Zeitung Heute : Kaufhaus Internet

WILFRED LINDO

Wieder einmal macht sich Goldgräberstimmung in der Computerbranche breit.Euphorisch feiert man die Ankunft des elektronischen "Messias".Die Lösung für alle Probleme lautet Electronic Commerce.Vorbei ist die Durststrecke.Die nächsten fetten Jahre brechen an.Unternehmen und Marktforscher überschlagen sich, wenn es um Marktprognosen und Wachstumsraten geht.Der Zukunft gehört dem virtuellen Kaufvergnügen im Internet, darüber sind sich fast alle einig.Die Medien stürzen sich auf die ersten Online-Millionäre, die stolz satte, schwarze Zahlen im Internet schreiben.Kaum ein Unternehmen wittert nicht das große Geschäft.So ist dann auch fast jeder Wirtschaftszweig mit seiner Homepage vertreten.

Doch ist wirklich alles Gold, was glänzt? Hat die Branche wieder einmal die Rechnung ohne den Kunden gemacht? Was jenseits des großen Teichs angeblich längst zum Alltag gehört, will in unseren Landen noch nicht so recht in Gang kommen.Sicherlich sind einige Produkte gerade dazu geschaffen, via Internet an den Mann oder die Frau gebracht zu werden.Der virtuelle Buchladen, der elektronische Software-Vertrieb oder die Online-Zeitung haben sicherlich ihre Daseinsberechtigung.Ein klar definiertes Produkt geht zu einem festen Preis über die virtuelle Theke.Ein schnelles, problemloses Geschäft.Zurecht feiern die ersten Unternehmen in diesen Sparten ordentliche Erfolge.

Doch der Spaß hört schnell bei erklärungsbedürftigen Produkten auf.Hier kann der Internet-Shop nicht mit dem persönlichen Dialog von Mensch zu Mensch mithalten.Wo individueller Service und komplexe Fragestellungen im Mittelpunkt stehen, sind dem Internet-Angebot Grenzen gesetzt.Bei dem heutigen Stand der Technik kann eine individuelle Betreuung keinesfalls durch eine virtuelle Ansprache ersetzt werden.Leistungsfähige, multimediale Einkaufswelten schaffen vielleicht zukünftig Abhilfe.Doch bis dahin bleibt das Kauferlebnis jäh auf der Strecke.

Darüber hinaus erweist sich die Online-Bezahlung noch immer als größtes Problem beim Thema E-Commerce.Vergeblich wartet die Branche auf eine einheitliche Cash-Technologie.So stecken die meisten konkurrierenden Online-Währungen noch in den Kinderschuhen.Groß angelegte Pilotversuche werden durch Hiobsbotschaften aus der Hackerszene unterwandert.Entsprechend verunsichert reagiert der Internet-Kunde.Folglich greifen die Unternehmen wieder auf traditionelle Zahlungsmittel zurück.Per Verschlüsselung wird mit der klassischen Kreditkarte gezahlt.Doch auch hier sind nicht alle Risiken ausgeräumt.Daher gehen einige Anbieter noch einen Schritt weiter: Sie bestellen online, per Nachname trudelt die bestellte Ware bei Ihnen ein.Sieht so E-Commerce aus?

Der Autor ist Unternehmensberater in Berlin und hat sich auf die neuen Medien spezialisiert.

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