Zeitung Heute : Kamele auf den Champs-Elysées

MARTIN HÄGELE

PARIS .Der letzte Angriff erfolgte ohne Mikrofon, und er kam vom Kleinsten aus dem Pulk der arabischen Reporter."Hey, Parreira", schrie der, "wir haben keine Taktik gesehen.Wo ist deine Taktik geblieben?" Carlos Alberto Parreira hat nur gelächelt und seinen Grundsatz wiederholt.Im Fußball sei es noch ein langer Weg von Asien nach Europa, so Parreira, "wir sollten uns deshalb freuen, daß wir überhaupt bei einer Weltmeisterschaft dabei sind und nicht glauben, hier viel gewinnen zu können".Denn was nützt jede Taktik gegen ein Team wie Frankreich, das fast jede Position mit einem Weltklassespieler besetzt hat.

Der Kleine hat darauf geflucht, er bete zu Gott, daß dieser Hundesohn nun endlich fortgejagt werde.Seine Kollegen haben genickt zu den wüsten Wünschen, die sich nach der für die Saudis bedeutungslos gewordenen Partie gegen Südafrika wohl erfüllen werden.Womöglich fliegt der weltberühmte Fußball-Lehrer gar nicht mehr mit zum letzten Gruppenspiel nach Bordeaux, sondern verläßt Paris gleich direkt Richtung Rio de Janeiro.Carlos Alberto Parreira hat schon lange gewußt, daß sein Platz in der königlichen Maschine freibleiben würde auf dem Rückflug nach Riad.

Es war von Beginn an ein Himmelfahrtskommando gewesen.Allerdings das höchstdotierte, das es in dieser Branche jemals gegeben hat.Eine Million Mark netto hat Parreira pro Monat kassiert, ein halbes Jahr lang.In Europa oder Südamerika hat der Ruf Parreiras nicht gelitten.Der gute Mann hat nur das gemacht, was alle internationalen Experten tun, Mediziner genauso wie Monteure, die mit den Saudis im Geschäft sind.Er hat seine Arbeitskraft zum Höchstpreis und mit allen möglichen Zulagen verkauft.Denn freiwillig ist noch kein Trainer in dieses Land gegangen.

Sie sind gekommen, weil Fußball auf einmal das Lieblingsspielzeug der Herrscherfamilie und vieler Scheichs wurde.Außer den heiligen Städten des Propheten und besonders den Ölfeldern, die den unvorstellbaren Reichtum der Araber vor zwei Generationen begründeten, hat das Wüstenland nicht viel vorzuzeigen.Mit der Aufzucht von Jagdfalken oder dem phantastischen Kitzel eines Kamelrennens läßt sich in der internationalen Sportfamilie nur wenig Aufsehen und schon gar kein Einfluß gewinnen.

Daß ihr Trainingslager ein Fünf-Sterne-Hotel ist, ein spezieller Pedikeur die kostbaren Füße pflegt, obwohl die in Fußballstiefeln verpackt nur ganz selten ein Tor treffen, das war ebenso bekannt wie Parreiras Trainingsmethoden."Wir sind höchstens Halbprofis und vom Kopf her Amateure", so hat Parreira ausländischen Journalisten gegenüber kurz vor der WM gesagt.Weil es saudischen Kickern verboten ist, im Ausland ihr Geld zu verdienen, hat sich niemals die richtige Profi-Mentalität entwickeln können.Auch durch Stars aus dem Ausland ist die saudische Liga nie beeinflußt worden.

Es ist anzunehmen, daß der Weltmeister-Trainer, wenn er beim täglichen Telefon-Rapport über die Verfassung jedes einzelnen Spielers Bericht erstatten mußte, nicht ganz so direkt geredet hat zu seinen Chefs Prinz Feisal Bin Fahad oder Sultan Bin Fahad.Und daß die in der Tat geglaubt haben, mit ihren Petro-Dollars ließe sich nicht nur die Erfahrung des Star-Coaches, sondern auch der Erfolg kaufen.

Wenigstens wissen die Scheichs und Emirs nun, daß ihr Geld nur im Rahmenprogramm eines WM-Turniers etwas bezwecken kann - nicht auf dem Rasen.Sie waren mit ihren Learjets und Millionen die wichtigsten Wahlhelfer des neuen FIFA-Präsidenten Joseph Blatter.Und auch am 9.Juli wird Paris noch einmal ganz kurz von ihnen reden.An diesem Tag haben sie für eine Stunde und für einen phantastischen Preis die Champs-Elysées gemietet.Für eine Kamel-Parade.In dieser Sportart kann man mit dem meisten Geld garantiert Weltmeister werden.

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