Zeitung Heute : Kafka ermittelt

JULIAN HANICH

Düster dräut der Himmel.Es stürmt.Und bald bricht Regen aus.Die Bilder sind kalt von Anfang an, fast ohne Farben.Masaki Shibata (Shinichi Tsutsumi) hat eine schwangere Frau und ihren Mann blutrünstig erstochen.Was war der Grund? Vor Gericht wird ein psychiatrisches Gutachten gefordert.Ein Professor sagt aus, daß der Angeklagte eine multiple Persönlichkeit sei - ein wenig Hamlet, Dr.Jekyll und Mr.Hyde.Doch ist das wahr? Die Assistentin Kafka (!) Ogawa (Kyoka Suzuki) traut dem Spiel nicht und beginnt eine neue Untersuchung.Der Paragraph 39 verhindert in Japan Urteile gegen psychisch Kranke - andererseits: Masaki ist Schauspieler, vielleicht spielt er nur.Vielleicht lügen die Bilder auf der Leinwand auch uns, das Publikum, an.Oder gibt es doch etwas in seiner Vergangenheit? Eine Mißhandlung des Vaters, einen bestialischer Mord an der kleinen Schwester? Traumatische Gründe für die psychischen Störungen? Ein Verwirrspiel, das.

"Keiho" ist ein eigenartiger Film.Er hat Einstellungen von außergewöhnlicher Klarheit und beeindruckender Sparsamkeit.Die Räume sind grau und dumpf, ihr Inventar spärlich.Doch im nächsten Moment wackelt die Kamera wild in der japanischen Landschaft umher.Es gibt faszinierende Metaphorik und eine bisweilen plumpe Dramaturgie.Der Regisseur Yoshimitsu Morita geht spannende Themen an - etwa wahre Gerechtigkeit, Selbstjustiz und Identitätstausch - und nützt dafür die Genres des Kriminalfilms und des Gerichtsdramas.Doch zu fesseln vermag einen das kaum.Immer wieder schieben sich Mauern ins Bild, fahren Züge vorbei.Vielleicht liegt es an Anspielungen, die wir nicht kennen; an ausgelegten Interpretationsspuren, die wir nicht verstehen.Eine universelle Sprache spricht "Keiho" jedenfalls nicht.Wie ein Türsteher baut sich der Film vor einem auf und verwehrt einem den Zugang.Ein klobiger Klotz von zweieinviertel Stunden.Abwanderungsrate: hoch.

Heute 9.30 Uhr (Royal-Palast), 20 Uhr (International) und 23.30 Uhr (Urania)

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