Zeitung Heute : Kastilien: Alte Städte voller Lebenslust

Brigittte Jurczyk

Wenn der Sommer sich neigt und die unerbittliche Hitze einer herbstlichen Kühle weicht, breitet Zentralspanien seinen wahren Reichtum aus: Die Landschaft gibt ihre Weite frei, die Städte locken mit ihren kulturhistorischen Schätzen, und Küche wie Keller bereiten Gaumenfreuden der besonderen Art. Endlose Weite. Weite, die das Auge öffnet, den Blick schweifen lässt bis zum Horizont. Über Felder, die nicht enden wollen, stoppelig wie ein Drei-Tage-Bart. Dazwischen Felsbrocken wie dahingeworfen von einer großen Hand. Graue Steinmauern durchziehen die Landschaft - Boten aus einer längst vergangenen Zeit. Und schwarze Rinder suchen nach den letzten Resten von Grün: Die Sonne des kastilischen Sommers hat die Ebene versengt.

Hier hat es immer schon so ausgesehen. Avila empfängt den Reisenden wie vor 900 Jahren mit seiner schützenden, Angreifern trotzenden Stadtbefestigung. 88 Türme ragen in den grauen Himmel. Einst sollte die Stadtmauer die Angriffe der Mauren abwehren. Heute wird sie selbst, nebst innenliegender Altstadt mit der Kathedrale San Salvador, der ältesten gotischen Kirche in Spaniens, geschützt: Die Unesco hat das Ensemble zum unverzichtbaren Weltkulturerbe erklärt. Avila genießt auch den Schutz der Heiligen Teresa, die hier 1515 in einem reichen Haus geboren wurde.

Ein Ort der Andacht: Außerhalb der Stadtmauern, an der Straße nach Salamanca, findet man den "Humilladero", einen von Säulen umstandenen Aussichtspunkt, der den Blick freigibt auf die Stadtsilhouette von Avila.

Korkeichenwälder ziehen sich entlang dem Weg nach Salamanca. Sonne wechselt sich mit dunklen Wolken ab, und ein Regenbogen spannt sein Farbenspiel über die goldene Ebene. Ein ausgedorrtes Flussbett windet sich unter ihm hindurch. Dann kommen die Sonnenblumenfelder, kilometerlang, reif zur Ernte. Die Nacht ist hereingebrochen, als wir Salamanca erreichen. Doch die Stadt schläft nicht. Sie ist quirlig und laut. Jung halten sie die vielen Studenten, die eine der ältesten Universitäten Europas besuchen: Schon 1218 entstanden hier die ersten Universitätsgebäude.

Im Restaurant "El mesón" ist um 22 Uhr jeder Platz besetzt. Fisch wird serviert - vom Feinsten und frisch, und das obwohl das Meer noch so weit entfernt ist. Gleich daneben liegt die Plaza Mayor wie eine riesige Bühne, umgeben von einer geschlossenen Fassadenfront mit Arkaden aus dem 18. Jahrhundert, an die sich Cafés mit ihren unzähligen Tischen und Stühlen anlehnen. Hier wiederholt sich jeden Tag ein Schauspiel, in dem die Akteure gleichzeitig das Publikum sind. Dieser große Platz ist das Herz der Stadt. Und das Herz schlägt laut und kräftig, jung und lebenslustig, so wie einst das der italienischen Königin Isabella Farnese, deren französischer Mann Philipp V. Salamanca die Plaza Mayor schenkte.

Soviel Lebenslust bekommt einer Stadt gut, die sonst ein eher geistiges Leben führt. Denn neben der Universität prägen der Bischofssitz, zwei Kathedralen und unzählige Kirchen und Klöster aus allen Stilepochen die Stadt am Tormes, deren Reize bereits die Römer priesen.

Prenados, die "Schwangere" wird aufgetischt, das ist ein mit Wurststücken gefüllter Brotteig, eine kleine Stärkung auf unserem Weg weiter westwärts nach Zamora bis kurz vor die portugiesische Grenze.

Hoch oben auf einem Hügel über dem Duero liegt die Stadt, die jetzt über Mittag wie ausgestorben wirkt. Selbst im Parador, dem ersten Hotel am Platz, ist von Betriebsamkeit nichts zu spüren. Das Vier-Sterne-Haus - ein Renaissancebau aus dem 15. Jahrhundert - ist im ehemaligen Palast des Grafen von Alba und Aliste untergebracht. Ein Hauch von Mittelalter durchweht die Flure, Zimmer und Säle, in denen man auf Ritterrüstung, Wappen und schwere Wandteppiche trifft. Einen kurzen Spaziergang von hier entfernt sind die Requisiten aufbewahrt, die Zamora jedes Jahr kurz vor Ostern zu einer Berühmtheit machen: Die "Pasos", die Prozessionswagen mit Szenen der Passionsgeschichte, die in der Karwoche durch die Straßen der Stadt getragen werden. In der übrigen Zeit des Jahres sind sie im Museo de Semana Santa ausgestellt. Samurah, "Stadt der Türkise", haben die Mauren Zamora genannt. Die Stadt macht ihrem Namen alle Ehre, als sich der Tag mit einem schillernden Lichtspiel über dem Duero verabschiedet.

Der Fluss führt uns weiter Richtung Osten, gibt den Weg vor entlang von Weinhügeln und abgeernteten Zuckerrohrfeldern. Hier und dort Wälder, in denen noch Wölfe und Wildschweine leben sollen. Das macht Hermenegildo Garcia de la Tiedra, dem 77 Jahre altem Landwirt aus Toro, keine Angst. Tief unter seinem Haus lagert der Winzer aus Leidenschaft seinen Wein in Gewölben, die schon die Römer anlegten: "Wenn Du Rotwein verschüttest, musst Du Deine Finger hineintauchen und Dir damit an die Stirn tippen. Das bringt Glück!", verrät er schmunzelnd das Geheimnis seines fröhlichen Lebens. Welch glückliche Stadt: Unter jedem Haus ein Weinkeller, selbst unter dem Rathaus! "Mit Wein und Brot kann man den Weg fortsetzen", steht dort geschrieben.

Wie eine bleierne Decke hängt der graue Himmel an diesem Tag über Kastilien. Bildet einen düsteren Hintergrund für das Castilio de la Mota, das sich auf einem Hügel inmitten der mittelalterlichen Stadt Medina del Campo erhebt. Als Zeichen der Macht weithin sichtbar, thronten einst die Katholischen Könige hier.

Der Weg nach Segovia führt durch Nava de la Asunción. Es wird grün auf dem Weg dort hin. Pinienwälder umgeben die Straße, die leicht zu den Cordillera central ansteigt. Und dann liegt sie endlich vor uns, die Schöne, die Besondere, die Verehrte, die Gepriesene. Wie wird sie uns beeindrucken? Mit ihrem weithin sichtbaren Aquädukt aus Granit, der zweibögig in den Himmel ragt, von den Römern angelegt und noch bis vor wenigen Jahren das Wasser von den Bergen in die Stadt bringend? Oder wird sie uns locken mit dem Duft von auf Buchenscheiten gerösteten, knusprigen Spanferkeln? Oder verzaubern mit der Stille ihrer Kirchen? Oder protzen mit Alcázar, der Burg, die einst Könige beherbergte? Wir werden uns einfach in ihren Bann schlagen lassen.

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