Zeitung Heute : Karten werden neu gemischt

JOACHIM ZEPELIN

Den amerikanischen Softwareriesen Microsoft trifft ein Schlag nach dem anderen.Fast täglich berichten Zeugen im Monopolverfahren der amerikanischen Bundesregierung über die knallharten Geschäftspraktiken der Firma von Bill Gates.Am Dienstag errang das Computerunternehmen Sun Microsystems im Prozeß um die Programmiersprache Java einen Sieg gegen den Giganten aus Redmond.Und nun beginnen die Mut schöpfenden Microsoft-Opponenten, ihren Ärger über den aggressiven Branchenprimus aus dem Gerichtssaal in Geschäftsentscheidungen umzumünzen.So berichten amerikanische Zeitungen von Plänen des weltweit größten Onlinedienst-Anbieters AOL, seinen 15 Millionen Kunden zukünftig zusätzlich zum Internet-Browser von Microsoft auch den von Netscape anzubieten.

"Wieviel müssen wir Euch zahlen, um Netscape rauszuschmeißen? Heute ist Euer Glückstag", hatte Bill Gates Anfang 1996 in einer E-Mail an AOL mit dem Scheckbuch gewunken.Der Internet-Anbieter, der zu dieser Zeit schon fast mit Netscape handelseinig gewesen war, schwenkte kurz darauf um und schloß einen exklusiven Vertrag mit Microsoft.Von da an bekamen AOL-Nutzer die Web-Zugangssoftware von Microsoft auf ihre Festplatten, während Microsoft im Gegenzug allen Windows-Nutzern die Software von AOL auf den Computer kopierte.Jim Barksdale, Chef der Softwareschmiede Netscape, und AOL-Vizepräsident David Colburn hatten kürzlich im Monopolverfahren geschildert, wie Bill Gates 1996 seine Geschäftsabsichten durchboxte.

Der Vertrag zwischen AOL und Microsoft läuft zum Jahresende aus, und Berichten zufolge verhandeln nun AOL und Netscape über eine Zusammenarbeit.Als Ergebnis könnte künftig Netscapes Navigator zusätzlich zum Internet Explorer von Microsoft in die populäre Software von AOL eingeschlossen werden.Denkbar ist auch eine Beteiligung von AOL an Netscape und eine Verbindung der beiden Online-Dienste.Netscape verfügt mit seinem Netcenter über eine der erfolgreichsten Portal-Seiten, die von Netz-Surfern als Einstieg ins Internet genutzt werden.Über diese Spekulationen schoß der Kurs der Netscape-Aktie an der Börse in die Höhe.

Ebenfalls am Mittwoch wurde bekannt, daß Microsoft die Verbindung zu der vom Freund zum Feind gewandelten Softwareschmiede Realnetworks endgültig abbrechen will.Auch Realnetwork-Gründer Robert Glaser, früher lange leitender Mitarbeiter bei Microsoft, gehört zu den Zeugen der Anklage im Monopolverfahren.Die Gates-Firma soll seinen populären Realplayer, mit dem sich Radio- und Videoprogramme über das Internet empfangen lassen, sabotiert haben, um ein eigenes Programm in den Markt zu drücken.Ursprünglich hatten beide Firmen eng kooperiert, Microsoft war im Sommer vergangenen Jahren sogar mit 30 Millionen Dollar bei Realnetworks eingestiegen.Dieses Aktienpaket, das inzwischen rund 140 Millionen Dollar wert ist, soll nun verkauft werden.

Nach der einstweiligen Verfügung vom Dienstag, die Microsoft verbietet eine eigene Version der Programmiersprache Java zu vertreiben, kündigten Firmensprecher an, dem vorläufigen Urteilsspruch zu folgen.Das Gericht läßt Microsoft 90 Tage Zeit, die Originalversion von Sun in Windows, den Internet Explorer und andere Programme einzubauen.

Als ob es nicht genug Ärger mit Gerichten und Wettbewerbern geben würde, haben in dieser Woche freie Mitarbeiter von Microsoft Klage gegen ihren Arbeitgeber eingereicht.Sie wollen wie ihre festangestellten Kollegen Anrechtsscheine auf Aktien, Kranken- und Rentenversicherung bekommen.

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