Zeitung Heute : Kann man Kreativität fördern?

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Eine beliebte Übung in Kreativitätsseminaren für Erwachsene geht so: Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Ziegelstein. Was kann man damit alles machen? Und schon kauen die Seminarteilnehmer am Griffel und überlegen: sich draufsetzen? Ein Regal daraus bauen? Blumen durch die Löcher im Ziegel stecken? Sand aufwirbeln? Je mehr Ideen sie haben, desto besser ist es – kreative Menschen produzieren eine Vielzahl von Ideen, auch scheinbar absurde, sehen gebräuchliche Dinge aus neuen Perspektiven, entwickeln überraschende Lösungen.

Was die Erwachsenen im Seminar üben, das tun Kinder von ganz alleine. Aus Bauklötzen werden Häuser, Roboter oder Dinsosaurier, das Kuscheltier stellt mal einen Indianer dar, mal eine Prinzessin, und die Ritterburg darf auch mal ein Iglu sein. Im Spiel zeigen und entwickeln Kinder ihre Kreativität – ganz ohne explizite Förderung. Was sie dafür vor allem brauchen, ist „eine Atmosphäre der Wärme, Geborgenheit und Annahme“, sagt die Frankfurter Kinderpsychologin Heidi Friedrich. Abwertende Bemerkungen – „das ist doch Quatsch, was du da sagst“ oder zu schnelles Eingreifen – „einen Esel malt man doch ganz anders“ – führen dazu, dass Kinder sich weniger zutrauen und ungewöhnliche Ideen unterdrücken.

Können Eltern aktiv etwas dafür tun, die kindliche Kreativität zu fördern? Die amerikanische Psychologin Marilyn Lopes (University of Massachussetts) warnt davor, die Zeit der Kleinen mit organisierten Aktivitäten zu verplanen: „Sie müssen Zeit für sich alleine haben, um ihre Kreativität zu entwickeln.“ Druck ist kontraproduktiv, Angebote dagegen sind gut: Kinder brauchen Materialien, mit denen sie auf möglichst vielfältige Weise umgehen können, sie brauchen Geschichten, die man gemeinsam weiterspinnen kann, brauchen vor allem das Interesse der Erwachsenen an ihren Schöpfungen. Und sie sind dankbar für Anregungen. Lopes schlägt Spiele vor, die die einzelnen Sinne trainieren: Das Kind schließt die Augen und soll raten, was ihm gerade in die Hand gelegt wird oder woher das Geräusch kommt, das es hört. Und sie empfiehlt, den Kindern fantasieanregende, offene Fragen zu stellen, zum Beispiel: „Was würde passieren, wenn du fliegen könntest?“ Bei dieser Gelegenheit können die Eltern auch die Frage anbringen, die sie schon aus dem Seminar kennen: „Was kann man alles mit einem Ziegelstein machen?“D. N.

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