Zeitung Heute : Kalifornische Firma verschenkt Internet-PCs

SANDRA PRÜFER

Free-PC.com, eine kalifornische Internet-Startup, hat vergangene Woche verkündet, über 10 000 Compaq-PCs mit kostenlosem Internetzugang verschenken zu wollen.Einen Computer im Wert von über 1000 DM als Werbegeschenk? Die Sache hat natürlich einen kleinen Haken.Im Gegenzug müssen sich die als "qualifiziert" befundenen Beschenkten als gläsernde Online-Konsumenten zur Verfügung stellen.Die Preisgabe persönlicher Daten, wie Wohnort, Haushaltseinkommen, Alter, Surfgewohnheiten und sonstige Interessen, scheint jedoch vielen US-Bürgern ein angemessener Preis.Laut Firmenangaben haben innerhalb von zwei Tagen eine halbe Millionen Bewerber den Fragebogen auf dem Free-PC-Website ausgefüllt."Es war einfach überwältigend", sagt Free-PC-Sprecher Steve Chadima.Aufgrund der Nachfrage überlege die Firma sogar, das kostenlose, rein werbefinanzierte Angebot auf eine größere Stückzahl auszuweiten.Jupiter Communications prognostiziert, daß 1999 drei Millarden US-Dollar in die Online-Werbung fließen werden.



"Die Werbetreibenden bezahlen dafür, den Kunden zu erreichen, so daß sie die Kosten für den PC indirekt finanzieren", sagt Free-PC-Gründer Bill Gross.Bereits vor der Versendung an die glücklich Auserwählten werden die Computer mit zielgruppen-spezifischer Werbung programmiert.Mit diesen Anzeigen werden die Free-PC-Nutzer in einem kleinen Kasten auf der rechten Bildschirmhälfte bombadiert, selbst wenn sie nicht online sind.Eine spezielle Monitorsoftware zeichnet zudem ihr Nutzen- und Surfverhalten auf.Die Daten der Free-PC-Nutzer würden nicht an Dritte weitergereicht werden, erklärt die Firma.



"Free-PC ist das erste Produkt und der Durchbruch für einen unaufhaltsam neuen Trend", behauptet Bill Gross.Auch beim Mobilfunk seien die Telefone praktisch umsonst und nur die Servicegebühren zu entrichten.In der High-Tech-Industrie werden die Computer angesichts der fallenden Preise zunehmend als bloße Endgeräte und Transportmittel für Dienstleistungen betrachtet.In seinem Konsortium Idealab hat Internet-Mogul Gross neben seinem neuesten Baby Free-PC mehr als 20 Unternehmen gebündelt.Dazu gehört auch NetZero , ein kostenloser, US-weiter Internet Service Provider.Seit dem Start im Oktober hat NetZero mehr als 300 000 dauerwerbe-berieselte Neukunden gewonnen.Laut NetZero-Geschäftsführer Ronald Burr beruht die Geschäftsidee auf dem Prinzip von kommerziellen Rundfunkveranstaltern."Die Bürger wollen freien Internetzugang; dafür akzeptieren sie die Werbefinanzierung genauso wie bei den TV-Networks." Seinen Anzeigen-Kunden bietet NetZero dafür eine zielgruppenexakte Werbeschaltung im 15-bis-30-Sekunden-Takt.Den gleichen Ansatz verfolgt in Großbritannien der Internet Service Provider "Freeserve", der binnen vier Monate über eine Millionen Abonnenten gefunden hat.



"Dieses Marketing-Konzept ist alles andere als neu", kommentiert Internet-Analyst Vernon Keenan von Keenan Vision in San Francisco."Seit Hundert Jahren verschenken Rasierklingenhersteller schon ihre Rasierer." Um für die werbetreibende Industrie attraktiv zu sein, müßten seiner Meinung nach mindestens eine Millionen US-Haushalte gewonnen werden, was knapp zwei Prozent des US-Online-Marktes ausmacht."Das Modell läßt Fragen des Verbraucherschutzes offen," bemängelt Keenan Vernoon.Er bezweifelt, daß sich Internetnutzer bei persönlichen Online-Transaktionen wie Tele-Banking über die Schulter schauen lassen wollen.

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