Zeitung Heute : Kanzlerbesuch: Nur der Kuss des Patriarchen fehlte

Elke Windisch

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er bekanntlich viel erzählen. Auch den Schröders wird der Besuch bei den Putins zum orthodoxen Weihnachtsfest noch lange in Erinnerung bleiben. Für Gäste ist nach russischem Brauch das Beste gerade gut genug - die Gastgeber selbst. Entgegen allen vorherigen Absprachen der Protokollbeamten nahm die sonst eher medienscheue Ljudmila Putina daher Doris und Gerd am Samstagmittag auf dem Regierungsflughafen Wnukowo höchst persönlich in Empfang. Die beiden Damen, so zitierten russische Medien den Kanzler, hätten im Sommer, beim Berlin-Besuch der Putins, "auf den ersten Blick aneinander Gefallen gefunden". Das, so kommentierte verzückt der Hofberichterstatter des offiziösen russischen TV-Programms ORT, sei auch bei der Begrüßung "mit unbewaffnetem Auge" zu besichtigen gewesen.

Die Schröder-Visite war für russische Medien ein höchst willkommenes Ereignis. Zwischen dem eigentlichen neuen Jahr und dem so genannten alten neuen Jahr, das nach dem für die orthodoxe Kirche nach wie vor maßgebenden julianischen Kalender auf den 13. Januar fällt, liegt in Russland das gesamte öffentliche Leben auf Eis. Gewöhnliche Sterbliche hangeln sich von einem Besäufnis zum anderen, und auch die Politiker tauchen ab. Die Programmchefs der drei großen Fernsehkanäle, die in dieser Zeit oft nicht wissen, wie sie die halbstündigen Nachrichtensendungen am Abend bestücken sollen, sind daher stets für jede Ruhestörung dankbar. Im vorigen Jahr half ihnen der Machtwechsel im Kreml aus der Patsche, heuer Gerd und Doris.

Lange verweilten die Objektive der Kameras vor allem auf Germanias schlanker First Lady. Zumal die in den Heiligen Hallen des Kremls mit einem Outfit debütierte, das Russlands Damenwelt als Sakrileg empfand: in Hosen, die hier zu Lande bei öffentlichen Auftritten nach wie vor den Herren der Schöpfung vorbehalten sind. "Dorriss Kepp", so teilten Deutschlandkenner aller Kanäle dem staunenden Publikum mit, sei bereits die vierte Frau des Kanzlers, doch in Berlin rege sich darüber erstaunlicherweise niemand auf. Da, feixte der Korrespondent des Privatsenders NTV, den Kremlbeamte stets nur mit zur Faust geballtem Gesicht dulden, sei "unser Putin doch ein Kerl von ganz anderem Schrot und Korn": Der halte seiner Ljudmila seit mehr als zwanzig Jahre die Treue und habe kürzlich sogar angeordnet, Standardwerke zur sexuellen Aufklärung mit Darstellung unbekleideter Menschen aus öffentlichen Bibliotheken zu entfernen.

Doch das ist große Politik, und die war während des Besuches angeblich verpönt. Statt mit heiklen Themen, die es im deutsch-russischen Verhältnis durchaus gibt, wie etwa Moskaus schlechte Zahlungsmoral bei der Bedienung seiner Auslandsschulden, befassten Gerd und "Wolodja", wie Freunde Putin nennen dürfen, sich lieber mit Brillianten und Diamanten in der Rüstkammer des Kreml.

Sie hätten nur über Belanglosigkeiten palavert, ließ Schröder die Presse am Samstagabend beim Spaziergang über den Roten Platz wissen. Hätten sie nicht, meinte dagegen Putin, der, angesichts periodischer Abmahnungen wegen Übergriffen auf die Pressefreiheit, eine günstige Gelegenheit erspähte, um zu beweisen, dass solche Vorwürfe haltlos seien: Er habe dem Kanzler bereits gesagt, dass Gerüchte um die neuerliche Stationierung taktischer Kernwaffen in Russlands Ostsee-Exklave Kaliningrad "absoluter Quatsch" seien. Ansonsten habe man die Themen abgesteckt, die man in der verbleibenden Zeit diskutieren wolle. Das nachfolgende Programm bot dazu jedoch wenig Gelegenheit. Sowohl im Bolschoj-Theater, wo das Ballett "Giselle" gegeben wurde, als auch anschließend bei der Weihnachtsmesse in der gerade erst vollends wieder aufgebauten Erlöserkirche waren die hohen Gäste zwangsläufig zum Schweigen verdammt.

Sicherheitskräfte hatten das Terrain um das Gotteshaus schon eine Stunde vor Beginn der Andacht weiträumig abgesperrt. Dafür begrüßte der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Alexi II. die beiden Politiker nebst Gattinnen schon im Hof und wünschte sogar auf Deutsch frohe Weihnachten. Ehren, wie sie bislang keinem anderen westlichen Staatsmann zuteil wurden: Russlands Klerus liegt wegen dogmatischer Differenzen bei der Interpretation der Glaubenslehre und angeblich aggressiver Missionstätigkeit mit der Westkirche seit Jahren über Kreuz. Schröder wurde daher durch seine Heiligkeit lediglich ein "fester, männlicher Händedruck" zuteil, wie das Staatsfernsehen die Begegnung kommentierte, Putin dagegen der dreifache Bruderkuss und der Segen des Kirchenfürsten.

Nach dem Kirchgang vereinte beide Familien ein Abendessen bei Kerzenlicht auf einem von Putins zahlreichen Landsitzen bei Moskau. Das Menü blieb Staatsgeheimnis. Hiesige Medien spekulierten lediglich, es habe vor allem Fischgerichte gegeben. Fleisch ist während des vierzigtägigen Fastens vor Christi Geburt verpönt, Strenggläubige bleiben am Heiligen Abend sogar ganz nüchtern und selbstverständlich trocken. Das verbat sich für die Gäste schon allein deshalb, weil Ljudmila Putina am Samstag ihren Geburtstag feierte.

Gestern war neue Kurzweil angesagt: Zunächst besuchten beide Ehepaare die südöstlich von Moskau gelegene ehemalige Sommerresidenz der russischen Zaren Kolomenskoje, in deren Park sie auch eine Schlittenfahrt unternahmen. Zum Abschluss ging es nach Sergijew possad, einer Kirchen- und Klosterstadt vor den Toren Moskaus, die zum Allerheiligsten für orthodoxe Christen gehört. Bei einem festlichen Essen überreichte Patriarch Alexi den Gästen Weihnachtsgeschenke.

Der russische Präsident hatte zudem Gelegenheit, seinem deutschen Gast gegenüber anzudeuten, dass seine Untertanen noch manches von ihm erwarten dürfen. Als beim Spaziergang auf dem Roten Platz Passanten applaudierten, meinte Schröder zu Putin: "Mensch, Wladimir, die Leute mögen dich." Der Gastgeber konterte trocken: "Noch."

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