Zeitung Heute : Karriere mit Zwischenstop

Feste Arbeit – wechselnde Betriebe. Für viele ist Zeitarbeit zum Weg aus der Sackgasse geworden

Alexander Heinrich

Jens Riedel arbeitet in einem Dreiecksverhältnis. Seit Januar ist der 32-jährige Kommunikationselektroniker bei einem Flugzeughersteller in Hamburg beschäftigt. Sein zweiter Arbeitgeber aber ist Randstad – mit rund 40 000 Mitarbeitern der Branchenprimus unter den Zeitarbeitsfirmen. „Bei Zeitarbeitsfirmen ist Abwechslung garantiert, man schaut in verschiedene Berufsfelder rein.“ Vor seiner Zeit bei Randstad schlug sich Riedel als Elektriker beim Bau durch. Die kleinen Firmen, bei denen er angestellt war, konnten oft den Lohn nicht zahlen oder gingen pleite. Sein heutiger Arbeitgeber überweist ihm pünktlich seinen Lohn.

„Zeitarbeit ist heute kein Makel mehr. Das liegt auch daran, dass diese Branche viel professioneller geworden ist“, sagt Reiner Kinner von der Personalabteilung bei Siemens. Im Werk in Berlin hat man gute Erfahrungen mit Zeitarbeitern gemacht, die vor allem im gewerblichen Bereich als Lagerarbeiter oder in der Verwaltung eingesetzt werden. „Wir haben bereits mehrfach Zeitarbeiter als Festangestellte übernommen. Die Mitarbeiter sind eingearbeitet und wir haben uns schon einen Eindruck von ihnen machen können“, sagt Kinner. Auch der Kontakt zur Zeitarbeitsfirma sei gut: Die Firma hat Räume in der Nähe gemietet und es gibt wöchentliche Treffen mit Siemens, zur Auftragslage und dem Einsatz der Beschäftigten.

„Zeitarbeit ist für beide Seiten, für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer, attraktiver geworden“, sagt Heike Jahn vom Institut für Berufs- und Arbeitsforschung. Das liegt unter anderem an den gesetzlichen Lockerungen, die die Bundesregierung mit den Arbeitsmarktreformen auf den Weg gebracht hat. Leiharbeiter können seither unbefristet an die Auftragsunternehmen überlassen werden. Die Bundesagentur für Arbeit registriert seitdem einen steilen Anstieg um ein Drittel auf 460 000 Zeitarbeitsplätze im Jahr 2005. Im vergangenen Jahr sind nochmals 130 000 neue Stellen hinzugekommen. In Berlin und Brandenburg waren 2005 insgesamt 18 928 Zeitarbeit beschäftigt.

Der Vorteil der Zeitarbeit für die Unternehmen: Sie können bei Auftragsspitzen flexibel auf Arbeitkräfte zurückgreifen, ohne diese gleich fest anzustellen. Aber auch Arbeitnehmer können profitieren, wenn sie nach einer längeren Pause oder aus der Arbeitslosigkeit heraus in der Berufswelt wieder Fuß fassen wollen. „Zeitarbeitsfirmen leisten einen entscheidenden Beitrag zur Integration in den Arbeitsmarkt und zur Standortsicherung“, sagt Heide Franken von Randstad. Nach Auskunft des Arbeitgeberverbandes Mittelständischer Personaldienstleister kommen etwa 60 Prozent aller Zeitarbeiter aus der Arbeitslosigkeit, rund ein Drittel sind Geringqualifizierte. Besonders gefragt sei nach wie vor Personal für Hilfs- und Büroarbeiten sowie Metallberufe. Allerdings vermitteln die Firmen auch zunehmend Akademiker, sagt Werner Stolz vom Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Insbesondere junge und gut ausgebildete Menschen würden Zeitarbeit mittlerweile als Karriersprungbrett entdecken: „Für Hochschulabsolventen ist das eine ideale Möglichkeit in verschiedene Unternehmen reinzuschnuppern, statt unbezahlte Praktika zu machen.“ Denn im Schnitt bleiben Leiharbeiter etwa drei bis fünf Monate bei einer Station. Genau darin liegt aber auch ein entscheidender Nachteil, meint Martina Perreng, Arbeitsrechtlerin beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Zeitarbeitnehmer sind moderne Berufsnomaden. Sie werden dorthin geschickt, wo die Auftragsbücher voll sind und haben kaum Einfluss auf ihren Einsatzort. „Für gut Ausgebildete ist Zeitarbeit sicherlich eine Chance, sich beruflich zu orientieren und zu profilieren. Aber es gibt auch Betroffene, die in eine Schleife rutschen, aus der sie nicht mehr rauskommen.“ Um so wichtiger sei es, sich bei der Zeitarbeitsfirma über die Einsatzbetriebe zu erkundigen und den Arbeitsvertrag aufmerksam zu lesen. Ein weiterer Nachteil: Zeitarbeitsfirmen fordern in der Regel eine Provision, wenn sich ein Unternehmen entschließt einen ihrer Leiharbeiter zu übernehmen – was den Wechsel erschweren kann.

Für Jens Riedel ist dennoch ein Traum in Erfüllung gegangen. Nach einer Schulung wird er bei dem Flugzeugbauer Kabel verlegen und Bordelektronik installieren. „Die Fliegerei hat mich schon immer interessiert. Und jetzt kann ich in diesem Bereich arbeiten – auch ohne Abitur.“

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