Kampf gegen Aids : Aufklärung auf Augenhöhe

Deutschland war anfangs mit Aids überfordert. Freiwilligkeit, Kooperation und Respekt waren im Kampf gegen die Krankheit der Schlüssel zum Erfolg.

Rolf Rosenbrock
Preisgekröntes Engagement. Die frühere Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (3.v.l.) wurde am Sonnabend auf der Festlichen Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin für ihren Kampf gegen die Krankheit mit dem „World without Aids Award“ ausgezeichnet, überreicht von Topmodel Franziska Knuppe (re.). Hauptsponsor der Gala war Audi, dessen Vorstandsvorsitzender Rupert Stadler (2.v.l.) noch einen Spendenscheck über 200 0000 Euro dabei hatte. Festliche Stimmung auch bei Laudator Klaus Wowereit, Moderatorin Carola Ferstl (li.) und dem Künstler Stefan Szczesny (2.v.r.), der die Preisskulptur schuf.
Preisgekröntes Engagement. Die frühere Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (3.v.l.) wurde am Sonnabend auf der Festlichen...Foto: Brauer Photos

Als Anfang der 80er Jahre die ersten Aids-Fälle zunächst in den USA und bald auch in Europa auftauchten, musste sich die Gesundheitspolitik unter hohem Zeitdruck und bei damals noch großen Wissenslücken zwischen zwei Strategien entscheiden. Die Medizin war weitgehend hilflos, eine Heilung oder Impfung nicht in Sicht. Der gesundheitspolitische Schwerpunkt musste daher auf die Verhütung von Infektionen, die Primärprävention gelegt werden. Traditionell hatte man sich bei Infektionskrankheiten darum bemüht, möglichst viele Infektionsquellen aufzuspüren und stillzulegen. Die Instrumente dafür waren medizinische Tests auf den Erreger sowie Quarantäne für die Infizierten („Old Public Health“).

Aber passte diese Antwort auf eine Krankheit, die durch Eintritt von infizierten Körpersekreten in die Blutbahn eines anderen Menschen – also vor allem durch Sex und Drogengebrauch – übertragen wird und die die Betroffenen lebenslang infektiös macht? Abenteuerliche Vorschläge machten die Runde: zwangsweises Durchtesten der Bevölkerung, Tests an allen Grenzen und Flughäfen, Tätowierung der Infizierten, Sex-Verbote oder die Einrichtung von Lagern zur Internierung. Da die Krankheit aufgrund der Infektionswege vor allem bei homosexuell aktiven Männern und intravenös Drogen Gebrauchenden auftrat und auch in der Prostitution ein Gefahrenpotenzial vermutet wurde, ging es auch um den – in Deutschland traditionell heiklen bis katastrophalen – Umgang mit Minderheiten: Schwule, Fixer und Prostituierte.

Es ging also nicht nur um Gesundheit, sondern auch um Bürgerrechte. Vor allem der damalige bayerische Staatssekretär Peter Gauweiler meldete sich, publizistisch unterstützt von „Bild“-Zeitung und „Spiegel“, mit seuchenpolizeilich motivierten Vorschlägen für allerlei Zwangsmaßnahmen zu Wort. Er wurde der Gegenpol zur damaligen Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth, die für einen humanen Umgang mit den Betroffenen plädierte und dafür, die Krankheit und nicht die Kranken zu bekämpfen.

Das Prinzip der Freiwilligkeit setzt sich durch

In diese Debatte hinein veröffentlichte ich 1986 das Buch „Aids kann schneller besiegt werden. Gesundheitspolitik am Beispiel einer Infektionskrankheit“. Das „schneller“ im Titel enthielt die Mahnung, im Kampf gegen Aids nicht all die – Zeit und Opfer kostenden – Fehler aus dem Umgang mit Syphilis und Tuberkulose zu wiederholen. Das Buch fand in der Aidsbewegung großen Anklang. Darin fasste ich den Kenntnisstand zur Prävention durch Verhaltensbeeinflussung, zur Kraft des bürgerschaftlichen Engagements, zur Rolle der Medizin sowie zur Selbsthilfe durch Betroffene zusammen und entwickelte daraus eine Strategie, die auf Bürgerrechten, Freiwilligkeit und Kooperation zwischen den betroffenen Gruppen und dem Staat beruhte.

Das war nicht aus der Luft gegriffen: Denn parallel zur – und zum Teil schon vor der – politischen Debatte hatten schwule Männer und Fixer-Gruppen im ganzen Land Aids-Hilfen gegründet und versuchten, die Prävention und die Hilfe für Erkrankte selbst zu organisieren. Diese Ressourcen sah dann auch Rita Süssmuth in ihrem 1987 erschienenen Buch „Aids – Wege aus der Angst“ als die entscheidenden Kräfte zur Überwindung der Krise. Ausformuliert – und zum Teil gegen die Vertreter der bayerischen Linie mühsam durchgekämpft – wurde diese Strategie ab 1987 in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Gefahren von Aids und wirksame Wege zu ihrer Eindämmung“.

Plötzlich sind Anti-Aids-Kampagnen allgegenwärtig

Das Ergebnis war ein echter Paradigmenwechsel, eine gesundheitspolitische Innovation: Erstmals wurde im Kampf gegen eine gefährliche Infektionskrankheit auf Freiwilligkeit, die Stärkung der Zivilgesellschaft, die Kraft der Selbsthilfe, Vertrauen und Kooperation gesetzt („New Public Health“): Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung klärt mit ihrer Kampagne „Gib Aids keine Chance“ seither die gesamte Bevölkerung auf – im Kino, im Fernsehen, mit Plakaten und Ausstellungen.

Die Prävention (safer sex, safe use) in und mit den betroffenen Gruppen wurde – mit staatlicher Unterstützung – Aufgabe der selbst organisierten, mittlerweile etwa 150 Aids-Hilfen und ihrem Dachverband, der Deutschen Aidshilfe. In Gesundheitsämtern, mit Hotlines und in Schulen wurde für leicht zugängliche und auf Wunsch anonyme Beratung gesorgt.

Der seit 1984 verfügbare Test auf HIV-Antikörper – in der „Old Public Health“-Strategie das zentrale Instrument zur (im Zweifel zwangsweisen) Ermittlung von Infizierten – kam jetzt nur noch nach Beratung und auf eigenen Wunsch zum Einsatz. Denn es galt und gilt: Man weiß nie, wer infiziert ist. Deshalb immer Kondom bei penetrierendem Geschlechtsverkehr außerhalb strikter Monogamie und immer saubere Spritzbestecke bei intravenösem Drogengebrauch.

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