Zeitung Heute : Kann einem virtuellen Seemann schlecht werden?

Bewegte Zeiten im Berliner Technikmuseum: Die neue Ausstellung „Geschichte der Schifffahrt“ setzt auf Multimedia-Installationen

Kurt Sagatz

Die lange Stange inmitten des Halbrunds heißt Kolderstock, eine Art Ruderpinne, wie sie auf Segelschiffen des 16. Jahrhunderts üblich war. Bei jeder Welle in der Elbmündung bewegt sich die Karacke mit; Kurs halten war damals ein schwieriges Unterfangen angesichts vieler Untiefen und Sandbänke, denen viele Schiffe zum Opfer fielen. Mit welchen Widrigkeiten die Seemänner zu kämpfen hatten, das ist heute kaum noch vermittelbar – außer mit einem Besuch des neuen Ausstellungsbereichs „Geschichte der Schifffahrt“ des Technikmuseums Berlin, der am 14. Dezember eröffnet wird.

„Hart backbord, aber fix, sonst laufen wir auf“, schallt es derzeit bei den Mediengestaltern von art+com am Wittenbergplatz aus den Lautsprechern. Dort werden gerade die letzten Anpassungen an der Software für die Elbsimulation vorgenommen. Noch führt der Zusammenstoß mit einem vorausfahrendem Lastschiff nur dazu, dass man wie durch ein Geisterbild hindurchfährt. Wenn der Mann am Kolderstock aber später, wenn die Installation erst im Kreuzberger Technikmuseum aufgebaut ist, nicht aufpasst, soll das Gleiche passieren wie jetzt bereits bei der Kollision mit einer Sandbank: Schrammen, Krachen – und am Ende neues Treibgut eines weiteren Schiffswracks vor Neuwerk.

Was sich wie ein Computerspiel anhört, ist im Prinzip auch eins, wenn auch mit gut versteckter pädagogischer Komponente. Die Entwickler von art+com haben eine komplette 3D-Landschaft gebastelt, in diesem Fall die Mündung der Elbe bis hinauf nach Hamburg. Der Flussverlauf und die Bebauung am Ufer entsprechen genau den historischen Vorgaben, die in der so genannten Lorichs-Karte von 1568 festgehalten wurden. In der computergenerierten Umsetzung wurde daraus ein in Echtzeit berechnetes 180-Grad-Panorama, in dessen Mitte sich das Steuerdeck mit der Ruderpinne befindet. Der Kolderstock ist an ein Force-Feedback- System angeschlossen, wie man es von Computer-Joysticks kennt. In diesem Fall wird jede simulierte Wellenbewegung an die Pinne übertragen. Verhält sich der Steuermann richtig, lobt ihn die Stimme aus dem Computer – bei der es sich übrigens um die bekannte Fernsehstimme von Käpt’n Blaubär handelt. Wenn nicht, kann das Kommando auch mal härter ausfallen. Die Grafik wurde bewusst einfach gehalten, nicht weil der Rechner mit einer aufwändigeren Optik Probleme hätte. Vielmehr soll vermieden werden, dass dem virtuellen Seemann bei allzu viel Realismus schlecht wird.

Die computergenerierte Segelschule anhand der historischen Anweisungen ist die imposanteste, aber nicht die einzige Medieninstallation im neuen Schifffahrtsbereich des Technikmuseums, von denen es insgesamt 24 gibt. Die meisten Terminals halten sich bewusst im Hintergrund und dienen der vertiefenden Information zu den ausgestellten Exponaten. Ganz so unauffällig ist das Terminal zur „Vasa“ allerdings nicht. Die Visualisierung ist ebenso ungewöhnlich wie das Modell des Schiffes, das 1628 in Schweden auf seiner Jungfernfahrt nach anderthalb Kilometern sank. Das Original steht in Stockholm, dort, wo die „Vasa“ 1961 nach genau 333 Jahren geborgen wurde. Doch so wie in Berlin kann es dort nicht untersucht werden.

Die beweglichen Touchscreens vor dem Berliner Modell erlauben dem Betrachter eine genaue Detailstudie des Havaristen, der wegen seiner überbordenden Ornamente und Figuren von vornherein als fahruntauglich galt – und eigentlich nie hätte zu Wasser gelassen werden dürfen. Wie eine überdimensionale Lupe lassen sich die Bildschirme – einer für den Bug und einer für das Heck – so bewegen, dass die in siebzehnjähriger Restaurierungszeit wiederhergestellte Pracht nachempfunden werden kann. Die Terminals lassen sich drehen und kippen, um den Schiffsrumpf der „Vasa“ zu erkunden. Befindet sich eines der Objekte im der Bildschirmmitte, werden automatisch die dazugehörigen Informationen eingeblendet.

Genau dieses Zusammenspiel von historischem Artefakt und medialer Aufbereitung ist für den art+com-Creativdirektor Joachim Sauter, der an der Universität der Künste Mediengestaltung lehrt, der große Vorteil beim Einsatz neuer Medien im Museumsbereich. Mit Hilfe der Digitaltechnik kann der Besucher so in einen wechselseitigen Dialog mit der Geschichte treten. Zudem lassen sich so auch die unterschiedlichen Besuchertypen individuell ansprechen, egal, ob man nun selbst ein Objekt erforschen oder sich einfach etwas erzählen lassen möchte, sagt Sauter. Wichtig sei dabei, dass zwischen dem eigentlichen Exponat und der medialen Ergänzung keine Konkurrenzsituation entsteht. Wo jedoch eine Simulation – wie bei der Elbeinfahrt – Geschichte so lebendig werden lässt, dürfte diese Sorge auch einmal zurückgestellt werden.

Das Technikmuseum lädt am 14. Dezember zwischen 14 und 18 Uhr anlässlich der neuen Ausstellung, die erstmals alle Bereiche dieses Themas in einem Museum zusammenfasst, zu einem Tag der offenen Tür. Der Eintritt ist kostenlos. Mehr Informationen unter: www.dtmb.de .

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