KATASTROPHENFILM„The Happening“ : Die Rache der Natur

Martin Schwickert

Bauarbeiter stürzen sich reihenweise vom Gerüst. Ein Mann legt sich vor eine laufende Mähmaschine. Ein Cop erschießt sich auf offener Straße mit seiner Dienstpistole. Wie von unsichtbarer Hand geführt, begehen die Menschen Selbstmord. Der Suizid-Effekt ist ein wirkungsvoller Auftakt für M. Night Shyamalans neuen Mystery-Thriller „The Happening“.

Seit seinem bahnbrechenden Kassenerfolg „The Sixth Sense“ oszilliert Shyamalans Werk zwischen spirituellem Schnickschnack und esoterischer Zivilisationskritik. Erneut ist die Geschichte in der Zwischenwelt jenseits der menschlichen Ratio angesiedelt. Die Natur selbst wendet sich gegen den Menschen, um sich vor weiterer Zerstörung zu schützen. Ein von Pflanzen abgesonderter Stoff setzt die Überlebensinstinkte der Menschen außer Kraft. Im Mittelpunkt steht, wie in fast jedem Katastrophenfilm, eine Kleinfamilie, deren Seelenheil es zu retten gilt. Aber das Dreierpack, das Shyamalan durch die Apokalypse schickt, ist mit „dysfunktional“ nur unzureichend beschrieben. Der Biologielehrer Elliot (Mark Wahlberg) und seine Frau Alma (Zooey Deschanel) sind ein Paar am Rande des Ehezusammenbruchs. Auf der Flucht vor der Epidemie nehmen sie die verwaiste Tochter eines Freundes auf und sind von der plötzlichen Elternschaft sichtlich überfordert.

Mit schrägem Humor werden die Heldenklischees des Genres karikiert, wenn Shyamalan das kriselnde Liebespaar im Angesicht des herannahenden Todes ihre emotionalen Banalitäten herausstottern lässt. Auch im Nebenfigurenensemble fehlt es nicht an grotesken Charakteren, die jedoch allesamt viel zu schnell auf dem Opferaltar abgelegt werden. Erst in der Zielgeraden verliert sich der Film mit einer unentschiedenen, doppelten Schlusswendung im Fahrwasser der Konventionen.

Auch wenn die ökopolitische Botschaft durch das Einblenden von Nachrichtensendungen allzu deutlich formuliert wird, entwickelt „The Happening“ als Genreskurrilität durchaus subtile Verstörungskraft. Dass der Film Shyamalans Comeback an den Kinokassen einläutet, darf bezweifelt werden. Aber vielleicht landet er, wenn die Hollywoodstudios ihren verlorenen Sohn fallen lassen, endlich dort, wo er eigentlich hingehört: im Independentkino, wo er mit kleineren Budgets und größerer künstlerischer Freiheit wieder zu sich selbst finden könnte. Verstörender Endzeitthriller. Martin Schwickert

„The Happening“, USA 2008, 90 Min.,

R: M. Night Shyamalan, D: Mark Wahlberg, Zooey Deschanel, John Leguizamo

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar