Zeitung Heute : Karrieresprung mit Doktorhut?

ROLAND KOCH

Als Beweggrund für einen Doktortitel wird gern ein besonderes wissenschaftliches Interesse angeführt.Aber auch als Einstiegshilfe in den Beruf werden ihm geradezu magische Kräfte nachgesagt.Die beiden Buchstaben vor dem Namen sind bei Fach- und Führungskräften keine Seltenheit, schmücken den Besitzer und das Unternehmen.Andererseits verzögert eine Promotion den Berufseinstieg.Die Argumente für und wider den akademischen Grad wollen also gut bedacht sein.

Daß sich der kleine Unterschied zwischen einem Dipl.- oder Dr.-Abschluß in barer Münze auszahlt, will eine jetzt erschienene Studie des Instituts für Wissenschaftsberatung belegen.Danach ergeben sich schon beim Berufsstart deutliche Einkommensunterschiede."Während ein Diplom-Ingenieur als Berufseinsteiger etwa 70 000 Mark verdient, kann ein Dr.Ingenieur rund 91 000 Mark einstreichen", sagt Frank Grätz, promovierter Leiter des Instituts.Dieser Vorsprung zeige sich auch im späteren Berufsleben und bei Selbständigen wie Rechtsanwälten oder Unternehmensberatern.

"In einigen Berufen ist der Doktortitel geradezu eine Einstellungsvoraussetzung, beispielsweise bei Humanmedizinern, Kunsthistorikern oder Chemikern", erzählt Renate Pieper, vom Hochschulteam des Arbeitsamtes Berlin Südwest.Auch bei Biologen oder Physikern zeichnet sich eine ähnliche Tendenz ab.Aber nicht nur der Doktor-Grad zählt beim Berufseinstieg."Für viele bringt weniger der mit einer Spezialisierung verbundene Titel die erwartete Einstellung als vielmehr ein zielorientiertes, zügiges Studium, das durch Praktika die Anbindung an die Branche sucht", fährt die ebenfalls promovierte Arbeitsberaterin fort."Damit werden auch Eigenschaften wie praktische Erfahrungen, Teamfähigkeit, Sozialkompetenz, Kundenorientierung oder Marketingfähigkeiten ausgeprägt." Solche Qualifikationen vermissen Arbeitgeber bei Hochschulabsolventen häufig - und ein Doktorand lernt sie eher selten, wenn er allein am Schreibtisch vor seiner Arbeit sitzt.

Wer sich dennoch für eine Promotion entscheidet, sollte aber auch das Thema und die Dauer der Arbeit beachten."Mit einem für die Industrie interessanten Thema verbessert man seine Chancen sicherlich.Auch für Bewerber, die in die Lehre oder Forschung gehen wollen, ist der Titel angezeigt", ergänzt Renate Pieper.Steckt man sein ganzes Engagement allerdings in ein theoretisches Thema und arbeitet daran auch noch Jahre lang, wird man seine Chancen in der Regel wohl nicht verbessern.Das trifft am ehesten auf Geistes- und Sozialwissenschaftler zu.

Eine eindeutige, allgemeingültige Empfehlung ist von Fachleuten nicht zu bekommen.Denn was sich bei Langzeitstudenten schnell ins Gegenteil verkehrt, ist für junge strebsame Absolventen vielleicht eine wichtige Einstiegshilfe.Wenn der Schritt in den Beruf aber erst einmal geschafft ist, dürfte der akademische Titel in den seltensten Fällen einer weiteren steilen Karriere im Weg stehen.

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