Karstadt bis Amazon : Virtuell ist ganz real

Alles größenwahnsinnige Versager, kalte Investoren beim Karstadt-Trauerspiel? Wenn es denn so einfach wäre. Denn die Konsumbranche verändert sich. Ein Kommentar.

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Problemhaus: Die Karstadt-Kaufhauskette.
Problemhaus: Die Karstadt-Kaufhauskette.Foto: dpa

Acht Buchstaben für ein nicht enden wollendes Trauerspiel rund um Deutschlands größte und traditionsreichste Kaufhauskette: Karstadt. Im nächsten Akt dürfte das Unternehmen wieder für einen symbolischen Euro verkauft werden, wieder an einen schillernden Investor, diesmal mutmaßlich an den österreichischen Immobilienkönig René Benko, 37 Jahre jung, Ferrari-Fahrer. Steht diese Geschichte Pars pro Toto für das Ende des Geschäftsmodells Kaufhaus, gar für das Ende der Kaufkultur insgesamt? Zwei Mal nein.

Middelhoff und andere

Mit Blick auf die 17 000 Angestellten, die nun um ihre Jobs bangen, weil die Liquidation von Karstadt ein realistisches Szenario bleibt, ist man schnell geneigt, Schuldige zu suchen. Und die Eigentümer und Geschäftsführer der vergangenen Jahre passen gut ins Bild: Da ist der Manager Thomas Middelhoff, der dieser Tage vor einem Gericht in Essen einen Offenbarungseid leisten musste und sich anschließend damit brüstete, dass er den wartenden Reportern entkam, indem er über einen Sprung aus dem Fenster auf eine Garage im Innenhof des Gerichts flüchtete. „Ich bin wie die Katze übers Dach“, sprach er. Das spricht für sich.

Und da ist Nicolas Berggruen, dem bei seinem Kauf der Kette vor vier Jahren alle nur in die stahlblauen Augen schauten und dort seinen Vater sahen, den großen Berliner Kunstmäzen – um dann festzustellen, dass Berggruen Junior auch nur ein kurzfristig orientierter Finanzinvestor ist, der sich gern in der Gesellschaft ehemaliger Staatsmänner sonnt, ansonsten aber alles dafür tut, dass niemand das Geflecht seiner Holding mit Sitz in der Karibik durchschaut. Auch Benko wird diese Rolle ausfüllen. Alles größenwahnsinnige Versager, kalte Investoren? Wenn es denn so einfach wäre.

Nachhaltiges Konzept?

Dass mehr dahintersteckt, zeigt schon die Reaktion der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zu den jüngsten Entwicklungen. Wer auch immer Karstadt künftig besitzt, solle ein „nachhaltiges Konzept vorlegen, das die Standorte und die Arbeitsplätze sichert“, teilte Verdi mit. Soll heißen: Auch dort hat man keinen Schimmer, keine konstruktive Idee, wie die Kette zu retten ist. Das sollte die Angestellten wütend machen.

Den Mitarbeitervertretern Inkompetenz oder gar Tatenlosigkeit vorzuwerfen, wäre indes wohlfeil. Es wirkt mutig, wie sie sich nicht nur bei Karstadt an sterbende Geschäftsmodelle klammern, um jede Stelle kämpfen. Aber auch störrisch, hilflos. Es ist mitunter peinlich zu beobachten, wie Gewerkschaften und Spartenverbände im Dienstleistungssektor neue Entwicklungen torpedieren. So fällt Verdi im Umgang mit dem mächtigen Internethandelskonzern Amazon kaum mehr ein, als regelmäßig dessen Logistikzentren zu bestreiken. Oder man denke an die Taxifahrerinnung, die sich mit Streiks und Sternfahrten gegen den Handy-basierten Taxi-Vermittlungsdienst Uber wehrt. Das sind alles keine klugen Antworten auf die großen Fragen und Strukturprobleme, die sich aus der Funktion des Internets für Dienstleistungen ergeben.

Diffuse Angst

Es gibt in der Bevölkerung offensichtlich eine diffuse Angst vor Digitalisierung und Vernetzung. Es herrscht das Gefühl, dass erst unser Laden, dann unser Leben „ins Internet geht“. So werde irgendwann alles virtuell. Gedanken, Ideen, Besitz: alles dekonstruiert und dematerialisiert, als Einsen und Nullen transportiert, und am Ende wieder irgendwo zusammengefügt. Dieses Gefühl des Kontrollverlustes mag wahrhaftig sein, wie immer in einem Strukturwandel. Doch nichts spricht dafür, dass die Welt, in der wir in der Post-Karstadt-Ära aufwachen, eine schlechtere ist.

Nur weil ein Teil in der langen Wertschöpfungskette eines Produktes digitalisiert wird, heißt das nicht, dass sich das Produkt auflöst. Nicht nur den Angestellten, die heute bangen, sei ein Trost, dass wir Menschen bei allem Streit immer soziale Wesen geblieben sind. Wir wollen essen, trinken, lesen, kaufen – am liebsten in der Gemeinschaft. Indizien dafür: Wir bewegen uns immer mehr, die Mobilität nimmt zu. Die Wirtschaft wächst auf lange Sicht. Ganz real, nicht virtuell.

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