Kastanienalle : Das Protestvirus

Hilfe, eine neue Gruppe geht um! Im Netz formiert sich Widerstand gegen den Umbau der Kastanienallee – in Prenzlauer Berg weht ein eisiger Wind. Eine Dokumentation.

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Draußen sitzen, bis es friert. Ein Privileg der „Castingallee“: Aus der ersten Reihe hat man die beste Sicht auf spanische und schwedische Passantinnen. Doch wie lange noch? Die Gehwege sollen schmaler werden.
Draußen sitzen, bis es friert. Ein Privileg der „Castingallee“: Aus der ersten Reihe hat man die beste Sicht auf spanische und...Foto: IMAGO

Wer Kastanienallee hört, denkt an die Vielfalt Berlins: Punks in ehemals besetzten Häusern, Mädchen in Straßencafés, die Bionade-Bohème in sanierten Altbauten, an Modeläden, breite Fußwege, polyglottes Gemurmel und Tram-Gebimmel. Die „Castingallee“ in Prenzlauer Berg und Mitte steht für den Traum vom friedlichen Miteinander der Zugezogenen und Ur-Berliner.

Doch nun ist diese Harmonie in Gefahr: Die Allee muss saniert werden, das hat die Bezirksverordnetenversammlung Pankow beschlossen. 2008 schlug der Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Die Grünen) vor, die Bürgersteige zu verkleinern, die Straße zu verbreitern und damit die Bahn zu beschleunigen. Im Januar sollte mit dem Umbau begonnen werden, doch er wurde auf Anfang März verschoben.

Der Grund: Anwohner und Gewerbetreibende wehren sich. Wie es sich für einen Trendbezirk gehört, gründen sie eine Facebook-Gruppe. Aber im Schutz der virtuellen Welt schlagen die Wogen hoch. Der Fahrradfreund kämpft gegen den Gastronomen, der Ossi gegen den Wessi. Wir haben einen Monat lang die hitzige Debatte verfolgt. Aus rechtlichen Gründen sind die Namen aller Teilnehmer verändert worden. Einige Texte sind zum besseren Verständnis gekürzt abgedruckt.


6. Dezember

THORSTEN MEHRWALD hat die Gruppe „Stoppt Kastanienallee 21“ gegründet

Das Bezirksamt will ab März 2011 die Kastanienallee umbauen: Nein zur Zerstörung der Kastanienallee! Nein zu Parkplätzen auf dem Bürgersteig! Nein zu zwei Jahren Baustelle! Nein zur Hauptverkehrsstraße! Nein zur Bevormundung! Nein zum Ordnungsamt-Terror! Ja zum Bürgerentscheid!

11. Dezember

MARKUS FETTE Nein zur Zerstörung der Kastanienallee? Ist doch schon im Arsch! Wenn man sich das provinzielle Wohnpublikum aus dem monopolkapitalistischen Ausland da ankiekt.
GRÄFIN KUMMER Was ist denn das „monopolkapitalistische Ausland“ – und wie taugt es als Grundlage für Gentrifizierungskritik?

CHRISTOPH NERTZ Die Frage ist schon, ob der Austausch der Bewohnerschaft in den letzten 20 Jahren zur sich heute dort präsentierenden Gentry oder die nun „angedachte Abänderung“ der Aufhübschungsplanung des Bezirks Pankow die Straße zerstört hat. Allerdings sieht die vorliegende Bauplanung die Zerstörung des baulichen Zuschnitts der letzten 120 Jahre vor, vollzieht aber nur praktisch, was der Markt mit der Wohngegend bereits vollzogen hat.

MARKUS FETTE Die Kastanie hat ihre Ursprünglichkeit bereits mit der Immigration bundesdeutscher Provinzler verloren. Trotzdem bin ick gegen die Umgestaltung zur Durchgangsstraße, wie man es im pupsigen Spießerhausen gewohnt is! Fußgängerzone ist wohl die Antwort.

PETER BUNZ Von mir aus können sie die ganze Kastanienallee abreißen! Kein Ossi mehr zu sehen! Sieht aus wie in Göttingen.

SCHNITZELSTELLE Uff Krawall jebürstet, wa?

GRÄFIN KUMMER Geht’s um Ossis gegen Wessis oder Freiraum vs. Profit?

MARKUS FETTE Is doch dit Gleiche ...

