Zeitung Heute : Kardinalsernennungen: Das Flüstern des Papstes

Werner Raith

Karl Kienzle aus Mainz-Kastell weiß es "praktisch aus erster Hand": Es war "Kohl selbst, der das gemanagt hat". Hermine Bertram, die etwas weiter vom Bistum des Karl Lehmann entfernt wohnt, in Aschaffenburg, weiß dagegen von ihrer frommen polnischen Zugehfrau, dass "von dort der Anstoß gekommen ist: Schließlich hat der Mann sehr viel für die Aussöhnung mit uns getan."

Prälat Nevermann, der auf dem Petersplatz schon seit dem frühen Donnerstagmorgen darauf wartet, dass den neuen Purpurträgern heute, am zweiten Tag der Ernennungsfeierlichkeiten, der Kardinalsring ausgehändigt wird, kann da nur den Kopf schütteln: "Ihr seht das alles viel zu kompliziert: Die sind sich im Vatikan bewusst geworden, dass da einige Segmente der Kirche nicht richtig abgedeckt sind - und damit meine ich nicht bloß die Frage weltoffen oder dogmatisch, sondern auch die Frage des Lebensalters." Tatsächlich waren bei der ersten Tranche der neu benannten Kardinäle vor vier Wochen die über 70-Jährigen so deutlich in der Mehrzahl, dass man in Anbetracht von Karol Wojtylas Zähigkeit, so Prälat Nevermann, "einem gut Teil der Neuen nicht viele Perspektiven bei einer kommenden Papstwahl einräumen kann". Denn wer über 80 ist, scheidet aus dem Wahlmännergremium aus. Darum also die Nachbesserung mit jüngeren Bischöfen?

Warum aber ausgerechnet Karl Lehmann, der in Rom seit geraumer Zeit eine Art rotes Tuch ist? Darauf weiß im Grunde niemand eine Antwort. Aber gerade das ermöglicht Spekulationen aller Art, einen kurzweiligen Zeitvertreib also, bis die Zeremonie beginnt. Tatsache ist, dass an diesem zweiten frühlingshaften Tag der Festivitäten Gerüchte und Mutmaßungen unter den angereisten Gläubigen so sehr das Bild prägen, dass man sich schon fast an die bei den Italienern so beliebten "Dietrologie"-Diskussionen erinnert fühlt: Hinter ("dietro") allem und jedem, auch der kleinsten Geste, sucht man nach dem Walten von geheimen Kräften, die der großen Masse verborgen sind.

Selbst das Zweite Deutsche Fernsehen, sonst eher mit bierernster Sachlichkeit zugange, ließ sich anstecken und vermerkte in seiner Sondersendung als "kleines, aber wichtiges Zeichen", dass den Deutschen für ihren Empfang von "Verwandten und Freunden" die besonders anmutige päpstliche Empfangskapelle zugewiesen worden war, die gleich hinter jenem Balkon-Zimmer liegt, von dem aus der Papst seine "Urbi-et-orbi"-Segen erteilt. Dass schlichter Platzmangel Ausweichquartiere erforderlich gemacht hatte, kam niemandem in den Sinn. In Wirklichkeit waren in die Empfangskapelle nicht nur die Deutschen, sondern auch andere Neu-Eminenzen wie etwa die der Baltischen Staaten umgeleitet worden. Unbeirrbar versuchen sowohl die Hofberichterstatter wie auch die meisten Gläubigen das Verhältnis der deutschen zur römischen Kirche nun plötzlich schönzureden - nachdem man sich jahrzehntelang eher über den Herrscher auf dem Stuhl Petri geärgert hatte. Natürlich stört bei dieser neuen Sicht der Dinge, dass der Papst während der Weihezeremonie am Mittwoch Karl Lehmann mit deutlicher Kälte behandelte, ihm nicht, wie allen anderen, wenigstens einen freundlichen Satz ins Ohr flüsterte und ihn nach dem Segen sogar mit einer eher unwirschen Handwegung entließ.

Irgendwie scheint es, als hätte der deutsche Episkopat so ziemlich alles, was an Priestern und Prälaten in Rom verfügbar ist, auf den Platz gesandt, um "seine" Version in den Vordergrund zu schieben: Lehmann habe immer im "positiven Dialog" mit Rom gestanden. Der sei manchmal auch ein wenig "kritisch" gewesen, aber das wünsche man sich ja auch im Vatikan. Und was den als Lehmanns Gegenspieler gehandelten Kardinal Ratzinger betreffe, so habe ihn Lehmann "noch nie so herzlich verteidigt wie in den letzten Monaten". Für Letzteres fällt es den offiziellen Interpreten allerdings etwas schwer, Belege zu erbringen - soweit erinnerlich, hatte sich Lehmann kräftig über die Ratzinger-Schrift "Dominus Jesus" aufgeregt, in der der Chef der römischen Glaubenskongregation allen anderen Kirchen den rechten Weg zum Heil absprach.

Wie dem auch sei, aus dem Inneren des Vatikan dringen merkwürdige Nachrichten: Demnach seien die Deutschenim Begriff gewesen, bei ihrem abendlichen Zusammensein eine Art Small-Talk über die Kandidaten für eine künftige Papstwahl zu organisieren. Schließlich sind sie seit gestern nun mit neun Kardinälen, von denen sieben wahlberechtigt sind, die zweitstärkste nationale Gruppe Europas, und in solcher Zahl werden die Purpurträger wohl vor dem nächsten Konlave kaum mehr zusammenkommen. Zu ihrem Treffen hatten sie angeblich zwei der wichtigsten Weichensteller des italienischen Episkopats eingeladen: den Chef der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Ruini, eher konservativ, aber an der Spitze der 22 Italiener für künftige Wahlen unentbehrlich, und den als liberal, aber durchaus "papstfähig" eingeschätzten Jesuiten Carlo Maria Martini aus Mailand. Doch die beiden sagten, bedauernd, im letzten Moment ab. Dafür aber hatte sich Glaubenshüter Kardinal Ratzinger, den die meisten am liebsten nicht dabei gehabt hätten, gleich zu Beginn schon eingefunden - und aus war es mit der unverfänglichen Plauderei. Wer dann das Vorhaben an die Presse lanciert hat, ist nicht auszumachen, jedenfalls schleichen die deutschen Glaubensoberen seither mit eher gesenktem Kopf herum, versuchen ihnen doch Wojtyla-nahe Kreise nun das Etikett der Komplottschmiede anzuhängen.

Dass auf diese Weise die Gerüchte weitersprießen, ist klar. Nur langsam kommt unter den Pilgern und Schaulustigen vor dem Beginn des feierlichen Hochamts, zu dem auch die Minister Fischer und Schily aus Deutschland angereist sind, eine Diskussion über die Gesamtveränderungen im Kardinalskollegium in Gang. Die klerikalen Interpreten sehen vor allem einen "klaren Trend zu Repräsentanz aller im Katholizismus vorhandenen oder ihm nahe stehenden Kräfte". Wojtyla habe damit eben nicht, wie man ihm unterstellt, seine Nachfolge bestimmen, sondern gerade den Kreis der Kandidaten vergrößern wollen. Was die Theologie angeht, scheint es mit dem Pluralismus allerdings nicht so weit her zu sein. Sieht man einmal von Lehmann ab, lassen sich nicht viele Kardinäle finden, die sich stark von Wojtylas Glaubenslehren abgrenzen. Allerdings hat der Papst auch eine ansehnliche Anzahl von "Brückenbauern" geadelt - gerade dem deutschen Theologen Walter Kasper als Chef der Kongregation für die Einheit der Christenheit wird in Zukunft, wie Prälat Nevermann weiß, ein viel größeres Gewicht zufallen als den meisten anderen neu Ernannten, ja sogar als dem derzeit als besonders mächtig gehandelten Kardinal Re von der Ernennungskommission für die Kardinäle.

Inzwischen ist die lange Rede des Papstes, deren wesentlicher Inhalt der "Sendungsauftrag" für die neuen Kardinäle ist ("Gehet hin und verbreitet den Glauben, notfalls auch unter Einsatz eures Blutes"), beendet, und das Defilée der Kardinäle, das schon am Tag zuvor bei der Weihe zu sehen war, wiederholt sich: Diesmal streift der Papst den Kardinälen den Ring über. Im deutschen Karree hat man den Eindruck, die meisten würden am liebsten Wetten abschließen, wie der Papst seinen Lehmann heute angucken wird. Tatsächlich wechselt er diesmal wirklich ein paar Worte mit dem Ungeliebten aus Deutschland - und das, obwohl er bei den meisten anderen nur die Ringübergabe-Formel vorgelesen hatte. Bei den deutschen Zuschauern kommt Freude auf. Doch gleich folgt dieser nagende Zweifel: Was hat er ihm gesagt? Es muss ja nicht unbedingt etwas Freundliches gewesen sein.

Es wird vielleicht ewig ein Geheimnis bleiben - wenn Kardinal Lehmann nicht indiskreterweise darüber redet. Aber so, wie der in diesen Tagen nur das Beste über Rom zu sagen findet, wird er wohl für keine Indiskretion gut sein. Und die "Dietrologie" kann weiter blühen.

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