Zeitung Heute : Kegeln mit Opa

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Der einzige Mensch, den ich in den ersten Wochen sah, nachdem ich nach Freiburg gezogen war, war mein Opa. Mein Opa ist ein sehr schweigsamer Mensch. Er hat einen kantigen Körperbau und die schönsten Hände, die ich kenne. Riesengroße, breite Hände, der Mittelfinger links ist nur ein Stummel, weil er ihn beim Heckenscheren abgeschnitten hat. Als ich klein war, konnte ich mit der ganzen Hand einen seiner Finger festhalten, und wenn er mich festhielt, hatte ich dieses absolut sichere Gefühl. Ich wünschte mir, dass alle Dinge, die mir später in meinem Leben entgleiten würden, von diesen Händen festgehalten werden. Wenn mir meine Oma aus dem Supermarkt ein Überraschungsei mitbrachte, habe ich ihn immer gebeten, das winzige Spielzeug zusammenzubauen, das darin war. Und ich sehe ihn immer, wie er versucht, klitzekleine Rädchen an einen klitzekleinen Schubkarren zu stecken. Und seine Finger waren doch so groß!

Als ich im Januar von Berlin nach Freiburg umsiedelte, kam er ab und an vorbei. Wir transportierten gemeinsam die Umzugskisten zum Container. Er hatte da einen einfachen Trick. Er warf sie vom dritten Stock das Treppenhaus hinunter. Von Beruf war er Hausmeister in einem Waisenhaus. Dem gleichen Waisenhaus, in dem er selber als Kind gelebt hat. Jetzt wohnt er mit der Oma in Kirchzarten, ein paar Kilometer von Freiburg entfernt. Einmal in der Woche hat er einen Kegelabend. Mit einem anderen alten Mann und drei alten Frauen. Sie haben eine Kegelbahn in einer Wirtschaft gemietet. Meine Oma hat es nicht gern, wenn er dort hingeht, weil sie dann zu Hause allein ist. Sie ist fast blind und nicht gern allein. Der Opa geht aber trotzdem hin. Auch wenn sie manchmal danach nicht mit ihm redet.

Letzte Woche sagte mein Opa zu mir: „Geh halt mal mit.“ Ich sagte ja, weil ich in Freiburg noch niemanden kenne. Und so ging ich mit meinem Opa zum Kegeln. Der Kegelabend findet immer nachmittags statt, von 15 Uhr bis 19 Uhr.

Mit mir waren wir sechs. Opa, Wladi und ich gegen drei alte Damen. Ein Geschwindigkeitsrausch war es nicht. Ich war mal mit Freunden beim Bowling, da ging es schon etwas härter her. Die Damenmannschaft trank Tee mit Zitrone oder Rum. Und die Herrenmannschaft trank alkoholfreies Bier und ich ein Spezi. Auf einer großen Tafel wurden die erreichten Ergebnisse mit Kreide aufgeschrieben. Wenn jemand eine Hausnummer geworfen hatte, war die entsprechende Crew begeistert, es kann auch sein, dass die gegnerische Crew begeistert war. Ich habe mir die Spielregeln nicht gemerkt. Der Opa gab mir die Anweisung. Die Kugel war aus Holz, und ich wurde immer von allen der Junge gerufen. Der Junge kann es, wenn er will.

Mein Opa gab sich immer große Mühe, die erforderliche Zahl zu erreichen. Wladi rief: „Bruno, auf dich schauen jetzt ganze Welt!“ Wladi ist aus Russland und kann noch nicht fehlerfrei Deutsch. Dem Opa sah man an, dass ihm sein rheumatischer Arm beim Werfen weh tut. Ich hatte den Eindruck, dass er nicht sehr erfolgreich kegelt. Die Damen nahmen das Ganze viel lockerer. Sie kicherten und steckten die Köpfe zusammen, wenn sie wieder bei ihrem Tee saßen. Als mein Opa mich nach Hause fuhr, sagte er: „Vielleicht redet die Oma auch erst mal nicht mehr mit dir, weil du kegeln warst.“ Wir lächelten uns an. Ich ging bei mir die Treppen hoch und fragte mich, ob ich, wenn ich alt bin, auch nachmittags eine Kegelrunde habe… Aber das ist ja noch eine Zeit lang hin. Ich brauche noch nicht anzufangen mit dem Training.

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