Zeitung Heute : Kampf der Idee

Die Strukturen im internationalen Terrorismus werden wieder fester – das zeigen die Anschlagspläne von London

Fabian Leber,Karin Wollschläger

Eine Spur im Zusammenhang mit den Anschlagsversuchen von London führt nach Pakistan. Inwieweit könnte die Planungen mit einem weltweiten Terrornetzwerk zusammenhängen?


Langsam wird klarer, wer an der Planung der Anschlagsversuche von London beteiligt war. Wie britische Medien berichten, handelt es sich bei den 24 Verhafteten um muslimische Männer im Alter zwischen 17 und 35 Jahren. Die pakistanische Polizei nahm ihrerseits bereits in der vergangenen Woche zwei Männer fest, die britische Staatsbürger sind und als Schlüsselfiguren der Verschwörung gelten.

Der Direktor des Zentrums für Verteidigungsstudien am King’s College in London, Peter Neumann, sieht durch die jüngsten Ereignisse seine Theorie bestätigt, nach der sich von West-Pakistan ausgehend eine neue Al-Qaida-Gruppe entwickelt, die wieder festere Strukturen hat. „Solch komplexe Anschläge wie jetzt in London können nicht von einer kleinen, isolierten Gruppe geplant und ausgeführt werden“, sagte er dem Tagesspiegel.

Bisher gehen viele Terrorexperten davon aus, dass nach der Zerschlagung der Al-Qaida-Basen in Afghanistan durch die US-Militäroperation „Enduring Freedom“ nur noch ein loses Netzwerk islamistischer Gruppen existiert. Rolf Tophoven, Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen, sagt zum Beispiel: „Al Qaida muss neu definiert werden – es ist keine hierarchische Organisation mehr, sondern vielmehr eine Idee, hinter der sich verschiedenste Gruppen formieren.“ Osama bin Landen stelle dabei einen „Oberguru“ dar, einen Impulsgeber und Motivator, der per Videobotschaften und Internet zur Fortführung des „heiligen Kriegs“ gegen die Ungläubigen aufrufe. „Aber er gibt keine zentralen Befehle mehr zu Anschlägen.“

In den vergangenen ein bis zwei Jahren führten die Spuren der Drahtzieher islamistischer Attentate immer wieder nach Pakistan, wie bei den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005. Den Terrorismusforscher Kai Hirschmann erstaunt das nicht. Teile Pakistans sind seiner Ansicht nach fest in der Hand von Gefolgsleuten Osama bin Ladens. Er hält es für möglich, dass die Verdächtigten enge Kontakte nach Pakistan unterhielten, auch wenn sie in Großbritannien aufwuchsen und offenbar die dortige Staatsbürgerschaft besitzen. „Es gibt viele islamistische Prediger, die in Pakistan ausgebildet werden und dann in Städte wie London geschickt werden.“ Dort träfen sie auf eine Schicht junger Muslime, die sich häufig ausgegrenzt fühle. „Die Prediger bieten ihnen einen alternativen Lebensentwurf an“. Das sei vergleichbar mit den Mechanismen einer Sekte.

Die Attentäter islamistischer Anschläge nach dem 11. September 2001 setzen sich überwiegend aus drei Gruppen zusammen: Einwandererkinder der zweiten oder dritten Generation, zum Islam konvertierte Westeuropäer und neue Immigranten. Ein gemeinsames sozio-ökonomisches Profil verbindet sie nicht. Sie stammen aus armen wie aus wohlhabenden Verhältnissen, sie sind teils hochintelligent, teils sehr ungebildet. Die jetzt festgenommene Londoner Gruppe bildet diese Verschiedenheit exakt ab: Darunter befinden sich laut „Guardian“ ein Maurer, ein Nachtwächter, zwei Gebrauchtwagenhändler, ein Pizzaverkäufer und möglicherweise auch der Vorsitzende der studentischen islamischen Gesellschaft an der London Metropolitan University.

Nach Ansicht Neumanns verbindet die drei Gruppen eine psychologische Gemeinsamkeit: „Alle diese Attentäter haben einen Bruch in ihrer Biografie erlebt, der zur religiösen Radikalisierung geführt hat.“ Dieser Bruch müsse gar nicht immer aus einem politischen oder religiösen Konflikt resultieren. Vielfach seien es persönliche Probleme, die nicht selten mit schlechter Integration und mangelhafter gesellschaftlicher Anerkennung im Zusammenhang stünden. „Der Islam hat für die meisten der späteren Attentäter bis zu ihrer Krise überhaupt keine Rolle gespielt“, sagt Neumann.

Der Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm hingegen ist der Ansicht: „Al Qaida ist eine Idee und kann nur mit einer anderen Idee wirksam bekämpft werden.“ Notwendig sei eine neue Gesellschaftsidee des Westens, die auch in der islamischen Welt akzeptiert werde. „Das ist eine Aufgabe für Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler“, sagt er. Politik, Militär und Polizei könnten im Kampf gegen den militanten Islamismus fast nur Symptombehandlung betreiben, aber keine wirkliche Ursachenbekämpfung.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar