Zeitung Heute : Karre statt Kohle

Mehr Gehalt ist nicht drin? Aber vielleicht ein Firmenwagen oder die Übernahme von Kita-Kosten

Rainer W. During

Gehaltserhöhungen stehen in den meisten Unternehmen im Moment nicht gerade auf der Tagesordnung. Gibt es sie doch, weicht die Freude über die zusätzlichen Euro meist der blanken Enttäuschung. Bei der Abrechnung stellt sich heraus, dass nicht selten die Hälfte des Zuschlags von den sich gleichzeitig erhöhenden Steuern und Sozialabgaben gefressen wird. Auch dem Arbeitsgeber entstehen Zusatzkosten. Zunehmend werden deshalb Alternativen angeboten. In immer mehr Unternehmen können Mitarbeiter Teile bestehender Bezüge umwandeln oder eine Gehaltserhöhung etwa in Form einer Versicherung oder eines Firmenwagens erhalten.

„Meist ist beiden Seiten damit gedient“, sagt Sabine Ehlers von der Steuerberatungsgesellschaft Verhülsdonk & Partner. Während große Firmen die Vorteile der Gehaltsumwandlung zum Teil bereits gut nutzen, würden viele Mittelständler oft noch vor dem Verwaltungsaufwand zurückschrecken. Sie empfiehlt deshalb Arbeitnehmern, bei Gehaltsverhandlungen auf diese Möglichkeiten hinzuweisen. Dazu können auch die Überlassung eines Laptops, die Bereitstellung eines Parkplatzes, die Erstattung von Telefonkosten des Privatanschlusses oder die Übernahme von Kinderbetreuungskosten gehören.

Die Ad Bonum Strategie- und Marketing GmbH befragte für eine Studie im Auftrag der Athlon Car Lease Germany 82 Unternehmen; alle boten ihren Beschäftigten Möglichkeiten zur Gehaltsumwandlung an. Den absoluten Spitzenreiter bildeten dabei mit 96 Prozent Versicherungen. Bei der Allianz Leben machte das Firmengeschäft aus der betrieblichen Altersversorgung im ersten Halbjahr 2005 mit 812 Millionen Euro bereits rund die Hälfte der Neubeiträge aus, so Pressesprecherin Johanna Weber. Dominierte bisher die vom Arbeitgeber finanzierte Altersversorgung, nähert sich der Anteil der Gehaltsumwandlungen inzwischen der 50-Prozent-Marke.

Die Beiträge sind bis zu vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze zur Sozialversicherung (in diesem Jahr 2520 Euro) steuer- und bis 2008 auch sozialversicherungsfrei. „Dazu kommt für seit Anfang 2005 abgeschlossene Neuverträge noch ein zusätzlicher Freibetrag von 1800 Euro“, so Johanna Weber. Wegen des geringeren Vertriebs- und Verwaltungsaufwandes bei Firmenverträgen sind obendrein die Prämien der Versicherer in der Regel günstiger.

2009 läuft die bisherige Altersteilzeit-Regelung aus. Eine interessante Variante der Altersversorgung ist deshalb die Möglichkeit, sich geleistete Überstunden statt einer Erstattung auf einem Lebensarbeitszeitkonto gutschreiben zu lassen. Am Ende seines Arbeitslebens kann der Arbeitnehmer die angesparte Summe dann nutzen, um früher in den Ruhestand zu treten. Seit 2001 sind Arbeitgeber verpflichtet, diese Rücklagen gegen Insolvenz zu versichern. Allein bei der Allianz stieg das Neubeitragsvolumen dieser Verträge von acht Millionen Euro im ersten Jahr auf 104 Millionen Euro in Jahr 2004.

Sachleistungen spielten laut der Ad Bonum-Studie bei gut der Hälfte der Firmen eine Rolle. Bei nur 40 Prozent gehörten Firmenwagen dazu. Allerdings ist die Tendenz steigend. Gerade im Mittelmanagement, das bisher weitgehend von der Dienstwagenvergabe ausgeschlossen war, setzt sich das Modell zunehmend durch, so Senior-Berater Tom Feldkamp von der Kienbaum Unternehmensberatung. Bei einer Umfrage von LeasePlan Deutschland lag der privat nutzbare Dienstwagen mit 50 Prozent deutlich an der Spitze der von Arbeitnehmern gewünschten „Anerkennungsformen“. Es folgten die Wünsche nach mehr Geld (38 Prozent) sowie mehr Urlaub und Freizeit (11 Prozent). Nach einer Emnid-Studie für Budget Car and Van Rental ist außerdem fast jeder zweite Arbeitnehmer zufriedener, wenn er ein Fahrzeug gestellt bekommt.

Während ein Großteil der Firmen das Dienstwagenleasing durch Gehaltsumwandlung leitenden Mitarbeitern vorbehält, rechne sich diese Form der Mitarbeitermotivation oft für alle Angestellten, heißt es bei Athlon. Für die Privatnutzung muss jährlich nur ein Prozent des Bruttolistenpreises versteuert werden. Dazu kommen 0,03 Prozent für jeden Entfernungskilometer zwischen Wohnung und Arbeitsplatz.

Auch andere Leasingunternehmen haben den Markt erkannt. „Wir werden dieses Geschäftsfeld mit Nachdruck weiter ausbauen“, so Hans-Norbert Topp, Vertriebsvorstand der Sixt AG. „Derzeit schulen wir unsere Vertriebsmitarbeiter gezielt, um den Unternehmen steueroptimierte Lösungen für den Gehaltsbaustein Firmenwagen anbieten zu können.“

Wie Athlon will jetzt auch Sixt auf seiner Website einen Vorteilsrechner anbieten, mit dem Arbeitnehmer und Arbeitgeber ermitteln können, welche Vorteile sich im Einzelfall ergeben. Nach einer Musterberechnung für einen Mitarbeiter mit 3500 Euro Bruttogehalt, Steuerklasse 3, einem Kinderfreibetrag und zehn Kilometer Anfahrt zur Arbeitsstätte ergibt sich ein jährlicher finanzieller Nutzen von rund 2000 Euro. Ab 100 Kilometern Entfernung zwischen Wohnsitz und Arbeitsstätte lohnt sich das Firmenwagenleasing in der Regel nicht mehr, sagt Tom Feldkamp. Auch sei das Modell für Firmen mit weniger als 50 Beschäftigten kaum interessant.

Mehr als 1500 der rund 33 000 Mitarbeiter der Eon Energie AG in Deutschland nutzen bereits das so genannte LeasingCar-Modell und verzichten zugunsten eines Pkw auf Teile ihres Brutto-Gehalts. Ferner können die Beschäftigten mit der Entgeltumwandlung eine eigenfinanzierte Altersversorgung aufbauen. „Gesundheit, Familie und Beruf sind für uns ein großes Zukunftsthema“, meint eine Firmensprecherin.

„Jeder außertarifliche Mitarbeiter hat die Möglichkeit, einen Teil seines Gehalts in einen Leasingvertrag für einen Wagen umwandeln zu lassen“, sagt Christoph Bachmair von der Münchner Wacker Chemie GmbH. Mit zunehmender Entfernung der Wohnung zur Arbeitsstätte werde das Modell allerdings unattraktiv. Ferner hat das Personal die Möglichkeit, zur firmeneigenen Altersversorgung „zusätzliche Bausteine“ zu erwerben.

„Wir raten Beschäftigten allerdings, vereinbarte Tariferhöhungen nicht für andere Dinge einzutauschen“, sagt Jörg Wiedemuth von der Gewerkschaft Verdi. Die Übernahme der Kosten für öffentliche Verkehrsmittel oder Kita-Betreuung sei zwar „interessant“, doch bevorzuge man die Aufnahme solcher Regelungen in Tarifverträge, damit „alle etwas davon haben“. Grundsätzlich gelte es, Einsparungen und Kosten, etwa durch den geldwerten Vorteil, genau zu vergleichen. So lohne sich zum Beispiel der Dienstwagen nur für bestimmte Beschäftigtengruppen.

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