• Kampf mit Schalldämpfer Er probiert mit Fleiß, nicht der zu sein, für den er gehalten wird. Das kann anstrengend sein. Auf der Suche nach dem echten Edmund Stoiber.

Zeitung Heute : Kampf mit Schalldämpfer Er probiert mit Fleiß, nicht der zu sein, für den er gehalten wird. Das kann anstrengend sein. Auf der Suche nach dem echten Edmund Stoiber.

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Von Jürgen Schreiber

Stoiber, Stoiber, Stoiber. Wohin man blickt Stoiber: In der Stadthalle Fürth spiegelt sich der Kanzlerkandidat bei seiner Rede vielfach in der gläsernen Saalverkleidung. Obendrein wird er überlebensgroß auf eine Leinwand projiziert, sieht sich quasi selber zu. Auch harten Fans könnte schwindelig werden von dieser optischen Überfülle, zumal ein Videobeamer ausdauernd die Parole „CSU näher am Menschen“ über den Köpfen kreisen lässt.

Ist es die Stunde eines Siegers? Oder wie soll man die Ovationen deuten, in denen Bayerns Ministerpäsident nun baden darf? Eben röhrte „This is my time“ aus den Boxen, die Delegierten des CSU-Parteitags sangen das Deutschlandlied, verabschiedeten ohne Debatte das „Regierungsprogramm 2002- 2006“, guckten gemeinsam das Filmchen „Dr. Edmund Stoiber“. Hernach sprudelte ihr Star live wie ein Wasserfall. Nun ist die Edi-Show zu Ende, der Kandidat schwitzt glücklich.

Nur weiß man nicht, ob die CSU ihn verdoppelt und verdreifacht, weil sie von ihm einfach nicht genug kriegen kann. Oder weil Überinszenierung zum Polit-Marketing zählt, weshalb man sich fragen könnte, wer eigentlich der echte Stoiber sei? Ist es der Softie aus dem Prospekt, mit kuschelweichem, um den Hals geschlungenen Pullover? Ein Typ, der für den üblichen Bilderbogen mit Gattin auf dem Sofa posiert, Enkel ins Bild hält und sich aufs Radl schwingt. Oder ist es der sichernde, das Umfeld mit verengten Augenschlitzen absuchende Stoiber; der Blick klar, aber nie harmlos?

Natürlich tritt da nicht mehr der Mann in Erscheinung, der bis 1993 als Innenminister manche mit einer Miene wie ein Durchsuch- ungsbefehl erschreckte. Geblieben sind ihm die erkennungsdienstlichen Hinweise im scharf geschnittenen Gesicht: Ziehharmonikafalten, spitze Nase, Linealmund. Das Kinn, seine härteste Zone, reckt er mehr als notwendig. Sonst bar von Humor zeigt sich der Stoiber 2002 aber amüsiert über Fragen, steckt beide Hände in die Taschen, knickt das Knie ein in neuer Leichtigkeit und verkündet „Zeit für Taten!“. Helfer klebten das entsprechende Plakat eben rasch mit Tesa an die Wand. Statt des ernsten Kommunionsblaus trägt er ein an ihm verwegen wirkendes Hellgrau mit Bindern ausgesucht schöner Leuchtkraft. Die Farben sollen seine gnadenlose Anspannung mildern.

Blonder Blitz

Die Anmutung will ganz einfach sagen: Hier steht ein Kandidat und kann auch anders. Er kommt vom schönen Isarstrand, um „Schröder aus dem Kanzleramt hinauszudrängen“. Das Klischee des Aktenfressers und kreidebleichen Eiferers eilte ihm voraus, der Legende nach ein blonder Blitz, jederzeit zum Einschlag bereit. Aber nun ist keine Rede mehr vom bewährten CSU-Stoff. Noch nicht mal sonderlich bayrisch redet er daher; Berater Michael Spreng verbot es bei Strafe der Niederlage. Stoiber darf die Erfolgsgeschichte des Freistaats preisen, aber bitte ohne Hoppla-jetzt-komm-ich. Auch wird keiner mit Lodenlook erschreckt. Seine manchmal stakkatohafte Prosa mischt er mit Passagen, die klingen, als hätte ihm der Doktor eine schwächere Erregungsdosis verordnet. Da ist er im Zwiespalt, denn Überhitztes, scharfe Einfälle samt diesem Dröhnen von Rechtschaffenheit, stimmt seine CSU fröhlich für den 22.September.

