Zeitung Heute : Katastrophen einer Straßengöre

VANESSA LIERTZ

Tiefe Töne, aus einem kleinen Leib herausgeschleudert: Maria Bill als Edith Piaf im Schloßpark-Theater - Ihr Bett ist ein einsamer Ort, ihr Beruf das MikrofonVANESSA LIERTZEin französischer Chanson ist einfach gestrickt.Es geht um Gefühle, um Liebe und Schmerz, manchmal um katastrophale Geschichten.Wenn aber der Sänger seine Kunst beherrscht, dann scheint dem Zuhörer nichts so richtig schrecklich zu sein, ist doch die Melodie so leicht, so beschwingt, so schön.Obwohl sich manche Chansonisten auch ihren eigenen Kummer von der Seele singen.Edith Piaf hat einmal gesagt: "Ich bin eine Liebende, mein Lied muß traurig sein, es muß ein Schrei aus dem Herzen sein, es ist mein Leben." Weil zahlreiche Tiefschläge das Leben der Piaf kennzeichnen, dürfte ihr dieses Credo nicht schwergefallen sein.Vielleicht ist auch deswegen das, was die Piaf mit ihrer Stimme vollbrachte, unbeschreiblich. Genauso unbeschreiblich aber ist es, wenn sich eine andere Frau auf die Bühne stellt, behauptet, die Edit Piaf zu sein - und überzeugt.Zwei Stunden lang imitierte Maria Bill im Schloßpark-Theater die verstorbene Französin und riß ihr Publikum mit.Zum zweiten Mal ist die Schweizerin in diese Rolle hineingeschlüpft.1982 hatte Bill den "kleinen Spatz" in der Freien Volksbühne imitiert, nach 15 Jahren Pause hat nun ihr Mann, Michael Schottenberg, den Abend neu inszeniert - einfach, gekonnt.Das Privatleben der Künstlerin beispielsweise ist ihr Bett, ein einsamer Ort, an dem sie schläft, trinkt, telefoniert oder sich von ihren Liebhabern (mal eklig, mal lieb: Günter Barton) verabschiedet.Ihr Beruf ist das Mikrophon. Maria Bill verzaubert mit ihrer Stimme, deren Timbre ziemlich ähnlich ist wie das der Piaf.Wie jene vermag auch die Bill tiefe Töne mitreißend aus ihrem kleinen Körper herauszuschleudern.Zugegeben, die Piafsche Stimme war ein wenig weicher.In jedem Falle aber hat auch die Bill Charisma.Außerdem spielt sie gut.Wunderbar ahmt sie Gesten und Mimik der Legende Piaf nach, während sie deren Leben mit pointierten Szenen auf der Bühne skizziert.Vor uns liegt, hüpft, lacht, singt oder brüllt eine attraktive Frau, ein kleines Energiebündel, nie die Grande Dame, sondern eine mitunter drollige Straßengöre, deren Lebensgeschichte berührt wie ihre Lieder. Schloßpark-Theater: , täglich 20 Uhr außer sonntags und montags bis 1.11, außerdem am Sonntag, dem 2.11.

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