Zeitung Heute : k.o. nach Börsenschluss

Seit einer Woche herrscht Panik bei den Aktienhändlern. Wie halten New Yorks Broker den Stress auf dem härtesten Parkett der Welt bloß aus? Sie kämpfen weiter – im Ring.

Der Mann, dem Basketball und Jogging nichts geben konnten, wippt nervös auf seinem Stuhl, seine Augen bewegen sich unruhig, registrieren, wie sich die Halle füllt. Der Mann heißt Kevin Poirier. Er wird in einer halben Stunde in den Ring steigen.

Registrieren, beobachten, bei günstigen Gelegenheiten zuschlagen, im richtigen Moment zurückziehen, das gehört zum Job vom Kevin Poirier, 30 Jahre alt, klein, sehnig, kantig. Er ist Trader, Händler, an der New Yorker Börse, der größten Börse der Welt – und seit einer Woche, seit der Crash losging, sieht er Tag für Tag, wie sich Milliardenbeträge in Luft auflösen. Es ist wie ein Krieg, jeder rettet nur noch sich selbst, die Anspannung ist kaum zu ertragen. Und deshalb kommt er zu Abenden wie diesen.

Es ist wieder ein Kampf, aber dieser, der losgeht, wenn die Halle voll ist, ist Freizeit, Entspannung. Allmählich wird es laut im Keller der St. Paul’s Church auf der Upper West Side von Manhattan, den ein geschäftstüchtiger Pfarrer vermietet. Kevin wartet auf den Gong.

Er ist in South Boston aufgewachsen – dem irischen Proletenviertel der Hauptstadt von Massachusetts, wo junge Männer kriminell werden oder Polizist. Er hat sich dort herausgekämpft. Aber das Ghetto im Kopf wurde er nie ganz los. „Ich muss mich messen“, sagt er, „wissen, wer besser ist.“ Das ist sein Antrieb. Das ist auch seine Selbstvergewisserung.

Das Publikum, das um den Ring sitzt, ist eine bunte Mischung aus Arbeitermilieu-Gestalten, Angestellten in Anzügen und jungen Szenetypen. In einer halben Stunde füllt sich die fußballfeldgroße Halle bis in die letzte Ecke. Kevin Poiriers Gegner ist ein flinker Latino aus New Jersey. Es ist Freitagabend, die meisten Zuschauer werden nach dem Kampf ausgehen. Kevin Poirier wird sich erholen müssen. Dies ist sein erster offizieller Kampf bei den „Friday Night Fights“, einer wilden New Yorker Untergrund-Box-Serie, die in den vergangenen Jahren Kult geworden ist.

Kevin Poirier boxt seit einem Jahr. Er sagt: Wenn ich gut genug wäre, würde ich lieber heute als morgen Profi werden. Er hat den Sport ausprobiert, weil es einen regelrechten Box-Boom gab unter New Yorker Financiers, und er stellte fest, dass – anders als viele andere Sportarten – Boxen zu ihm passt. Seitdem trainiert er jeden Tag anderthalb Stunden, bevor er zur Arbeit geht. Und je größer der Druck an der Börse ist, desto wichtiger wird für ihn das Training, weil es ihn zusammenhält.

Das Church Street Gym Studio ist nur vier Straßen von der Wall Street entfernt. Es ist eines von zwei Boxstudios im New Yorker Finanzdistrikt – und beide können sich vor Kunden kaum retten. Schon morgens um sieben Uhr ist in dem großen neonbeleuchteten Kellerraum mit den weißgetünchten Backsteinwänden und freiliegenden Rohrleitungen Betrieb. Drei Trainer stehen am Ring und kommentieren brüllend die Sparring-Sessions. Dutzende kleiner und großer Sandsäcke werden bearbeitet und vor Wandspiegeln verfeinern Boxer Schulter an Schulter ihre Schlagtechnik.

Gym-Inhaber Justin Blair, bullig, glatzköpfig, ein ehemaliger Boxer, kommt kurz vor acht leicht verquollen und mit einem großen Becher Kaffee die Stahltreppe zum Trainingsraum herunter. „Ich kann den Boom auch nicht begründen“, sagt er. Boxen sei ein perfektes Fitnesstraining, es spreche Muskulatur, Ausdauer, Konzentration und Koordination an. Es sei eine hervorragende Art, Aggression und überschüssige Energie abzubauen. Das sei aber schon immer so gewesen und könne kaum erklären, warum es ausgerechnet in den vergangenen fünf, sechs Jahren so beliebt geworden ist. „Es ist wohl einer dieser Trends, von denen man nie so genau sagen kann, wie sie zustande kommen“, sagt er, und damit ist es ihm egal.