Edmund Stoiber, bekannt auch als Stoiber Edi, nicht dass man ihn je lässig sähe. „Der ernste Mann für ernste Zeiten“ wetteifert auf seine Weise mit Schröders Lockerheit. Vorher befürchtete man, der Arme habe einen Stock verschluckt. Nun könnte man fast behaupten, hinter hoher Stirn würde er ab und an ein Scherzchen erwägen. Das kommt gut: Schröder habe sich 51 Gutachten zum Arbeitsmarkt machen lassen, stets habe das Motto gegolten: „gelesen, gelacht, gelocht“! Unter Sprengs Regie hält er staatsmännisch an sich, baut Kürstücke ein, man könnte sagen, die Pflicht zum Gefühl. Bei der Offensive des Lächelns wedelt Stoiber auf der Brockenbahn beflissen mit der Schaffnerkelle, entert die Viermastbark „Passat“, treibt sich in fröhlichen Weinbergen herum, macht Station am Oberaudorfer Elternhaus, auf dass die verlangte, bunte Lebenslauf-Girlande gedreht werden kann.

Hier probiert einer mit Fleiß, nicht der zu sein, für den er gehalten wird, der aufs Wadlbeißen spezialisierte Kraftrhetoriker. Aber wie das so ist, enthüllt die Darstellung den Mangel, den sie verdecken soll. Es kann anstrengen, unangestrengt zu wirken. Seit dem Fehlstart bei „Sabine Christiansen“ bemüht er sich, die mimische Reaktion zu glätten, fuchtelt – danke, Herr Spreng – merklich weniger in der Luft herum. Jemand, der es gut mit ihm meint, muss ihm gesagt haben, das beste Argument nütze nichts, wenn das groß Gedachte im „äh“ versandet. Nicht immer zu verhindern bei einem, der unterdrückt, was dem echten Stoiber auf der Zunge läge. Deshalb das Herumstottern hier und da. Verstellkunst hat ihre Grenzen, sobald er Fragern den Kopf zuneigt. Es ist die Art Hinwendung, weniger, um zuzuhören, als auf etwas gefasst zu sein.

Wo immer Stoiber auf Tour ist, überwacht er mit Radaraugen das Terrain. Ist die Familie da, sucht er über den Brillenrand hinweg Kontakt, streift dann sein Kabinett. Sieh da, Monika Hohlmeier sticht als knallroter Drops heraus. Mit lauernder Skepsis taxiert er Journalisten, die ihn taxieren. Er nimmt Witterung auf.

Jetzt geht’s los. Leise wie für eine Einführung in Zen-Buddhismus, beginnt im Berliner Französischen Dom die Grundsatzrede „Dem Wandel Richtung geben“. Nicht wenige kamen, die von ihm ein Wetteifern mit der aus 2000 Pfeifen aufbrausenden Orgel erwarteten. Aber dann fällt er eher in das noch vom Gottesdienst angezeigte Lied 449 ein: „Die güldene Sonne voll Freude und Wonne“. Stoiber hangelt sich von Hardenberg zu Humboldt, streift die Zukunft des Volkes, die „in der Entfaltung seiner Kreativität“ liege, beschleunigt, verlangsamt, huscht wie ein Märchenonkel durchs Referat. Das Gemäßigtere schlägt sich in freundlichen Kommentaren nieder, außer bei den paar Redakteuren, die ihn sich hobbymäßig als bösen Buben halten. Die breiten weiter lustvoll vergilbte Stories über CSU-Seilschaften mit dem ausgebildeten Gebirgsjäger aus. Ansonsten muss wegen Reporter-Andrangs jetzt die Trennwand des Münchner CSU-Konferenzraums geöffnet werden, findet ein Aufwand an Kameras statt, als würde „Der Erfolg“ verfilmt. Bei Stoibers Erscheinen fummeln Techniker am Knopf für die „Lichtszene“. Die Exerzitien größer werdender Termine genießt er nicht ohne gewisse Eitelkeit. Leute mit seiner Parteibrille schließen kühn auf eine „mediale Absetzbewegung von Schröder“.

Der Verfolger reist unter dem Motto „Mit den Menschen reden“. Das hindert Stoiber nicht daran, auf kurze Fragen Monologe zu halten und mit Textbausteinen zu spielen. Weniger vom Fieber der Originalität denn vom bekannten Eifer durchglüht, tönt er: „Deutschland wird unter Wert regiert“, es müsse Schluss sein mit dem „rot-grünen Spuk“. Es gibt die Variante, „wie einsam“ es um den Kanzler geworden sei. In diesem Sinne wechselte das Design, das Pathos blieb, Schicksalhaftes beschwörende Redekunst „zur Richtungsentscheidung“, gern ein bisschen zum Fürchten. Dieser Effekt muss sein, um daraus die Illusion des Heilbaren zu gewinnen. Deshalb trägt er im Hochgefühl der Abrechnung stets ein Gruseln im Gesicht, richtet mit dramatisch gefärbter Stimme über Schröder: „Vier Millionen Arbeitslose. Eine verheerende Schlussbilanz.“ Er, der sozialste Stoiber, empfiehlt sich auffallend als Anwalt der kleinen Leute, hole „Aufschwung und Arbeitsplätze zurück“.

Der frühere Wahlkampfleiter von Franz Josef Strauß teilt mit seinem Ziehvater das diffuse Gefühl des unverstandenen Bayern. Ein Empfinden des Hinterwäldlerischen sogar, er, der mit der alleinseligmachenden CSU doch ein Musterland regiert. Wie unter Begründungszwang durch eine ihm unterstellte Schwäche jagt er bei Gesprächen dahin. Vertraut er seinem Atem nicht? Ausgepowert bemüht er sich gleichwohl ums Makellose, zaubert am Ende des Fürther Auftritts ein Kämmchen aus der Tasche in die hohle Hand. Er glättet auf offener Bühne verschämt wie ein Tanzschüler die gestylte Haarwoge in gewollter Beiläufigkeit, derweil er Huldigungen entgegennimmt. Mehrere Bewegungen fallen in eine, darüber vergisst er sein Manuskript am Mikrofon. Ehefrau Karin eilt herbei, steckt es weg.

Wie alle Schauspieler gibt sich der Konservative Mühe, so zu tun, als spräche er zigfach Durchgekautes erstmals aus. In die Zahltagsgesichter seiner Getreuen hinein predigt er mit sinnlicher Erregung über Rentenformeln, Staatsquote, Pisa, schiebt Zahl um Zahl hinterher. Besondes heftig klatscht Berater Spreng. Wollte er an der Choreographie seines Solisten was kritisieren, dann womöglich, dass er im Pulk roboterhaft hereinstakst, in Endspurt-Mimik die Brauen übertrieben gefährlich hochzieht.

„Sind wir noch in der Zeit?“

Man könnte es das Stoiber-Fieber nennen: Bis zur Erfolgsgewissheit hämmerte sich der Bewerber ein, er dürfe alles, nur nicht gegen diesen Schröder verlieren. Man ahnt, was eine Niederlage für ihn bedeuten würde. Von Energieschüben getrieben, noch erfrischt von Erfolgsaussicht, durcheilt er die Republik: Zukunftskongress in Gera, zurück in die Vergangenheit mit Besichtigung im Stasi-Knast Hohenschönhausen. Entbürokratisierungskonzept vorstellen (klingt bürokratisch), Hochwassergeschädigte in Passau und Dresden trösten, Innenminister Günther Beckstein fürs „Kompetenzteam“ vorstellen. Wohlgefällig zupft er sich dabei am Ohr, der Franke lächelt geschmeichelt. Stoiber blickt auf die Uhr. Ständig hechelt er hinter Selbstanspruch und Terminplan her, die Frage auf den Lippen: „Sind wir noch in der Zeit?“ Natürlich nicht. Wie könnte er auch, der schon mit körpersprachlichem Ausdruck Unerhörtes zu berichten hat – die Sozen regieren noch, es pressiert, ich muss das Land von den rot-grünen Dilettanten befreien.

Der Wahlkämpfer ähnelt sehr dem Boxer Henry Maske, Rechtsausleger wie er. Wie dieser operiert der CSU-Fighter geschmeidig aus sicherer Deckung, versucht, sich möglichst keine Blöße zu geben, wartet auf den Moment für Treffer. Eine hochriskante Taktik, der gelernte Angreifer überlässt dem Titelverteidiger das Gesetz des Handelns. Entscheidend erwischt hat Schröder ihn noch nicht. Nach Punktwertung von Demoskopen hat Stoiber ihn momentan sogar am Rande der Niederlage. Im Eifer des Gefechts führt dieser fürs Publikum nicht sonderlich attraktive Schlagabtausch manchmal zu Asynchronem. Emotion und Motorik, Gesagtes und Gestik sind nicht 100-prozentig koordiniert. Immer liegt der Kandidat mit irgendwas im Clinch, das an ihm reißt und Draufschlagen befiehlt. Er ist im Kampf mit sich. Parallel besänftigt ein Warngerät das Reizbare in ihm, mahnt: ruhig Blut, Edi. Zur Vorsicht legt er die Hände an die Lippen und verschließt sie.