SEBASTIAN RIESIG Dit is keen Wessi-gegen-Ossi-Ding, aber dit war unser Kiez. Und jetzt können wa die Mieten nicht mehr bezahlen, weil wir nicht über die fetten Erbschaftskonten von Omi und Opi aus dem Ländle verfügen, die uns unsere Eigentumswohnung finanzieren.

JAN BRUNS Wenn wir jetzt hier anfangen, unsere Befindlichkeiten und Ressentiments zu pflegen, erreichen wir gar nichts. Hier geht es nicht um Ossi gegen Wessi, Yuppie gegen Assi, Touri gegen Homie, sondern nur darum, einen total beknackten Umbau zu verhindern!

PETER BUNZ Darum geht es für dich, für andere ist der Kuchen schon gegessen! Kastanie als Schwuchtelmeile für westdeutsche Dörfler? Dann lieber abreißen!

GRÄFIN KUMMER Wenn „Schwuchtelmeilen“ das Problem sind, bin ich für 5000 Stück in Berlin. Damit homophobe Würstchen sich sonstwohin verpissen.

MARKUS FETTE Ick glaube nicht, dass Schwuchtelmeile so jemeint is, aber ick glaube zu wissen, welches Publikum sich anjesprochen fühlen sollte: Röhrenjeans auf halbachte, Sportballerinas, dieses ganze Pseudo-Indie-Pack halt, diese Latte-Schlürfer.

JAN BRUNS Diese Gruppe hat sich gegründet, um den von der BVV beschlossenen Umbau der Kastanienallee zu verhindern. Wenn ihr den Kapitalismus abschaffen, die Mode- und Trinkgewohnheiten auf der K-Allee diskutieren wollt, gründet eine Gruppe dafür. Unsere Vorschläge sehen so aus: Bürgersteige bleiben in jetziger Größe nur für Fußgänger erhalten, der Verkehr, auch der Straßenbahnverkehr, wird verlangsamt, die Radfahrer dürfen privilegiert in der Mitte der Straße fahren, das Überqueren der Straße wird für Fußgänger leichter gemacht …

PETER BUNZ Wo wart ihr eigentlich, als sie den Knaack geschlossen haben? Der älteste Club wurde wegen eines Neubaus geschlossen – das war Horror!

MARKUS FETTE Trinkgewohnheiten, Pseudostil, Ausverkauf der K, westbürgerliches Spießertum und Kapitalismus, das hängt doch allet zusamm’.

SCHNITZELSTELLE Ich lach mich schlapp.

14. Dezember

MORITZ RABENSAAT Mein Vorschlag für die Kastanienallee: Wöchentliche Miss-Wahlen, Schließung aller T-Shirt- Läden und Ansiedlung eines Dries-van- Noten-Flagship Stores! (...) Galeristen der Welt, zieht nicht in die Potsdamer Straße, gentrifiziert lieber uns.

15. Dezember

THOMAS LENZ Stoppt Kastanienallee 21! Schwerter zu Pflugscharen! Kastanienallee zur Fußgängerzone!
THOMAS LENZ Gute Demokratie läuft so: Die Ämter planen, fragen dann den Bürger, diskutieren und ändern, fragen wieder den Bürger, bis es eine gute Lösung gibt, und dann wird das Projekt öffentlich ausgeschrieben.

SCHNITZELSTELLE Eine Fußgängerzone ist der Tod. Aus welcher Kleinstadt kommst du denn?

DANIEL STRICK Er will dir doch nur mehr Peoples in die Oderberger bringen, dit geht mit ’ner Fußgängerzone sehr jut! Dein Laden is nah an der Choriner, soll heißen, dass du die zwei Meter zum Beladen deines Kühlschranks ja wohl laufen kannst!

THOMAS LENZ Fußgängerzonen bringen erwiesenermaßen mehr Leute in die Straße, erhöhen die Lebensqualität und bringen damit mehr Umsatz in die Läden. Ich bin Berliner seit 1960. Und du?

SCHNITZELSTELLE Ich bin Leipziger seit 1970 und wohne hier seit 1992.

GRÄFIN KUMMER Jetzt richtet man sich in der Symbolwahl an den Stuttgart-21-Protesten aus, ganz toll. Und TL geht es darum, dass Umsätze in die Läden kommen. Ich bin hier raus. Das ist Bürgerprotest für Snobs.

