Zeitung Heute : Kafka im Kiefer-Wald

STEFANIE DÖRRE

Schauplatz Museum: "Josefine, die Sängerin" im Hamburger BahnhofSTEFANIE DÖRREEin wunderbarer Einfall, Franz Kafkas letzte, im März 1924 entstandene Erzählung "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" musikalisch gerahmt zu Gehör zu bringen.Vom Pfeifen als Sprache und Gesang ist bei Kafka die Rede, von Josefines mäßigem Können und der dennoch ungeheuren Wirkung ihres Vortrags, vom gesellschaftlichen Stellenwert der Kunst.Eine schwere Deutungsaufgabe, die Elisabeth Trissenaar sowie das Duo Thilo Krigar (Violoncello) und Dimitri Tombassov (Violine) beeindruckend meisterten.Doch die interpretatorische Abstimmung zwischen Lesung und Musik fehlte, so daß sich die hoch gespannten Erwartungen nur teilweise erfüllten. Zumal die dritte Partei, der erstmals vom "Schauplatz Museum" angesteuerte Hamburger Bahnhof, zum Programm nur den vagen Epochentitel "Moderne" beitrug.Hinter dem Publikum befand sich Anselm Kiefers bleierne Bibliothek, links sein Flugzeug, vorne das Bild "Lilith am roten Meer".Der Bezug zu Kafka wollte weder spontan noch durch Denkarbeit gelingen. Ein schöner Beginn des Abends: Bela Bartoks "Ungarische Volksmelodien" leiten zu Josefines, vom Pfeifen ihres Volkes nicht unterscheidbaren Sangeskunst hin.Mokante Phrasierung des "Allegro ironico", sakral-schmerzlich der "Choral", ihre Interpretation ist durch sachlichste Präzision kontrolliert.Das trifft Kafkas Sprache, die äußerste Genauigkeit und gebannte Expressivität verbindet.Dagegen bringt Elisabeth Trissenaar die schlängelnde, sich von einem Gedanken zum nächsten tastende Bewegung der Parabel zum Vorschein.Zärtlich und nachsichtig liest Trissenaar, und dann wieder scharf und empört.Höhnisch zischt die Luft durchs "f" des "Pfeifens".Und nach der Lesung der entzückendste Part der Aufführung, eine Komposition Krigars.Über dem Cello erscheinen Hand und Bogen.Fingertheater, die Saiten lachen, tanzen, und dann ertönt sie, die schwache, aber zauberhafte Stimme Josefinens.

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