Fest steht, dass Blair den Trend zur rechten Zeit ahnte. Der gebürtige New Yorker, der eine Weile als Fischer in Alaska gelebt hatte, mietete kurz nach dem 11. September 2001 nur wenige hundert Meter vom Ground Zero entfernt für eine spottbillige Miete den Raum und bot Boxtraining für Amateure an. Er merkte schnell, dass er auf eine Goldader gestoßen war. Es dauerte nur ein paar Wochen, da war die Halle voll. Und die Trader wollten nicht nur fit werden, sondern auch kämpfen. Also organisierte Blair in seinem Boxkeller inoffizielle Fights. Er lud Amateurboxer aus Brooklyn oder der Bronx ein, gegen die seine Banker antreten mussten. „Ein riesiger Erfolg“, sagt Blair. „Da haben sich 300 bis 400 Leute an den Ring gedrängelt, haben mit den Fäusten getrommelt und gejohlt.“ Es war ein bisschen Fight Club und ein bisschen Circus Maximus, und ein bisschen Flirt des Establishments mit der Gosse. Und umgekehrt. Bald platzten die Kampfabende aus allen Nähten.

Die Boxkommission zwang Blair, ein offizieller Boxveranstalter zu werden. Er fand die St. Paul’s Church und inzwischen machen die monatlichen „Friday Night Fights“ die Hälfte seines Geschäfts aus. Bis zu 4000 Zuschauer passen in den Raum, die Kämpfer müssen eine ordentliche Lizenz erwerben, und eine Brauerei und ein Spielcasino sponsern das Ganze.

Blair legt Wert darauf, seine boxenden Banker so gut vorzubereiten, dass sie gegen die Amateure aus Brooklyn oder der Bronx wenigstens bestehen können. „Um bei den ,Friday Night Fights‘ zu bestehen, muss man jeden Tag trainieren“, sagt Blair. „Es wird zu einem Lebensstil, man wird mit Haut und Haaren Boxer.“ Etwa die Hälfte seiner „White Collar Boxers“ – seiner Büroangestellten im Ring –, sagt Blair, gingen diesen Weg.

Ed Iksander hat sich vor zwei Jahren für das Boxen entschieden. Wie Poirier tritt der asiatischstämmige Fliegengewichtler an diesem Abend in St. Paul’s an. Er hat ein halbes Dutzend Kämpfe hinter sich und ist nicht nervös. „Ich bekomme erst das Zittern, wenn ich durch die Menge von der Kabine zum Ring laufe“, sagt er. „Wenn ich dann im Ring stehe, bin ich wieder völlig ruhig.“

Ed Iksander sagt, er sei durch das Boxen ein besserer Mensch geworden, und das nicht nur, weil er im Ring Druck abbaue. Anfangs habe er, wie viele andere, einfach nur Aggressionen loswerden wollen. Doch er habe bald gelernt, dass man so nicht einmal in dieser Sportart weiter kommt: „Wenn man einfach nur drauflos prügelt, hat man keine Chance. Außerdem kann man sich sehr weh tun.“ Die Kunst sei, im Ring unter Druck einen kühlen Kopf zu bewahren, sich an seine Taktik zu halten und an das zu denken, was man im Training gelernt hat. Das sei für ihn eine Lehre fürs Leben gewesen. Das helfe ihm auch in Krisensituationen wie jetzt, wenn an der Börse Panik herrscht.

Kevin Poirier dagegen kann sich nicht zurückhalten und verliert, kaum, dass er zu dröhnendem Hip Hop als vierter Kämpfer das Abends vor der bierseligen Menge in den Ring gestiegen ist, den Kopf. Wie als Kind auf den Straßen von South Boston attackiert er sofort und läuft dem geschickteren Gegner direkt in die Faust. Der landet in der ersten Minute zwei Treffen, Poirier ist angeschlagen und ratlos, noch bevor der Gong das Ende der ersten Runde markiert. In der Mitte der zweiten Runde wirft sein Trainer das Handtuch. Kevin Poirier hat einen Schnitt über dem Auge und eine blutende Lippe. „Ich habe vom ersten Moment an alles vergessen, was ich gelernt habe“, sagt er frustriert. Iksander gewinnt später überlegen seinen Kampf.

Manchmal treffen Ed Iksander und Kevin Poirier beim Training in der Church Street beim Sparring aufeinander. Dann tänzeln sie konzentriert umeinander herum, suchen nach einer Lücke in der Deckung des anderen, und Schweiß tropft von der Stirn der beiden Geschäftsmänner. Es kann vorkommen, dass Poirier nach einer Dreiviertelstunde kurz die Boxhandschuhe auszieht und mit seinem Blackberry in einem Hinterzimmer verschwindet, um ein Geschäft zu erledigen.

Auf seinem Trainingssweatshirt steht „Fighting solves Everything“ – Kämpfen löst alles.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar