Zeitung Heute : Kann denn Glaube Sünde sein?

Malte Lehming

Auf jeder Dollar-Note stehen zwei Sätze. Der Vorderseite ist der Hinweis zu entnehmen, dass es sich bei dem Schein um ein legales Zahlungsmittel handelt, und auf der Rückseite steht: "In God We Trust" - "Wir vertrauen auf Gott". Das ist ernst gemeint. Etwa 95 Prozent aller Amerikaner bezeichnen sich als religiös. In Europa sind es kaum halb so viele. Etwa 40 Prozent aller Amerikaner gehen mindestens einmal pro Woche in eine der 300 000 Kirchen, Synagogen, Moscheen oder Tempel des Landes. Der religiöse Pluralismus in den USA ist einzigartig. Eine offizielle Amtskirche gibt es nicht. Kirchensteuern gibt es auch nicht. Allein die christlichen Kirchen sind in 250 Glaubensrichtungen aufgeteilt. Der Kampf um Mitglieder und Spendengelder ist hart. Um jedes Schaf muss der Hirte werben.

In den USA ist religiöse Reklame deshalb nichts Besonderes. Die frommen Botschaften werden im Fernsehen gezeigt, im Radio gesendet und in Büchern verbreitet. So regte sich auch kaum ein Amerikaner darüber auf, als vor drei Jahren ein 30-sekündiger Spot sechs Monate lang ungefähr 50 Mal am Tag im Nachrichten-Fernsehen lief. Darin bekannten Sport-Stars und selbst eine ehemalige Miss America, wie wichtig es für sie sei, den Weg zu Gott gefunden zu haben. Gleichzeitig konnte der Zuschauer kostenlos ein kleines Büchlein mit dem Titel "Power for Living" - "Kraft zum Leben" - bestellen. Dessen Inhalt, verfasst im Jahre 1983 von einem Prediger namens Jamie Buckingham, ist wenig dramatisch. In einfachen Sätzen wird der Leser mit Grundüberzeugungen des Christentums bekannt gemacht. Die 134 Seiten starke Broschüre fällt in die Kategorie der religiösen Erbauungsliteratur.

Jetzt ist die Kampagne nach Deutschland geschwappt. Auch hier werben nun seit einigen Wochen Prominente wie Golfprofi Bernhard Langer, Kunstspringerin Britta Baldus, Fußballspieler Paulo Sergio und Prinz Philipp von Preußen für das Buch. Etwa 12 000 Plakate hängen landesweit aus, in Zeitungen und Zeitschriften sind ganzseitige Anzeigen geschaltet. Die Kosten werden auf fünf Millionen Euro geschätzt. Der Auftritt hat dermaßen gut eingeschlagen, dass Interessenten mittlerweile vier bis sechs Wochen auf die Lieferung warten müssen. Verpflichtungen geht keiner ein. Das Buch wird verschenkt, Spenden werden ausdrücklich nicht akzeptiert, die Adresse des Bestellers wird für keine anderen Zwecke verwendet, kein Sektenvertreter wird jemals an seiner Haustür klingeln.

So viel Großherzigkeit macht misstrauisch. Also wurde nachgeforscht, wer hinter den selbstlosen, Bücher verschenkenden Christen steht. Es ist die "Arthur S. DeMoss Stiftung" in Palm Beach, Florida. Ihr Gründer war einst ein wohlhabender Lebemann, der mit 24 Jahren schon drei Cadillacs besaß. Sein Leben jedoch füllte ihn nicht aus. Mit 25 fand DeMoss zu Gott. "Von jetzt an werde ich mein ganzes Leben in den Dienst des Christentums stellen", versprach er - und hielt sein Versprechen. DeMoss verdiente Hunderte von Millionen Dollar im Versicherungsgeschäft. Zu seinen Kunden zählten vorwiegend tugendhafte Menschen, die weder tranken noch rauchten. Die Hälfte seines Einkommens steckte der Multimillionär in seine Stiftung.

DeMoss starb 1979 mit 53 Jahren beim Tennis. In seinem Testament verpflichtete er seine Erben, weltweit Gottes Wort zu verbreiten. Heute wird das Vermögen der DeMoss-Stiftung auf 500 Millionen Euro geschätzt. Seine Witwe Nancy, 63, ist die Chefin, Bruder Robert der Präsident, drei von Arthurs Kindern fungieren als Direktoren. Manchmal lädt Nancy ein paar Reiche und Mächtige in ihr Haus zum Dinner ein. Dafür zahlen die Teilnehmer bis zu 80 000 Dollar.

Allerdings beschränkt sich die DeMoss-Stiftung nicht auf einfache Missionstätigkeiten; sie bezieht auch politisch Stellung. Vehement lehnt sie Abtreibung und Homosexualität ab. Zum ersten Mal zog sie Aufmerksamkeit auf sich, als sie 1993 für 20 Millionen Dollar eine TV-Werbung mit dem Slogan "Das Leben - was für eine wunderbare Welt!" schaltete. Darin wurden Kinder gezeigt, die ihr Glück darüber äußerten, nicht abgetrieben worden zu sein.

An gleich gesinnte Fundamentalchristen, die gegen Abtreibung, Schwulen-Ehe, Pornografie, Alkohol und vorehelichen Sex - die Kampagne heißt: "Es lohnt sich zu warten" - opponieren, wird viel Geld verteilt. Zu den Begünstigten zählt auch die extreme Organisation "Plymouth Rock Foundation", deren Anhänger die "biblischen Gesetze" in Amerika einführen wollen. Enge Kontakte unterhält die DeMoss-Gruppe ebenfalls zu konservativen Evangelikalen, die ihre Hochburgen im Süden und Mittleren Westen haben, dem so genannten "Bible Belt". Deren Sprachrohre sind Pat Robertson und Jerry Falwell. Ihr Einfluss allerdings hat mit dem Amtsantritt von George W. Bush erheblich abgenommen. Als Falwell nach dem 11. September die "moralische Dekadenz" der USA für den Terrorismus mitverantwortlich machte, wurde er ausgelacht.

Dreiviertel der rund 25 Millionen Dollar, die die DeMoss-Stiftung jährlich an christliche Gruppen verteilt, seien harmlos, schreibt das "Time Magazine". Der in Deutschland gezeigte TV-Spot wurde Anfang der Woche dennoch verboten, weil es sich dabei um weltanschauliche Werbung handelt, wie die Landesmedienanstalten erklärten. Auch der Privatsender RTL, der sich zunächst dem Verbot widersetzt hatte, beugte sich am Donnerstag.

Für gefährlich indes halten selbst Sektenexperten die Kampagne nicht. In Deutschland fehlen fundamentalistische Strukturen, sagt Lutz Lemhöfer vom Bistum Limburg. Außerdem versuche die DeMoss-Stiftung bislang nicht, hier Anhänger zu rekrutieren. Im Wesentlichen geschieht nur das: Ein etwas plattes Erbauungsbüchlein wird verschenkt. Sollte das schon Sünde sein?

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