Zeitung Heute : „Katzen auf die Weide treiben“

In einem fremden Land Sportsendungen und TV-Werbung zu sehen, kann ungemein nützlich sein

Rudi Kulzer

Hast Du gestern gesehen, wie Jerry Rice diesen „Holy-Mary-Pass“ noch gefangen und den „Touch-down“ zum Sieg gemacht hat? Kann man so am Montag morgen mit amerikanischen Managern mit der Firmenkaffeetasse in der Hand im Meeting-Room reden, ist das Eis rasch gebrochen. Dann ist man trotz eines deutschen Akzents oder nicht korrekter Grammatik nicht mehr einer von Übersee, sondern in die emotionale Bruderschaft der Geschäftsleute im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufgenommen.

Zur Erklärung für deutsche Leser: Bei dieser kurzen Phrase geht es um American Football. Jerry Rice ist einer der bekanntesten „Wide Receiver“ (eine Art Stürmer), eine „Heilige Maria“ ist im Football ein langer Verzweiflungspass tief in den gegnerischen Raum und mit einer „Niederlegung unten“ macht man sechs Punkte. Sport ist wichtig in der Umgangssprache amerikanischer Geschäftsleute. Dabei reden nicht nur Männer so. Auch der wachsenden Zahl von Businessfrauen sind diese Ausdrücke geläufig, denn Sport wird im College groß geschrieben. Ausdrücke aus dem Sport haben daher ihren Eingang in die Alltagssprache im Büro gefunden. Der bekannteste ist der „Sales-Pitch“ als Ausdruck für intensive Verkaufs(Sales)bemühungen. Der Pitcher ist beim Baseball der Spieler auf dem Hügel, in der Mitte der Raute, der den Ball zum Schlagmann wirft.

Es gilt also, möglichst viele Ausdrücke der Alltagsprache zu beherrschen, will man in Business Talks vom Gesprächspartner nicht als Ausländer abgrenzt sein. Das Blättern in Wörterbüchern für „idiomatische Ausdrücke“ ist hier hilfreich. So heißt etwa „auf den Arm nehmen“ auf Englisch „to pull on legs“, also auf die Beine. „Einen Sack Flöhe hüten“ für schwierige Situationen mit Gruppen nennt man in den USA „to herd cats“ (Katzen auf die Weide treiben). Dazu gab es sogar eine TV-Werbung des IT-Systemhauses EDS, in der zerkratzte Cowboys – oder besser Catboys – eine Herde Katzen trieben.

Apropos! Fernseh-Werbung ist ein vorzügliches Medium, in einem fremden Land rasch die Alltagssprache zu erlernen. Der Grund: Bilder und Worte erscheinen häufig zeitgleich auf dem Bildschirm und werden eindringlich wiederholt. Da Menschen in Bildern denken, bleibt das Gelernte im Gedächtnis. Gerade wer TV-Werbung nicht mag, kann sie im Ausland nützlich missbrauchen.

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