oder einem die Hucke voll lügen.“ Inzwischen dürfen Blinde immerhin Beisitzer in einer Strafkammer sein. Die wenigen blinden Richter, die es gibt, wurden allerdings zu Zivilgerichten versetzt oder mit organisatorischen Aufgaben betraut, wie es bei dem Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf heißt.

Also machte sich Pamela Pabst als Anwältin selbstständig. Von ihren Mandanten, sagt sie, habe sich bis jetzt noch keiner an ihrem Blindsein gestoßen, auch keiner der Richter, die sie als Pflichtverteidigerin vermitteln. Die Anwältin lässt an ihrem Selbstbewusstsein aber auch keinen Zweifel aufkommen. „Dass ich Strafrecht kann, da bin ich mir sicher“, sagt sie, der Zopf wippt hin und her.

Im Saal B 237 des Berliner Amtsgerichts tritt der Kaufhausdetektiv als Zeuge auf. Er ist ein kleiner Mann mit einem kräftigen Bierbauch. Er habe riesige Angst vor dem Jungen gehabt, gibt er zu Protokoll. So groß könne die Angst nicht gewesen sein, sagt Pamela Pabst in ihrem Plädoyer. Schließlich sei der Detektiv dem Jungen nachgerannt. „Obwohl er von seinem Auftreten kein Sportlertyp ist, so wie ihn mir meine Assistentin geschildert hat.“

Es läuft gut für die blinde Anwältin. Der Junge mit den gestohlenen Kosmetika sitzt nicht das erste Mal auf der Anklagebank, doch wenn er sich sechs Monate lang nichts zuschulden kommen lässt, zur Abendschule geht und in seiner Freizeit 150 Stunden arbeitet, wird die einjährige Jugendstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Pamela Pabst packt die Akten zusammen, zieht ihren Blindenstock hervor und geht zum Ausgang. Selbst als sie schon um die Ecke gebogen ist, hört man noch das energische Klackern des Stocks.

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