Zeitung Heute : Kalligraph in der Wüste

NICOLA KUHN

IM GESPRÄCH: Andreas Schmid, Stipendiat von Schloß WiepersdorfNICOLA KUHN Einen Moment lang wirkte er überwältigt von der Überzahl an Atelierbesuchern.Und fast schien es, als wolle er alle wieder hinausschicken.Doch dann drehte Andreas Schmid den Spieß um und erklärte seinen Gästen freundlich, aber bestimmt, daß sie alle noch einmal wiederkommen müßten, möglichst einzeln, um die Kunst zu sehen.Denn jetzt stünden sie mitten im Kunstwerk und würden kaum etwas erkennen können.Füßescharren, irritiertes um sich Schauen und ungläubiges Nachfragen, ob denn dieser Strich auf dem Boden auch schon Kunst sei. Inzwischen kann der Berliner Künstler daüber lachen.Die Besuchermassen des Sommerfestes auf Schloß Wiepersdorf sind davongezogen, und das Atelier gehört ihm wieder so gut wie allein.Ein letztes Mal wird er es dem Publikum freigeben, wenn er zum Abschluß seines Stipendiums seine Arbeiten präsentiert. Dann geht für den umtriebigen Künstler eine viermonatige Phase des Innehaltens zuende, und er kehrt zurück nach Berlin, wo schon nächste Aufgaben warten: zum Beispiel die Eröffnung der Ausstellung chinesischer Fotografie im Neuen Berliner Kunstverein (ab 26.September).Schmid wurde um Mitarbeit bei der Auswahl von 16 Fotografen gebeten, denn seit seinem dreijährigen Aufenthalt in China gilt Schmid als Kenner der dortigen Kunstszene. So tritt der gebürtige Stuttgarter (Jahrgang 1955) nicht nur mit eigener Kunst an die Öffentlichkeit, sondern auch als Kurator - zuletzt 1993 bei der großen China-Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt.Die Orientierung zum Fernen Osten findet durchaus ihren Widerhall in den eigenen Arbeiten.Denn während seines China-Aufenthalts absolvierte Schmid nicht nur ein einjähriges Sprachstudium in Peking, sondern er hängte noch zwei Jahre in Hangzhou in Kalligraphie an.Auch in Schmids Zeichnungen findet sich eine Konzentration auf die Linie im Wechselspiel mit der sie umgebenden weißen Fläche.Inzwischen hat sich diese Linie verselbständigt; sie ist in die dritte Dimension vorgestoßen und benutzt den Raum selbst als konstituierendes Moment.Mit Hilfe gefärbter Seile verspannt Schmid ganze Räume und gibt ihnen damit eine völlig neue, energetische Aufladung. Eine der wohl poetischsten Arbeiten entstand vor einem Jahr in Wiepersdorf selbst unter dem Titel "Im Wald des einzigen Bildes".Fünfzig Meter lange, gelb gefärbte Taue stellten eine diagonale Verbindung zwischen den hochaufragenden Tannen des Wiepersdorfer Forstes und der Horizontale eines angrenzenden Ackers her.Geblieben sind von dieser Aktion nur die Fotografien.Doch die Vergänglichkeit ist Teil des Konzepts; nur für eine Zeit des Übergangs wird ein Terrain markiert, künstlerisch aufgeladen.Ebenso verhielt es sich bei der Aktion "Wüste fegen" vor zwei Jahren im Prenzlauer Berg.Über Tage hinweg kehrte Schmid die 2100 Quadratmeter große Sandfläche eines Baugrundstücks glatt, um sie anschließend wie ein Kalligraph zu gestalten: statt mit Tusche mit ausgehobenen Gräben und Seilen. Zu den schönsten Wiepersdorfer Zufällen gehörte da das Wiedersehen mit dem chinesischen Dichter Yang Lian, ebenfalls mehrmonatiger Gast.Vor zwölf Jahren hatten sich die beiden in Peking kennengelernt, als Schmid die große Romantiker-Ausstellung der Neuen Nationalgalerie mitbetreute.Die Begegnung mit Künstlern anderer Sparten, das interdisziplinäre Gespräch, gehöre überhaupt zum Wichtigsten auf Schloß Wiepersdorf, resümiert Schmid.Ihn zog es vor allem zu den Musikern, dem polnischen Komponisten Maciej Zoltowski und der Engländerin Carolyn Wilkins: "Man besucht sich im Atelier, bespricht Arbeiten, manchmal entsteht etwas Gemeinsames." Ihn zieht es nicht nur in den Raum, sondern auch zur Musik "Da berühren sich Sprachen, bei zeitgenössischen Komponisten finden ähnliche Prozesse statt", erklärt er.Wer weiß? Er hat Ideen und Projekte mitgebracht.Nach dem Innehalten in der Abgeschiedenheit geht es nun an die Umsetzung. Ausstellungseröffnung Sonnabend, 13.September, 15 Uhr.Geöffnet bis 5.Oktober.

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