Zeitung Heute : Käufer seiner selbst

Rembrandt sammelte genauso manisch wie er malte. Vor dem Bankrott hat ihn das nicht bewahrt

Michael Zajonz

Auch als Kunstsammler sprengt Rembrandt das zeittypische Maß. Bemerkenswert ist nicht nur, was er gesammelt hat, sondern wie und wozu. Natürlich kursieren auch über den Sammler Rembrandt Anekdoten. Auf einer Auktion in Amsterdam soll er einen Abzug seiner eigenen Radierung „Christus heilt die Kranken“ zu einem extrem hohen Preis ersteigert haben. Kaum zu glauben, schließlich dürfte Rembrandt die Druckplatte der schon zu seinen Lebzeiten als Hundertguldenblatt verehrten Meistergrafik noch besessen haben. Er hätte sich leicht einen Abzug herstellen können.

Unabhängig davon, ob diese durch den französischen Kunstsammler Mariette überlieferte Episode wahr ist oder nur gut erfunden: Sie wirft ein Schlaglicht auf Rembrandts Sammelleidenschaft. Offenbar ging es ihm nie allein um den Besitz, sondern auch um das Prestige der Kunst, das sich im merkantilen Holland zunehmend über den Marktpreis definierte. In dieser genuin kapitalistischen Logik mussten vor allem eigene Werke Spitzenpreise erzielen.

Kunstsammeln war während des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden zu einer Art Volkssport geworden. Die einheimischen Maler waren so produktiv, dass einfache Gemälde auf Jahrmärkten schon für zehn Gulden zu haben waren – ein Betrag, von dem man etwa eine Woche sparsam leben konnte. Solche Gemälde schmückten, was ausländische Besucher immer wieder verwunderte, selbst bessere Bauernhäuser.

Erstmals direkt mit dem Kunsthandel in Berührung kam Rembrandt im Amsterdamer Haushalt von Hendrick Uylenburgh, dessen Nichte Saskia er 1634 heiratete. Uylenburgh führte neben seinem Maleratelier eine Kunsthandlung, wo er die Arbeiten anderer Künstler vertrieb, restaurierte oder als Druckgrafiken reproduzieren ließ. Rembrandt arbeitete ab 1631 nicht nur als Werkstattleiter, sondern hat auch 1000 Gulden in Uylenburghs Geschäft investiert.

Seit Mitte der 1630er Jahre besuchte Rembrandt regelmäßig Auktionen und begann, eine Sammlung von druckgrafischen Reproduktionen älterer Kunstwerke aufzubauen. Ihr Studium bestärkte Rembrandt darin, so überliefert es sein früher Förderer Constantijn Huygens, die Kunst Italiens anhand der Drucke zu studieren und auf eine Italienreise zu verzichten. Aus der RembrandtWerkstatt allerdings sind so gut wie keine Schüler-Zeichnungen nach Reproduktionen älterer Meister bekannt. Lediglich die Harnische, Helme und kostbaren Stoffe, die Rembrandt sammelte, tauchen als Requisiten auch auf den Gemälden seiner Schüler wieder auf.

Der Sammeltrieb scheint zutiefst Rembrandts Naturell entsprochen zu haben. So konnte es schon einmal vorkommen, dass er acht Exemplare von Dürers „Marienleben“ gleichzeitig ersteigerte. Für den „Eulenspiegel“, eine Radierung von Lucas van Leyden, zahlte er den Rekordpreis von 179 Gulden. Seine Leidenschaft für den Kunstmarkt machte, jenseits eigener Erwerbungen, auch vor Auktionsergebnissen nicht Halt: Auf einer Zeichnung, die er 1639 während der Versteigerung von Raffaels „Bildnis des Baldassare Castiglione“ angefertigt hat, notierte er in die rechte obere Ecke: „verkauft für 3500 Gulden“.

Rembrandts Schätze gelangten als Folge seiner offiziellen Bankrotterklärung ab 1652 zur Versteigerung: Dazu gehörten über 70 Gemälde anderer Künstler, 90 Mappen voller Zeichnungen und Drucke, Skulpturen, Rüstungen, Waffen, sogar eine Muschelkollektion. Die Forderungen seiner Gläubiger ließen sich damit nicht befriedigen. Rembrandts Sammeleifer überdauerte seinen finanziellen Ruin: Noch dem alten Mann gelang es, ein Bild seines zeitlebens verehrten Lehrers Pieter Lastman zu erwerben.

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