Zeitung Heute : Justizkrimi: Dreiundzwanzig Jahre Einsamkeit

Jörg von Uthmann

Die Wiederaufnahme eines rechtskräftig abgeschlossenen Verfahrens ist der weiße Elefant, die blaue Mauritius, die ganz große Ausnahme im Strafprozessrecht - in Frankreich nicht anders als in Deutschland. Im Falle des zu Unrecht verurteilten Hauptmanns Dreyfus mussten erst bürgerkriegsähnliche Zustände eintreten, bevor sich die Justiz dazu entschied, ihr auf gefälschte Urkunden und meineidige Zeugen gestütztes Fehlurteil zu revidieren. Die vier Jahre, die Dreyfus in der Verbannung auf der Teufelsinsel geschmachtet hatte, konnte die Aufhebung des Urteils nicht ungeschehen machen. Doch durfte Dreyfus noch weitere 30 Jahre, zum Major befördert und mit der Ehrenlegionärswürde ausgezeichnet, ein Leben in Freiheit führen.

Das wird Guillaume Seznec versagt bleiben: Er ist 1954 gestorben. Wegen eines Mordes, den er stets abgestritten hatte, war er 1924 zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt worden. 1947 wurde er wegen guter Führung begnadigt und kehrte aus der Strafkolonie nach Frankreich zurück. Seine Tochter und später sein Enkel ließen nichts unversucht, um ihn zu rehabilitieren. Doch die Justiz befürchtete, eine Revision des Verfahrens würde alte Wunden aufreißen und an ein Kapitel der französischen Polizeigeschichte erinnern, das man lieber vergessen wollte. Denn der Fall Seznec spielt auf zwei Bühnen - in der Normandie, wo der Mord angeblich geschah, und in Paris, wo der Mann, der Seznec zu Fall brachte, eine sehr sonderbare Karriere machte, bevor er selbst vor dem Erschießungspeloton endete.

Ein barocker Krimi

Die Details und Verästelungen der Affäre sind so barock, dass man sie in einem Krimi als Ausgeburten einer allzu ungezügelten Einbildungskraft tadeln würde. Vielleicht gerade deshalb hat sich die neue Justizministerin Marylise Lebranchu der Sache angenommen. In einem Gespräch mit dem bretonischen Fernsehsender TV Breizh sagte sie 77 Jahre nach dem Urteil: "Wir müssen diesen Prozess noch einmal führen, und zwar so, wie es sich gehört."

Guillaume Seznec war Eigentümer eines Sägewerks im bretonischen Morlaix. Nebenher betrieb er dunkle Geschäfte. Einer seiner Kompagnons war Pierre Quémeneur, ein Industrieller, der auch in der Politik des Départements Finistère eine Rolle spielte. Quémeneur benutzte Seznec als Strohmann für den Schwarzhandel mit Fahrzeugen, die die Amerikaner während des Ersten Weltkriegs in Frankreich zurückgelassen hatten. Am 23. Mai 1923 machen sich die beiden Männer in Seznecs Wagen auf den Weg nach Paris, um dort einen Händler namens Charlie zu treffen. Zwei Tage später kehrt Seznec allein zurück. Als sich Quémeneurs Schwester nach seinem Reisegefährten erkundigt, antwortet er, ihr Bruder habe, da der Cadillac immer wieder zusammengebrochen sei, in Houdan oder Dreux - genau könne er sich nicht erinnern - den Zug genommen. Danach habe er ihn nicht mehr gesehen.

Am 10. Juni wird der Verschwundene als vermisst gemeldet. Am 13. Juni erhält die Schwester ein Telegramm: "Bin in Le Havre. Alles in Ordnung. Quémeneur." Als die Polizei nachforscht, stellt sich die Unterschrift als gefälscht heraus. In einem Schließfach in Le Havre wird Quémeneurs Koffer gefunden. Darin ist auch ein Kaufvertrag, der Quémeneurs Haus mit Meerblick für einen lächerlichen Preis Seznec überlässt.

Seznec wird festgenommen und des Mordes beschuldigt. Die Untersuchungen liegen in der Hand eines jungen, ehrgeizigen Kommissars von der Sûreté, Pierry Bonny. Dreimal lässt er das Sägewerk und Seznecs Haus durchsuchen, um die Schreibmaschine zu finden, auf der der Kaufvertrag geschrieben wurde - dreimal vergeblich. Beim vierten Mal werden die Polizisten plötzlich fündig. Und sie stöbern einen Händler in Le Havre auf, der die Maschine an Seznec verkauft haben will. Die Presse fragt sich jedoch, ob der tüchtige Kommissar den echten Kaufvertrag nicht durch einen selbstgetippten ersetzt und dorthin geschmuggelt habe, wo er später gefunden wurde.

Vor dem Gericht in Quimper meldet sich ein Entlastungszeuge: Der Busfahrer François Le Herr behauptet, Quémeneur am 26. Mai, drei Tage nach seinem Verschwinden, in Paris getroffen zu haben. Der Staatsanwalt stellt ihn als unglaubwürdigen Spinner hin. Erst nach dem Prozess macht ein pensionierter Richter, der sich als Amateurdetektiv betätigt, fünf Seeleute ausfindig, deren Boot in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai vor Quémeneurs Anwesen ankerte. Sie sagen aus, gegen Mitternacht zwei Schüsse gehört zu haben. Die Aussage geht in den Polizeiakten verloren. Am 3. November 1924 wird Seznec zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Bis zum Schluss leugnet er seine Schuld. Quémeneurs Leiche wurde nie gefunden. Zwei Jahre lang wartete die Justiz mit dem Abtransport des Verurteilten nach Cayenne - ein Zeichen dafür, dass sie selbst ihres Urteils nicht sicher war.

Als Seznec nach seiner Begnadigung in seine Heimat zurückkehrte, begrüßte ihn dort sein Entlastungszeuge. Le Herr hatte inzwischen Seznecs Tochter Jeanne geheiratet. Die Ehe ging nicht gut. Jeanne wurde oft verprügelt. Am 3. Oktober 1948, während einer besonders heftigen Auseinandersetzung, erschoss sie ihren Mann. Zum zweiten Mal wohnte Seznec im Justizpalast von Quimper einem Mordprozess bei, diesmal als Vater der Angeklagten. Doch dieses Verfahren endete mit einem Freispruch, der vom Publikum stürmisch bejubelt wurde.

Noch dramatischer war das Schicksal des Kriminalkommissars Bonny. Die Ermittlungen gegen Seznec hatten ihn bekannt gemacht, durch die Ermittlungen gegen den Finanzschwindler Alexandre Stavisky wurde er zur nationalen Berühmtheit. Nach dem mysteriösen Tod des Staatsanwalts Albert Prince, der Tumulte im Parlament und blutige Straßenkämpfe nach sich zog, wurde Bonny jedoch aus seinem Amt entfernt. Mehr schlecht als recht schlug er sich als Privatdetektiv durch. Unter den deutschen Besatzern begann der düsterste Abschnitt seiner Karriere: Er wurde stellvertretender Chef der "Carlingue", einer Einheit von Berufsverbrechern und geschassten Polizisten, die der Gestapo die schmutzigsten Arbeiten abnahm. Bevor er Ende Dezember 1944 im Fort Montrouge füsiliert wurde, soll er angeblich gestanden haben, im Falle Seznec sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Die Wiederaufnahme des Verfahrens wird erweisen, ob er damals die Wahrheit sagte.

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