Kein Wunder, der Politiker schien eindeutig auf die Identität des Scharfmachers festgelegt, der unwandelbaren Doktrin von Rechts und Links verpflichtet. Über dem Tisch harte Kante, Finger trommeln aufs Holz, klirrende Stimme, Unerbittlichkeitsstil. Aber heute sitzt der Schallgedämpfte bei verfeinerter Meinung mit geschlossenen Knien da, Fußspitze nach innen – Ausdruck des Widersprüchlichen in fremder Rolle, Suche nach der ultimativen Form. Ein überraschender Mangel an habituellem Optimismus drückt sich aus, als fasse der Außenseiter den schönen Schreck nicht, dass der Genosse Trend zu ihm überlaufen könnte.

Die Mittel, mit denen die Union das Heft bisher an sich riss, sind verblüffend schlicht. Alles Fintieren schnurrt auf Stoibers Versprechen zusammen: „Ich will hart arbeiten für Deutschland. Entweder wir stellen jetzt die Weichen auf wirtschaftlichen Erfolg, oder wir steigen weiter ab!“ Sein Credo verband sich mit der Absicht, das rot-grüne Feindbild ja nicht zu bedienen. Arg viel mehr steht nicht in den Papieren.

Muss man Mitleid mit einem Politiker haben, der den Höllenjob begehrt? Der in Wort und Bild erfährt, dass man in jungen Jahren nicht ungestraft Flügeladjutant von Strauß war. Die Geschichte zweier eiserner Männer ist das eine, das andere, dass Stoiber verletzlicher ist, als es dem Ruf entspricht. Manchmal erschrickt er über das eigene Echo. Bei der Vorstellung der potenziellen Frauenministerin Katherina Reiche nimmt ihn die Journaille mit eingefleischt rot-grünen Urteilsgewohnheiten in die Mangel. Stoiber sitzt wie auf der Anklagebank. Unverständnis, vielleicht eine Spur Heimweh nach Bayern, flüchten sich in ein Abwehrlächeln. Ihm wird die fortschrittlich gemeinte Abweichung vom Unions-Dogma nicht abgenommen, die in der Berufung einer Unverheirateten mit Kind läge.

Der 61-Jährige ist ein stattliches Mannsbild, 1 Meter 87, größer, als er auf Fotos scheint. Man begreift, warum der eher gestauchte Kanzler sich lieber sitzend als stehend mit ihm misst. Der Drahtige macht immer den Anschein, als habe er den Gürtel um ein Loch enger geschnallt, Schröder um zwei Löcher weiter. Sofern der Kandidat den SPD-Chef je für unschlagbar gehalten hätte, kein Problem: Er schrumpft ihn sich aufs passende Format zurecht. In jeden Text hineingepresste Schlüsselsätze suggerieren Publikum und ihm selbst: „Wir wollen und wir werden Deutschland wieder stark machen.“ Es sind einfache, magische Formeln, mit denen man Wahlen gewinnt. 1998 wusste die SPD mit Schröder die Anwort auf die Existenzfrage: „Wer kriegt uns durch die Krise?“ Mit gleicher Frequenz heißt Sprengs Variante auf die schleichende Angst in der Gesellschaft: „Wer führt Deutschland aus der Krise?“ Der Missionar mit dem Sorgengesicht – Stoiber.