DANIEL STRICK Die Demo wird nichts bringen … Vielleicht können mit dem Begehren noch Feinheiten und Verbesserungen durchgesetzt werden. Im März kommen die Bagger, das rüttelt keiner mehr weg!

PETER BUNZ Schon mal protestiert? Früher ging es auf der Straße ab, Knast war normal. Was soll der Scheiß hier?

THOMAS LENZ Wir leben in einer kapitalistischen Welt. Alles hängt mit allem zusammen. Warum wurde die Parkraumbewirtschaftung in Prenzlauer Berg eingeführt? Keiner der Anwesenden in der BVV hatte eine Idee, wie man den Haushalt ausgleicht. Warum wird jetzt die K-Allee umgebaut? Weil die Baufirmen die Profiteure sind!

SUSANNE SEIDEL Warum die Parkraumbewirtschaftung eingeführt wurde? Das kann nur jemand fragen, der entweder nicht hier wohnt oder kein Auto besitzt. Anwohner müssen nach 17 Uhr am Ende der Welt parken und eine halbe Stunde zu Fuß nach Hause laufen.

18. Dezember

PETER BUNZ hat einen Link der Welthungerhilfe gepostet

Vielleicht mal ein richtiges Problem in Angriff nehmen!

DOROTHEA KRANZ Für die Demo heute wird noch ein Twitterhashtag benötigt. Ideen? SK 21? STKA 21? Berlin21?
THORSTEN MEHRWALD Was mit K21 wäre toll!

DOROTHEA KRANZ Ich habe jetzt #K21 als Hashtag eingegeben. Leider habe ich kein vernünftiges Handy und kann nicht von unterwegs berichten. Wir kommen dann gegen 15.10 Uhr.

20. Dezember

THOMAS LENZ Vor meinem Haus ist noch Platz für zwei Bäume. Sollen wir da welche hinpflanzen, so als Protestbäume?

THORSTEN MEHRWALD Sehr schön! Lass uns daraus die nächste Aktion machen. Kastanienbäume mit 8 bis 10 Zentimeter Stammdurchmesser bekommt man schon für 80 Euro. Der Boden sollte allerdings frostfrei sein.

THOMAS LENZ Ist klar. Wir sammeln ein bisschen Geld und beauftragen dann eine Firma, die das machen soll!

HANS TEUFEL Eine Firma beauftragen? Ja, wollen wir mal sehen, ob in der Kastanienallee noch Menschen wohnen, die mit dem Spaten umzugehen wissen.

DOROTHEA KRANZ Wer ist heute Abend bei dem Treffen dabei?

DIRK PETZOLD Das Treffen ist um 20 Uhr unter dem Namen AG Kastanie in der GLS-Sprachschule.

DOROTHEA KRANZ Da sollte jemand von euch unbedingt erscheinen, wichtig für euren Protest ist eine klare Handlungsplanung. Einzelaktionen bringen nicht viel.

JAN BRUNS Ich finde, wir sollten uns von dem Schlichtungs- und Kompromissgerede nicht den Kopf verdrehen lassen. Es gibt einen Beschluss der BVV, der ist schlecht und muss vom Tisch. Unsere Forderung ist: keine Autos auf den Bürgersteigen, Fahrradweg zwischen den Schienen, dadurch Verkehrsverlangsamung, Tempo 30 auch für BVG, viel weniger Baustelle, weniger Geld ausgeben.

DANIEL STRICK Fahrradweg zwischen den Schienen ist ein wohl nicht ganz zu Ende geträumter Albtraum ... Ich setze mich für die Schwächsten in dieser Sache ein – und das sind die Radfahrer. Alles andere mit den Bürgersteig-Parkplatz-Gastro-Interessen ist sekundär!

JAN BRUNS Die Kastanienallee mit Theater, Kino, kleinen Läden, Kneipen, Kinderläden ist im Bezirk Pankow eine einzigartige Flaniermeile. Eine gute Transitstrecke für Fahrradfahrer ist sie nicht, da es weder an der Eberswalder noch am Rosenthaler Platz eine vernünftige Anbindung gibt und die wirklich gefährliche Kreuzung an der Zionskirchstraße unangetastet bleibt, da sie bereits in Mitte liegt. Ich glaube nicht, dass sich die Fußgänger gegen die Radfahrer ausspielen lassen sollten.

DANIEL STRICK Die Fahrradfahrer müssen von den Schienen. Es gibt keine Straße im Umkreis von zwei Kilometern, wo es dem Fußgänger besser geht. Autos haben sich zu fügen ... Für die Gastros: alles Einzelfälle! Ich kann als Radfahrer keine Terrassenfläche, mit der Umsatz gemacht wird, befürworten, wenn meine Sicherheit darunter leidet! Deshalb halte ich es für richtig, dass Gastronomen sich zurückhalten, wenn es um Verkehrssicherheit für alle geht.

HANS TEUFEL Hab’s gestern leider nicht zur offenen Runde geschafft. Aber ihr diskutiert ja, als würde sich am Ob und Wie der Baumaßnahmen gleichsam das Schicksal der Welt entscheiden.

CHRISTOPH NERTZ Ich bin heute mal wieder zwischen den Schienen zügig fahrend von einem „BVG-Schumi“ die K-Allee langgetrieben worden. Autofahrer, die sich so auf der Autobahn verhalten, bekommen Punkte in Flensburg und Fahrverbote. Verkehrsregeln sowie Verkehrsüberwachung gilt für diese Berufsraser scheinbar nicht, sondern nur die Fahrplanhetze. Der Zeitgewinn einer beschleunigten Tram im Bauabschnitt zwischen Schwedter und Eberswalder liegt praktisch weit unter einer Minute.

21. Dezember

DANIEL STRICK Das Folgende habe ich heute Morgen von DIRK PETZOLD im Briefkasten gefunden. Was soll ich tun?
Endlich weiß ich, wer du bist. Du bist einer von den Schwaflern. Schön ab mittags auf der Straße rumstehen und dann Unsinn labern, bis der Arzt kommt. Oh, aber jetzt ist es kalt und du sitzt schön zu Hause vorm Computer und hast endlich wieder jemanden, der dir zuhört. Nicht mit uns! Behalt deinen CDU-Quatsch für dich! (...) Wenn hier jemand nix zu suchen hat, bist das eher du und nicht wir, weil ich schon vor 30 Jahren durch die Kastanienallee spaziert bin, als du noch Kühe hüten musstest! Vielleicht gehst du lieber wieder in dein Nest zurück. Da kannste dir mit dem ADFC-Typen ein Häusle und deinen eigenen Fahrradweg bauen.

MARKUS SCHOLZ Kenne die aktuellen Pläne (noch) nicht, ich fände jedoch die Möglichkeit einer Tiefgarage auf dem bisherigen Parkplatz zwischen Eberswalder und Oderberger Straße interessant – so à la Alexanderplatz, nur etwas kleiner, natürlich.

DANIEL STRICK Tiefgarage war wirklich schon Thema, kein abwegiges!

CHRISTOPH NERTZ Auch die unterirdische Tram sollte für K21 doch verlockend sein.

HANS TEUFEL Unterirdischer Parkplatz? Unterirdische Tram? Stuttgart 21 im Prenzlauer Berg? Oben bleiben!

ALEXANDER PFAFF Es gibt zum Thema Tiefgarage ein Gutachten. Das zog das Fazit, dass so ein Parkhaus nicht wirtschaftlich ist. Hauptgrund ist die mangelnde Akzeptanz der Bevölkerung: Die Leute parken lieber umsonst im öffentlichen Raum.

MARKUS SCHOLZ Dann sollte schnell ein Umdenken stattfinden. (…) Die Zeiten, in denen öffentlicher Raum kostenlos war, sind längst vorbei. Ich empfinde den Parkplatz in seiner jetzigen Form als unwirtschaftlich. Das Grundstück hat sicher den tausendfachen Marktwert als bei der bisherigen Nutzung. (...) Und noch eines: Es kann nicht sein, dass die Autos dem Fuß- und Fahrradvolk noch mehr Platz wegnehmen. Wenn zentral ein größerer Parkplatz geschaffen wird, bedeutet dies, dass mehr Menschen einen längeren Fußmarsch auf sich nehmen (müssen), was sich positiv auf die Läden in der Umgebung auswirkt, weil die Bequemlichkeit abnimmt und das Sichtfeld für die schönen Dinge im Leben erhöht wird. In diesem Sinne – frohes Fest.

HANS TEUFEL hat einen Link gepostet
Frohes neues Jahr!

Das nächste Treffen von Vertretern des Bezirksamtes Pankow und Betroffenen findet am 13. Januar statt.

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