Wahlkampf ist Marathon. Er wäre nicht der Erste, dem der Atem ausginge. Vielleicht geht Stoibers Projekt auch einfach in den Flutwellen mit unter. Aber gefährlich genug verwandelte sich die Kippfigur in einen Angstgegner. Mit aller Vorsicht spricht der Bayer von „einem Stück Wechselstimmung“, ergänzt: „Das Endspiel liegt noch vor uns.“ Hochwasser hin oder her, im Adenauer-Haus heißt es, die Union könne sich nur selber schlagen. Trotzdem wäre man erlöst, der Wahlkalender wäre schon abgerissen. Mit Genugtuung wird registriert: Die Kommunikationsmaschinerie spuckte bisher prompt das Bild des in den Kernfragen Wirtschaft und Arbeit an Kompetenz überlegenen Stoiber aus, Botschafter des „So-kann-es-nicht-weitergehen“. Eine Erklärung dafür sind rot-grüne Regiefehler, aber mehr noch, was seine Kraft ausmacht, die Kraft des „Sachüberzeugungstäters“. Es ist nicht die Zeit mühelosen Glanzes, die wirtschaftliche Katerstimmung überhöht Glaubenssätze von Hoffnungsmachern.

Die Bayern-AG erscheint

Stoibers atemberaubendes Pensum ist das Pensum eines Politikers, von dem gesagt wurde, er sei jenseits des Weißwurst-Äquators ohne jede Chance, auf tragische Weise der falsche Kandidat zur falschen Zeit. Und wer die Fehlbesetzung denn schon wähle, täte es gewiss aus Mitleid. Aber dann forderte der Geschmähte die Blutsliebe der Schwesterpartei heraus, bekam sie zur Überraschung von Kennern der Unions-Hassliebe. Weniger als in der Zentrale befürchtet, definiert man ihn plump von Strauß her. Inzwischen schickt er sich an, dem Kanzler den Bonus zu nehmen. Schröder ließ zu, dass Genossen den CSUler als hohlhallenden Provinzler abtaten und unterschätzte, dass die kalkulierte Kränkung die Unions-Reihen schloss. Ein Stoiber-Intimus betont, die Kampa habe gemeint, den putzen wir mit links weg, Schröder erledigt via TV den Rest.

An Schröder nimmt Stoiber als Gleicher unter Gleichen Maß. Er ist das Sinnbild des erfolgreichen Landesvaters, sieht keinen Grund zu Kleinmut. In Gestalt von ihm erscheint die Bayern AG, warum soll er sich da ducken? Daheim huldigen ihm Prozessionen, braucht es eine zünftige Brotzeit, will man den monumentalen Amtssitz umrunden. Nicht umsonst preist er sich als „den besseren Ministerpräsidenten“, leitet forsch ab, „ich werde auch der bessere Kanzler sein“. Während er dies beschwört, und er beschwört es oft, liegt ein Arm wie eine Schranke vor der Brust: kein Durchkommen für Zweifel. Es ist vielleicht schon vergessen, dass Schröder in ihm einen Seelenverwandten erkannte. Stoiber sei ein moderner Manager, laufe nicht weg, wenn es Probleme gebe. Den Stil pflege er auch. Schröder konnte sich nicht ausmalen, dass der ihn persönlich zum Problem erklären würde.

Nicht nur federt der ältere Rivale aus der Limousine wie der jüngere Kanzler. Beim Wähler-Umgarnen will er dessen Erfolgscode knacken. Man kann lange darüber diskutieren, wer von wem das Vokabular erbte, dieses Bedürfnis nach „Mitte“. Auch Stoiber umwirbt die Klientel, der eine nähert sich dem Allgemeinplatz von links, der andere von rechts. Diesmal naht die Rettung dank Union: „die kompakte Kraft der Mitte“.

Vorbei die Phase, in der die Streithähne gut miteinander konnten. Auffallend ihre biografischen Gemeinsamkeiten. Beide stammen aus engen Verhältnissen, erkämpften sich den Aufstieg. Beide sind Juristen, rüde Strategen beim Griff nach Macht. Zwei Populisten, auf Zweckanalysen fixiert, ohne Erkenntnisinteresse an sich selbst, das Handeln lähmen würde. Wie einst bei Schröder verfestigte sich bei Stoiber der Wunsch zur fixen Idee, er müsse ins Kanzleramt rein. Dafür geht er hohes Risiko ein. Nichts dokumentiert das mehr als die Tatsache, dass er die übliche Folklore meidet und sich für das Ziel dem harten Prozess einer Entfremdung vom Ich unterwirft .

Bei der CSU läuft ein Video mit Stoiber im „Legoland“ Günzburg. Wie ein Riese bewegt er sich durch die nachgebaute Kulisse Berlins. Es ist nicht anders zu verstehen: Die Stadt liegt ihm zu Füßen. Jetzt muss er aber den Rest von Deutschland gewinnen.

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